Stefan Vobis / Thomas Lienenlüke © Privat / imago / Stefan M. Prager
Kreative und Corona, zweiter Teil

Zwischen Verständnis für Pause und Hoffnung auf Neustart

 

Ist Fernsehunterhaltung systemrelevant? Über die Schwierigkeit in der Krise zu scherzen und unterhalten und die Hoffnung auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität sprechen TV-Producer Stefan Vobis und Kabarett-Autor Thomas Lienenlüke.

von Senta Krasser
08.04.2020 - 00:00 Uhr

Fernsehdeutschland steht still. Fast. Während der News-Bereich übertourig hochdreht und tägliche Sondersendungen über die neusten Virus-Wendungen informieren, gerät der Motor der Unterhaltungsbranche zunehmend ins Stottern. Shows entfallen komplett wie die "On Tour"-Ausgaben des ZDF-"Fernsehgarten" oder pausieren seit voriger Woche wie Corona-bedingt "The Masked Singer" bei ProSieben; dafür ging fast täglich eine neue Wohnzimmerunterhaltung auf Sendung.

Nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist das fiktionale Erzählen. Film- und Seriendrehs sind bis auf Weiteres gestoppt. Eine Reihe von Freischaffenden vor und insbesondere hinter der Kamera bangt um ihre Existenz. Wie ist die Stimmung? Was ist in Corona-Zeiten an kreativer Arbeit noch möglich? Was kommt aus den eilig zusammengerührten Geldtöpfen von Bund und Ländern tatsächlich an bei Autoren, Regisseuren & Co.? Und wie verändert Corona das Fernsehmachen überhaupt? Ein Rundruf in drei Teilen.

Stefan Vobis© Privat
Stefan Vobis, TV-Producer

Auch Stefan Vobis, freier TV-Producer und Produzent von Unternehmensfilmen in Köln, hat die vergangenen Tage genutzt, um den Formulardschungel für staatliche Unterstützung zu durchpflügen. Eine effektivere Lösung wäre aus seiner Sicht allerdings die Rückzahlung aller in diesem Jahr geleisteten Steuervorauszahlungen. „Die Daten liegen allen Finanzämtern vor. Perspektivisch wäre uns Kreativen geholfen, wenn wir bei der Einkommensteuer das bei vielen sehr gute Jahr 2019 mit dem schlecht laufenden Jahr 2020 verrechnen könnten. Hohe Steuernachzahlungen in Kombination mit Einkommensverlusten verschärfen die Not.“

Binnen drei Tagen wurden Vobis alle geplanten Drehs abgesagt, alle laufenden Projekte vorerst gestoppt. „Da wir in der Regel mit mindestens vier, fünf Leuten unterwegs sind, ist Drehen derzeit unmöglich.“ Sorge bereitet Vobis jetzt nicht nur, was passiert, wenn der ein oder andere Kunde insolvent geht und seine Bürogemeinschaft aus Freiberuflern in die Röhre schaut. „Wie schnell kann der ganze Betrieb nach Corona wieder hochgefahren werden? Am Luxusgut Kultur und Film wird in der Krise zuerst gespart. Wie lange wird es also dauern, bis dafür wieder Geld in den Kassen ist?“

Vobis‘ Einsätze bei TV-Shows, sonst eine sichere Bank, sind weitestgehend gestrichen. „Ins Studio darf nur noch, wer unbedingt muss. Das trifft uns Freie natürlich oft als Erste.“ Offene Salatbüffets, viele Leute in kleinen, feuchten Räumen – die hygienischen Zustände bei den Produktionen seien zu Beginn der Corona-Krise ohnehin „im Nachhinein bewertet nicht optimal“ gewesen, findet Vobis, da habe man als Freier schon überlegt: Gehst du hin und nimmst den Tagessatz mit? Inzwischen wurde überall zu schärferen Maßnahmen gegriffen, sowohl bei der Esssituation als auch bei Teamgrößen. Bei seinen Auftraggebern im Privatfernsehen spürt Vobis den Goodwill, Freie solange es geht auf die Payroll mitzunehmen, und sei es, dass sie per Video weiter zu Redaktionskonferenzen zugeschaltet werden und abrechnen dürfen.

