Markus Barth © Barth
Pandemie-TV

Corona-Comedy live im Netz: Ich streame, also bin ich

 

Die Corona-Krise hat das kulturelle Leben in Deutschland lahmgelegt. Bühnenkünstlern wie Markus Barth brachte das ein Auftritts-, nicht aber ein Kreativitätsverbot ein. Längst haben sie das Internet als Ersatz für sich entdeckt - eine Konkurrenz für das Fernsehen?

von Senta Krasser
22.05.2020 - 14:04 Uhr

Zum "Staffelende", wie es Markus Barth (nicht zu verwechseln mit dem anderen Herrn Barth, Vorname Mario) nennt, gab es Dienstagabend guten schottischen Whisky und einen Schuss bayerische Prominenz. Für Punkt 19 Uhr verabredete sich der Kölner Komiker mit dem Comedy- und Whisky-Connaisseur Michael Mittermeier quasi zum betreuten Trinken in der "Stay the f*ck home"-Show auf Barths Instagram-Kanal. Eine Dreiviertelstunde schoben sich die beiden Profiwitzemacher zwischen Köln und München die Pointen und Anekdoten hin und her. Das Publikum applaudierte in der Kommentarspalte wie beschwipst mit Herzchen und "Mega, vielen, vielen Dank!"-Lob. Die Corona-geschundene Seele des Künstlers war gestreichelt.

Seit der Premiere Mitte März hat es Markus Barth mit kleinen Unterbrechungen, den "Staffelpausen", auf mehr als 50 Ausgaben seiner Instant-Show gebracht. Auch CSU-Politikerin Dorothee Bär und ZDF-Moderatorin Dunja Hayali schalteten sich schon als Gäste von daheim zu. Bis zur nächsten Staffel von "Stay the f*ck home" sammelt der Gastgeber, der jetzt eigentlich mit seinem aktuellen Programm "Haha… Moment, was?" auf Tour durch die Republik wäre, neue Ideen. Dass es eine Fortsetzung gibt, steht für ihn fest. Barth will weiter Live-Unterhaltung im Internet machen, auch nach Corona.

Der Lockdown vor zwei Monaten hat Bühnenkünstlern wie Markus Barth Auftritts-, aber nicht Kreativitätsverbot eingebracht. Ihre Darbietungen, ob Stand-Up, Lesung oder Konzert, verlegten sie aus den Theatern, Konzerthäusern und Buchhandlungen ins Internet. Wie die Pilze schossen die Formate aus dem Boden, kaum einer in der Kulturszene blieb offline. Wobei: "Format", wie man es aus dem echten Fernsehen kennt, ist übertrieben. Die meisten dieser Live-Streams auf Instagram oder Twitter sehen nach Zeitvertreib aus und haben allenfalls die Qualität eines Podcasts, nur mit statischem Bild. Das neue Sendungsbewusstsein speist sich aus dem Unwohlsein der verordneten Untätigkeit, vielleicht auch aus der Angst vor dem Vergessen. Ich streame, also bin ich – Gedanken über gestalterische Raffinesse spielen da nur eine untergeordnete Rolle. Der technische Aufwand fürs Heim-TV ist ja auch unschlagbar gering.

Der Pianist Igor Levit, auch auf Twitter ein Weltstar, investierte ganze 24 Euro in Equipment, bevor er anfing, sich zu filmen, wie er Beethoven spielt. Als er sein erstes von rund 50 Live-Twitterkonzerten gab, schauten ihm mehr als 340.000 Klassikfans vom Wedding bis Washington zu (sein Stammpublikum schrumpfte in der Folge auf immer noch beachtliche 25.000 bis 30.000 Views). Die Ton- und Bildqualität – egal. Das gemeinsame Erlebnis in der Krise – ungleich wichtiger.

