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Gastbeitrag der RTLzwei-Chefredakteurin

Sozialdokus bei RTLzwei: Deshalb wollen wir, dass ihr das seht

 

Nicht die Machart der Dokus sei das Problem, sondern die Weigerung der Kritiker, die harten Realitäten anzunehmen und armen Menschen einfach zuzuhören - sagt RTLzwei-Chefredakteurin Konstanze Beyer. Ein Gastbeitrag als Replik auf harte Kritik

von Konstanze Beyer , München
13.04.2020 - 09:45 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Am Ostersonntag hat sich Hans Hoff in seiner Kolumne unter dem Titel "Armes Fernsehen? Elendstourismus vor laufender Kamera" mit den RTLzwei-Reportagen zum Thema Armut in Deutschland befasst. Auch Bernd Gäbler widmet sich in einem aktuellen Diskussionspapier der Otto-Brenner-Stiftung unter dem Titel "Armutszeugnis - Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt" diesem Genre. Gäbler hat RTLzwei keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Wir wollen dies tun und den Diskurs ggf. fortführen.


Konstanze Beyer© RTLzwei
Im Folgenden ein Gastbeitrag von RTLzwei-Chefredakteurin Konstanze Beyer.

Eine Replik auf unsere Kritiker
Sozialdokus bei RTLzwei: Deshalb wollen wir, dass ihr das seht!

Viele Medienbeobachter geißeln "Hartz und herzlich" und "Armes Deutschland" als Elendstourismus und Menschenzoo. Das Unbehagen von Hans Hoff und anderen zeigt aber vor allem eines: Nicht die Machart der Dokus ist das Problem, sondern die Weigerung der Kritiker, die harten Realitäten anzunehmen und armen Menschen einfach zuzuhören.

Reportagen und Dokumentationen über das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft sind in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Bestandteil des Programms von RTLzwei geworden. "Hartz und herzlich", "Armes Deutschland" und weitere Formate lenken den Blick auf Schicksale, die die meisten von uns nicht sehen wollen, oder von denen sie nicht wussten, dass es sie im reichen Deutschland gibt. Das Publikum begleitet diese Formate mit anhaltend hohem Interesse.

Das ruft natürlich immer wieder auch Kritiker auf den Plan, die sich an Machart und Inhalten stören. Gestern kritisierte Hans Hoff hier bei DWDL in einem Kommentar unsere Sendungen. Vergangene Woche veröffentlichte die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall ein „Diskussionspapier“ von Prof. Bernd Gäbler zur Armutsberichterstattung im deutschen Fernsehen und insbesondere bei RTLzwei – ein als wissenschaftliche Arbeit getarntes Meinungsstück, das nur unbelegte Behauptungen und Polemik zu bieten hat, und bei dem es der Autor für verzichtbar gehalten hat, auch mal mit uns zu reden.

Viele der Kritikpunkte von Hans Hoff und anderen mussten wir uns so oder ähnlich schon oft anhören. Oft sind es Feststellungen, die einfach nicht den Tatsachen entsprechen, und deshalb besonders ärgerlich sind – vor allem für die Kolleginnen und Kollegen, die diese Formate mit viel Engagement und Überzeugung on air bringen. Nachfolgend will ich ein paar Dinge geraderücken – zur Qualität unserer Sozialdokumentationen, und warum wir mit ihnen und vielen weiteren Formaten eine Sicht auf die Realität eröffnen, die im Angebot der TV-Sender nach wie vor zu selten ist.

Behauptung "Durch die hohe Zahl an Programmstunden mit Armuts-Dokus verzerrt RTLzwei die Wahrnehmung des Problems beim Zuschauer und zeigt, dass es vor allem Quote machen will."

Gemessen daran, wie viele Menschen in Deutschland in prekären Verhältnissen leben, nehmen sie im TV-Programm insgesamt noch viel zu wenig Raum ein. Niemand beschwert sich, es würden zu viele Mittelschichtsfamilien oder Hipster in Altbauwohnungen gezeigt, dabei sind diese Milieus in Dokus oder fiktionalen Formaten nun wirklich überrepräsentiert. Auch im Programm von RTLzwei nehmen andere Themen und Genres deutlich größeren Raum ein. Selbst wenn also jemand nichts anderes schauen würde als RTLzwei, ist die Gefahr, dass er Deutschland als Land des Niedergangs und der Tristesse wahrnimmt nicht größer als jene, nach der sich Zuschauer von ARD und ZDF angesichts der Vielzahl an Krimis dort in einem Land voller Mörder und anderer Verbrecher wähnen.