Nach Corona, ist sich Vobis sicher, werden einige Produktionen, die bislang mit Riesenaufwand produziert wurden, wegfallen oder schlichter ausfallen, so wie es bei den News schon der Fall ist, wo viele Schalten über iPad oder iPhone laufen. „Man muss ja auch nicht immer mit dem klassischen Dreierteam aus Redakteur, Ton- und Kameramann losziehen.“ Die momentan zu beobachtende „Youtubeisierung des Fernsehens“ – alles wird von zuhause aus per Webcam aufgenommen und im Sender zusammengefahren – hält Vobis in dieser Notsituation für eine gute Lösung. Aber auf Dauer? „Ich mag mir nicht vorstellen, dass wir auch in Zukunft lauter Raufasertapeten im Hintergrund ertragen müssen.“ Die Wertigkeit der Bilder, die Fernsehen auszeichnet, fehle ihm schon jetzt: „Will man eine bestimmte Markenqualität erhalten und die auch ins Internet übertragen, muss man zurückkehren zu einem komplexeren Produktionsgebilde.“

Thomas Lienenlüke© imago images / Stefan M Prager
Thomas Lienenlüke, Kabarett-Autor

Webcam-Kabarett statt Live-Performance aus dem Studio – für die Humor-Bastion „Schlachthof“ im Bayerischen Fernsehen ist die Wahl der Sendemittel momentan ebenso alternativlos, wie sie es schon für „Extra 3“ (NDR), Dieter Nuhr im Ersten oder die ZDF-„Anstalt“ war. Da Außen- und Live-Drehs, außer in der Aktualität, auch beim BR Science Fiction geworden sind, musste das Team um Chefautor Thomas Lienenlüke für die "Schlachthof"-Ausgabe vom 2. April umdenken. Bereits am Wochenende zuvor zeichnete jeder Künstler seinen Part daheim auf, einige sogar im Privatstudio in HD. Lienenlüke coachte per Telefon. Im Schnitt werden alle Teile zusammengepuzzelt.

Natürlich habe auch er Angst, dass wenn das alles mit Corona vorbei ist, Leute sagen, Mensch, Fernsehen geht doch auch mit einem iPhone und Kugelmikrofon. Lienenlüke warnt aber vor Schnellschüssen: „So sehr ich ein Freund des Purismus bin und an die Macht des Wortes glaube – Fernsehen ist ein visuelles Medium, das gute, professionelle und komplexe Auflösungen und auch direkte Interaktion verlangt. Timing bekomme ich über Skype nie so hin wie im real gespielten Dialog.“ Gerade Kabarettisten und Comedians brauchten die Rückmeldung vom Publikum, um zu merken, ob sie Unfug reden oder zu lang werden. „Das sagt ihnen keiner, wenn sie zuhause sitzen. Das muss dann der Cutter ausbaden.“

Lienenlüke steht auch selbst als Kabarettist auf Bühnen, sofern sie nicht wegen Corona geschlossen sind. Zurzeit ist ihm also nur der Schreibauftrag für den „Schlachthof“ geblieben. Die für ihn letzte Produktion vor Live-Publikum war die Sketch-Comedy „Frauen’gschichten“ (ab 17. April im BR), wobei das Team die Schnittkonferenzen via Skype und Telefon abhalten musste, was Lienenlüke zufolge gut funktionierte. Weil er Rücklagen habe, stehe er nicht vor der elementaren Not, die Miete nicht mehr bezahlen zu können. „Ich weiß von vielen Kollegen, denen es sehr viel schlechter geht. Für sie sollten diese Geldtöpfe sein.“ Auch wenn es eine Binse sei: In Corona sieht Lienenlüke die Chance, „dass wir miteinander solidarisch sind. Über ideologische Grabenkämpfe hinweg merken wir, verdammt, wir sind doch sehr aufeinander angewiesen“. Der BR zeigt sich ihm zufolge insofern solidarisch, als dass er den „Schlachthof“ weitersendet und nicht Wiederholungen herausholt.

Fischt man übrigens die Ausgabe vom 5. März aus der Mediathek, wirkt sie wie aus der Zeit gefallen: Mit Publikum! Mit Polemik über Corona! Lienenlükes Standpunkt damals: Das ist doch Hysterie wie bei der Schweinegrippe. Da will sich bloß die Industrie an einem Impfstoff bereichern, und am Ende braucht kein Mensch mehr die Millionen Ampullen. „Heute weiß ich es leider besser: Ich habe Corona, wie im Übrigen viele andere Kabarettkollegen auch, brutalst unterschätzt.“ Der Gefahr eines „Corona-Overkills“ ist sich der Autor bewusst. Da die Welt nicht nur aus Hamsterkäufen, Händewaschen und nicht rauskönnen bestehe, müsse und wolle man im „Schlachthof“ auch thematisieren, dass Europa durch Corona noch mehr auseinanderdrifte, als es das bisher schon tat. „Witze über Klopapier“, verspricht Lienenlüke, „wird es bei uns nicht geben.“

Über die Autorin

Senta Krasser ist mit "Wetten, dass…?" aufgewachsen und hat die Hoffnung auf eine Renaissance großer Samstagabendunterhaltung nicht aufgegeben. Seit bald 20 Jahren schreibt sie u.a. über Show und Film, Trash und Talk, News und Comedy. Seit 2006 wirkt sie an der Auswahl für den Grimme-Preis mit.

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