"Beim Fernsehen muss man erstmal mit vier Redakteuren und dem Regisseur darüber reden. Alles ist verlangsamt."
Markus Barth

Air Pods für den besseren Ton und fürs schmeichelhaftere Licht eine dieser kreisrunden Lampen, die Influencer für ihre Schmink-Tutorials benutzen – mehr Anschaffung tätigte auch Markus Barth nicht für seine Insta-Show. Man sieht es, und Barth selbst sieht es auch so. Wer jemals beim Fernsehen gearbeitet habe, und das hat er getan, wisse natürlich, "was ein guter Licht- und ein guter Soundtechniker leisten", sagt der Comedian. Ende 2019 moderierte er im WDR seine erste eigene Satireshow, "Soweit dazu". Als Autor von "Ladykracher" (Sat.1) heimste er Preise ein. Seine Wertschätzung für die vielen Gewerke im Hintergrund, die klassisches Fernsehen schaffen, sei "schon immer da" gewesen. Was ihn an seiner One-Man-Show auf Instagram nun reize, sei die direkte Verbindung zum Publikum und die Schnelligkeit: "Wenn mir morgens was einfällt, bringe ich es abends in meiner Sendung. Der Witz wird noch am selben Abend ausgestrahlt und die Leute reagieren direkt über die Kommentarfunktion. Beim Fernsehen muss man erstmal mit vier Redakteuren und dem Regisseur darüber reden. Alles ist verlangsamt." Nichtsdestotrotz, wenn er manchmal für die "Stay the f*ck home"-Show in seine Handykamera schaue, denke er sich schon, ach, jetzt eine Maskenbildnerin, das wäre toll.

Es ist nicht bekannt, ob Jasmin Schreiber ähnliche Gedanken hegte, als sie im März statt auf Lesetour zu gehen, im Pyjama auf dem Bett allabendlich aus ihrem Roman "Marianengraben" vorlas, live gestreamt auf Twitch. Mehrere Tausend Menschen schauten der Debütantin zu, mehr als sie bei einem analogen Auftritt wohl hätte erreichen können. Ihr Selbstbewusstsein als Bewegtbildmacherin stieg im selben Maße. In einem Zeitungsinterview behauptete Schreiber kokett: "Wenn jetzt alle selbst streamen, greift das natürlich ein bisschen Funk und Fernsehen an." Kaum zu glauben, dass sie ihre doch sehr schlicht gehaltene Bett-Lektüre coram publico mitgemeint haben könnte. Wahrscheinlich nicht. Zumindest in einem Punkt erfüllen die Schreiber’schen Lesungen das Kriterium, eine Art von rundfunknaher Konkurrenz zu sein: weil sie, Achtung Bürokratendeutsch, "entlang eines Sendeplans" verbreitet wurden. Und das ist ein Problem, dessen sich nicht alle Neu-Streamer bewusst sind.

Stand-up im Sitzen, Musik vom Band

Wer auf Twitter (oder wo auch immer) ankündigt, dass er um 19 Uhr streamt und das regelmäßig tut, hat einen Sendeplan. Wer wiederum eine Sendung plant und diese etwa durch Anmoderation oder Interviews journalistisch-redaktionell gestaltet, verbreitet nach geltendem Medienrecht Rundfunk, für den es eine Lizenz zum Senden braucht. Die Zulassungspflicht entfällt nur dann, wenn weniger als 500 Nutzer zeitglich auf Empfang gehen. In der Pandemie, wo das Live-Streaming letztverbliebene Möglichkeit kultureller Interaktion geblieben ist, machen sich die für die Rundfunkaufsicht zuständigen Medienanstalten indes locker. Bis 31. August darf im Prinzip jeder Künstler frei streamen, es reicht bloß das Ausfüllen eines Online-Formulars. Danach, wenn der neue Medienstaatsvertrag kommt, sollen Streamer mit weniger als 20.000 Zuschauern von der Lizenzpflicht befreit sein.

Sebastian Rabsahl © Henriete Becht
Ob "Allein daheim", seine "Latenight ohne Show" auf Twitch, ein Angriff auf Funk und Fernsehen sei oder gar Rundfunk? Da muss Sebastian23, bürgerlich Sebastian Rabsahl (Foto), lachen. "Ich glaube, in den Redaktionen dieses Landes würde man über die Zuschauerzahlen, die ich damit erreiche, sanft schmunzeln." Seit dem 10. Mai streamt der fernsehbekannte Poetry Slammer und Autor ("Cogito, ergo dumm") jeweils sonntags und donnerstags aus seinem Arbeitszimmer ein Programm, das sich stark an der klassischen Late Night orientiert. Sendebeginn ist standesgemäß um 22 Uhr – da schlafen praktischerweise Rabsahls Kids, 3 und 7 Jahre alt. Es geht los mit dem obligatorischen Stand-Up (im Sitzen), es gibt Musik (vom Band), buntes Licht und einen zugeschalteten Gast, dazu Einblendungen und Video-Einspieler, sogar selbstgedrehte Sketche. Alles ungefähr so, wie es Rabsahl als Sidekick und Co-Autor von Michel Abdollahi in den NDR-Late-Nights "Panorama – die Show" und "Der deutsche Michel" gelernt hat. Mehr als um die 100 Zuschauer pro Live-Übertragung haben das Internet-Kleinod "Allein daheim" bisher allerdings noch nicht entdeckt. Beim Thema "Rundfunklizenz", schiebt der Web-Anchor hinterher, würde er von daher noch eine ganze Weile lang auf Unverhältnismäßigkeit plädieren können.