„Hartz und herzlich“ war ursprünglich als einmaliges Projekt gedacht. Handlungsort der drei Pilot-Folgen war Duisburg in NRW. Dass es im Ruhrgebiet Stadtviertel gibt, die soziale Brennpunkte sind und in der Armutsstatistik ganz vorne stehen, ist allgemein bekannt. Überrascht und erschreckt hat uns, dass bei genauerem Hinsehen in nahezu allen Regionen Deutschlands Menschen in ähnlich prekären Situationen leben. In mittleren und kleineren Städten (Rostock, Bitterfeld, Pirmasens, Salzgitter), im eigentlich reichen Baden-Württemberg (Mannheim) und auch an Orten, von denen weite Teile der deutschen Bevölkerung vermutlich noch nie etwas gehört haben (Niedergörsdorf bei Berlin).

Wir zeigen also kein extremes oder randständiges Thema, sondern eine weit verbreitete soziale Realität, die aber nahezu keinerlei Berührungspunkte zur Mittelschicht hat (außer zu den Angestellten im Job-Center) und deshalb vielen scheinbar unbekannt ist.

Behauptung: "Die Mitwirkenden in den Sozialreportagen von RTLzwei werden vorgeführt und bloßgestellt."

Das trifft nicht zu. Dieser Vorwurf ist eher Ausdruck der Betroffenheit, des Unwohlseins und vielleicht auch der Beschämung derer, die zuschauen, und deren Lebensumstände womöglich weit weg sind von denen, die wir zeigen.

Oft wird gesagt, Arme haben keine Stimme, keine Lobby, kommen nicht zu Wort. Wenn sie es selbst tun, wie bei uns, dann ist das anscheinend unerwünscht, weil peinlich oder nicht so geschliffen formuliert, wie es Akademiker können. Aber gerne dürfen Experten oder Autoren über sie reden und bestimmen, und sagen, was sie brauchen oder in welcher Art und Weise sie gezeigt werden sollen.

Behauptung: "Es sind keine echten Dokus, die Mitwirkenden werden gecastet, das Geschehen ist inszeniert."

Die Mitwirkenden werden nicht gecastet, sondern wie für jede andere Reportage oder Dokumentation durch eine Recherche gefunden – und zwar als die Menschen, die sie sind, und nicht als jemand, der sie sein sollen. Wir schreiben keine Drehbücher, wir geben keine Handlungen vor und führen auch keine Konflikte herbei, die es ohne die Produktion nicht gegeben hätte.

Diese oft geäußerten Vorwürfe sind schlicht falsch und für unsere Produktionspartner und die Redaktion auch beleidigend. Bei der Fülle des Materials, das wir drehen, kann es im Einzelfall zu kritikwürdigen Vorfällen kommen, aber das ist die absolute Ausnahme, da haben wir ein genaues Auge drauf. Eben weil die Sozialreportagen für RTLzwei ein imageprägendes Alleinsteilungsmerkmal sind. Wir sind stolz auf diese Formate. Da können und wollen wir uns Fake nicht leisten. Deshalb gibt es vonseiten RTLzwei strenge Leitlinien für die Produzenten.

Wir kennen die Unterschiede zwischen journalistischen und gescripteten oder fiktionalen Formaten sehr gut. Manch Kritiker kennt sie offenbar nicht, wenn sie in einer offenbar grundsätzlichen Abneigung gegen den Unterhaltungsanspruch der Privatsender davon ausgehen, dass dort eh alles Fake ist. Das ist nicht viel intelligenter als der Lügenpresse-Vorwurf.

Behauptung "Wir begegnen den Protagonisten in den sozialen Brennpunkten ohne Respekt, zeigen Verwahrlosung, oder Menschen deshalb, weil sie besonders kinderreich, skurril, laut oder krank sind. Wir zeigen einen 'Menschenzoo'."