Gestalterisch und organisatorisch verlangt die Spätshow auf Twitch Rabsahl viel ab. Aufregend sei es für ihn, gleichzeitig Licht, Ton und Regie steuern zu müssen, dazu den Job des Moderators, Gag-Autors, Künstlerbetreuers und Promoters zu übernehmen. Würde er Technik-Profis engagieren, sähe "Allein daheim" sicher "sehr viel anders und besser aus". Andererseits, und da ist Rabsahl einer Meinung mit Comedian Markus Barth, komme der "Do-it-yourself-Gedanke mit einer großen Freiheit" daher: "Ich muss mich nicht mit einer Redaktion auseinandersetzen, um zu schauen, ob dieses oder jenes Thema relevant genug ist, um es im Fernsehen zu senden, oder ob dieser oder jener Gast genug Publikumsanziehungskraft hat. Ich kann einfach die Show so machen, wie ich sie haben will." So viel Bodenhaftung hat er dennoch, um zu wissen: "Da gibt es noch viel Luft nach oben, glücklicherweise."

Wie das produktionstechnische Optimum aussehen kann, zeigt – ein Schwenk zu einem völlig anderen Genre – das Beispiel des Star-Geigers und geigenden Streamers Daniel Hope. Auf 34 Episoden "Hope@Home" hat es der Musiker gebracht, freilich mit professioneller Hilfe von Arte. Während eines Treffens mit Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer Arte Deutschland und ZDF-Koordinator, Anfang März in Berlin kam, damals noch eher scherzhaft, die Idee auf, im Falle eines kulturellen Shutdowns Hopes Berliner Wohnzimmer in einen Streaming-Konzertsaal zu verwandeln. Als es dann ernst wurde, brauchte es 72 Stunden, da stellten Hope und die auf Musikproduktionen spezialisierte Kobalt Productions schon das erste Hauskonzert live auf die digitale Musikplattform Arte Concert. Mit FS-7 Kameras, größtenteils unbemannt, wurde gedreht. Fürs Make-up waren Hope und seine Gäste aus hygienischen Gründen selbst zuständig. 

Es versteht sich von selbst, dass an Bild- und Tonqualität von "Hope@Home" (und dem Nachfolgeformat "Hope@Home - on tour!") nichts zu mäkeln ist. Optisch und akustisch kein Vergleich zur Igor-Levit-Performance drüben auf Twitter. In Hopes Hauskonzerten steckt eben klassisches, teures TV-Handwerk drin. Mit diesem öffentlich-rechtlichen Web-Angebot reagiert Arte nach eigenen Angaben auf die Pandemie-bedingte, rasante Verlagerung der Kulturszene ins Netz. Neben "Hope@Home" entstand beispielsweise auch das Projekt #UnitedWeStream, bei dem täglich DJ-Sets aus Berlin und weiteren europäischen Städten live gestreamt werden.

Dass viele andere Künstlerinnen und Künstler in Eigenregie drauflos senden, empfindet der Kultursender übrigens "selbstverständlich nicht als Konkurrenz", sondern "als einen zusätzlichen wichtigen Beitrag zur individuellen Krisenbewältigung" der vielen Menschen, die momentan auf Besuche von Kulturveranstaltungen verzichten müssten.

Über die Autorin

Senta Krasser ist mit "Wetten, dass…?" aufgewachsen und hat die Hoffnung auf eine Renaissance großer Samstagabendunterhaltung nicht aufgegeben. Seit bald 20 Jahren schreibt sie u.a. über Show und Film, Trash und Talk, News und Comedy. Seit 2006 wirkt sie an der Auswahl für den Grimme-Preis mit.

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