Das ist falsch. Auch hier kommt für mich wieder bildungsbürgerlicher Dünkel zum Ausdruck. Wo mangelt es an Respekt? Was bitteschön ist skurril? Was ist laut? Das Gesehene entspricht nicht den Erfahrungen und Normen des eigenen Milieus, es erzeugt Gefühle der Scham und der Abgrenzung. Also wird einfach gesagt: Das stimmt so nicht, das ist gefaked oder verzerrt. Solche Zustände dürfe man nicht zeigen, das sei respektlos. Ich sage: Diese Reaktion und die Kritik an RTLzwei dienen der eigenen Entlastung.

Im Übrigen: Es ist eine belegte Tatsache, dass die Armutsquote unter kinderreichen Familien höher ist. Das finden wir so auch vor und zeigen es. Und Armut macht krank – und Krankheit macht arm. Auch das ist in der Forschung belegt. 

Behauptung "Es wird auf erschreckende oder traurige Szenen unnötig 'draufgehalten'. Das ist manipulativ."

Wir geben Menschen und Geschichten einen Raum, die sonst in den Medien nicht vorkommen, oder nur als Problem, über das andere reden. Oft sind das Bilder, die schwer anzuschauen sind, das ist wahr. Aber sie vermitteln direkt und ehrlich, was soziale Probleme sind und wie Menschen in diesem Land leben. In Talkshows oder Expertengesprächen kommen die von Armut betroffenen Menschen selten selber zu Wort. Wir wählen diese Genres deshalb bewusst nicht.

Wegschauen und abstrahieren, das passiert viel zu oft. Auch das hätten manche Kritiker lieber, wenn sie wie Gäbler fordern, die gezeigten Personen zum Aufräumen ihrer Wohnungen zu ermahnen, sie von Aussagen abzubringen oder sie nachträglich ändern zu lassen, bis hin zum Recht auf Abnahme und Freigabe des Sendematerials durch die Mitwirkenden. Das wäre dann journalistisch sauber und nicht manipulativ? Die Realität zu zeigen, ist hier unsere Aufgabe.

Behauptung "Protagonisten sind nach den Dokumentationen unglücklich über ihre Teilnahme, oder sehen sich bzw. ihre Umgebung falsch und verzerrt dargestellt"

Das kommt vereinzelt vor, ist aber meist die Folge diskriminierender Reaktionen des Umfelds nach der Ausstrahlung. Bei „Hartz und Herzlich“ besuchen wir die Menschen und Orte oft nach einem Jahr wieder. Sie würden wohl kaum erneut längeren Dreharbeiten zustimmen, wenn sie unglücklich mit ihrer Darstellung gewesen wären.  

Manchmal gibt es Kritik von anderen Anwohnern, wenn das Viertel, in dem sie leben, als stark problembehaftet gezeigt wird, obwohl sie selber sich wohlfühlen dort, im Sportverein oder beim Stammtisch. Gerade für Lokalpolitiker ist die Kritik an den Formaten etwas, womit sie sich profilieren können. Wir verstehen das auch. Wichtig ist: Wir drehen keine umfassenden Porträts von Stadtvierteln, in denen auch alle positiven Aspekte gezeigt werden, sondern wir porträtieren Menschen. Der Ort, an dem sie leben, ist nur das prägende Umfeld, vor dessen Hintergrund sie uns ihre Geschichten erzählen. 

Behauptung "Gutes dokumentarisches Fernsehen will nicht werten, es will nur zeigen, was ist. Diesen eigenen Anspruch erfüllt RTLzwei nicht."

Und ob wir das tun, vorbehaltslos. Wir dokumentieren die Realität ohne Filter. Das ist manchmal schwer auszuhalten, dessen sind wir uns bewusst. Aber es ist eben genau kein Zerrbild der Realität, es ist die Realität, und zwar eine schmerzende. Wir leisten einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte, wie der Kommentar von Hans Hoff oder das Papier der Otto-Brenner-Stiftung zeigen, und zwar in einer Art und Weise, die andere so nicht verfolgen.

Der renommierte Armutsforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann hat das gut beschrieben. Bei einer Vernissage zu der von RTLzwei initiierten Fotoausstellung „Trotz dem Leben“ hat er gesagt: „Umso wichtiger, das Thema endlich breit zu diskutieren und aus der Scham-Ecke herauszuholen. Es ein sehr großer Verdienst von RTLzwei, dass mit den Mitteln von authentischen dokumentarischen Reportagen zu versuchen – keine abstrakten Analysen und bewertende Kommentare zu senden (die sind auch nötig, aber davon haben wir bereits viele), sondern die Menschen einfach an Ort und Stelle zu besuchen und sie direkt zu Worte kommen zu lassen. Sie ernst zu nehmen und ihnen eine Stimme zu geben, damit sie auf ihre Situation aufmerksam machen und ihren Alltag darstellen können, so wie er ist.“

Behauptung: "Die journalistischen Formate bei RTLzwei sind auf das Thema Armut begrenzt. "

RTLzwei ist nicht allein eine Unterhaltungsmarke, sondern ein Medienunternehmen, das sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist. Das zeigt sich in einer Vielzahl an Formaten und Programmelementen mit gesellschaftlich relevanten Inhalten, aber auch im karitativen und umweltbezogenen Engagement des Unternehmens. Die Sozialreportagen unter dem Label "Trotz dem Leben" erzielen hohe Reichweiten bei jungen Zielgruppen, die öffentlich-rechtliche Sender nicht einschalten.

Darüber hinaus haben wir viele Doku-Formate im Programm, die andere schwierige Themen behandeln: psychische Krankheiten, Drogensucht, Tod, an Krankheiten leidende Kinder, herausfordernde Berufe... Wir versuchen, diese Themen sensibel und mit einem positiven, konstruktiven Ansatz zu verfolgen. Wir zeigen nicht nur Missstände, sondern wollen auch Mut machen. Beispiele hierfür sind „Die Gruppe – Schrei nach Leben“, „Hartes Deutschland“, „Kleine Helden ganz groß“, „Mensch Polizist“, „Raus mit der Sprache – Nie wieder stottern“, „Stahl:hart gegen Mobbing“, „Voller Leben – Meine letzte Liste“, oder „Das denkt Deutschland“. Für das Format „Endlich Klartext! – Der große RTL II Politiker-Check“ mit Comedian Abdelkarim haben wir den Deutschen Fernsehpreis bekommen.

Behauptung: RTLzwei-Dokumentationen werden nur von Menschen mit geringer Bildung geschaut und aus zweifelhaften Motiven.

Es mag Menschen geben, die nur ARD, ZDF, arte und 3sat schauen. Das nennt man dann wohl Bubble. Unsere Zuschauer sind ein Querschnitt aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Das zeigen allgemein zugängliche Forschungsdaten. Außerdem erfahren wir über wahnsinnig viele E-Mails und Anrufe von Zuschauern, dass wir tatsächlich etwas bewirken. Sie sind bestürzt, sagen, dass wir ihnen die Augen geöffnet haben, und sie wollen helfen und spenden. 

Behauptung "Sozial schwache Menschen oder solche mit niedriger formaler Bildung müssen bei TV-Produktionen anders behandelt werden."

Das ist eine schwierige Frage, über die wir intern häufig diskutieren. Im Kern geht es bei dieser Diskussion ja darum, dass jemand vor sich selber geschützt werden soll. Das ist wieder dieser bürgerliche, paternalistische Reflex, der die Menschen in unseren Dokus aber entmündigt. Das ist nicht unser Ansatz.

Gleichwohl gibt es Grenzfälle und tatsächlich auch Situationen, die wir bewusst nicht zeigen. Insbesondere, wenn Kinder betroffen sind, gehen wir sehr vorsichtig vor. Die werden falls gewünscht und geboten gepixelt. Wir arbeiten bei „Hartz und herzlich“ mit dem Deutschen Kinderhilfswerk zusammen, und haben etwa eine Beratung und psychologische Betreuung bei den Drehs und während der Ausstrahlung von „Armes Deutschland – Deine Kinder“ vor Ort. Ich gebe aber zu, dass es Folgen von „Frauentausch“ gibt, auf die ich in dieser Hinsicht nicht stolz bin. Da können wir an uns arbeiten.

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