Saisonbilanz 2019/20 - Sat.1 © Sat.1
Saison-Bilanz

Sat.1 2019/20: Eine Palme macht noch keinen Sommer

 

In sieben von neun Monaten der Saison 2019/20 lag Sat.1 unter dem Vorjahreswert - daran änderte auch "Promis unter Palmen", der größte Neustart-Erfolg seit Ewigkeiten, nichts. Dazu waren die Fehlschläge zu zahlreich - auch wenn man weitere Lichtblicke entdecken kann.

von Uwe Mantel
29.06.2020 - 10:00 Uhr

Vor einem Jahr attestierten wir Sat.1 in unserer Saison-Bilanz noch ein "verlorenes Jahr", weil es an den entscheidenden Baustellen nicht voran ging. Die Saison 2019/20 lief nun tatsächlich noch etwas schlechter, nur in einem von neun Monaten zwischen September und Mai gelang es, den Monatsmarktanteil des Vorjahres zu übertreffen, zwischenzeitlich drohte Sat.1 sogar mal auf weniger als 7 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe zu fallen, zweistellige Werte scheinen längst völlig unerreichbar. Trotzdem zeigt sich diesmal ein etwas aufgehellteres Bild. Und das hängt vor allem mit einem Format zusammen: "Promis unter Palmen". Mit in der Spitze über 20 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe war es der größte Erfolg des Sender seit langem - und die Einlösung einer Ankündigung, die Sat.1-Chef Kaspar Pflüger Ende letzten Jahres für 2020 gemacht hat: "Lauter werden" sollte der Sender - und das hat man mit dem Dauerkrawall der Sendung fraglos geschafft, auch wenn man zwischenzeitlich übers Ziel hinaus schoss - Stichwort Mobbing und weitere Grenzüberschreitungen.

Trotzdem: Eine solche Sendung hätte man - trotz der Tradition von "Promi Big Brother" - bislang eher bei RTL vermutet, dass sie auch bei Sat.1 so gut funktionierte, darf Pflüger als Bestätigung seiner angepassten Strategie werten und dürfte dem zuletzt häufig so gebeutelten Sender wieder mehr Selbstvertrauen geben. Mit dem auch im vergangenen Jahr wieder überaus erfolgreichen "Promi Big Brother" und "Promis unter Palmen" hat der Sender nun jedenfalls zwei starke Quoten-Zugpferde im Reality-Bereich im Programm, die dem Sender eine Extra-Portion Aufmerksamkeit bescheren, so wie es RTL mit dem Dschungel stets zu Jahresbeginn gelingt. Jetzt müsste man es nur noch schaffen, diese Aufmerksamkeit drumherum mit weiteren starken Formaten zu nutzen.

Direkt im Anschluss an "Promis unter Palmen" wurde Sat.1 allerdings auch schon wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: "The Mole" war kein Erfolg. Und Anfang des Jahres scheiterte auch schon das Nackt-Experiment "No Body is perfect" - hier allerdings womöglich, weil es nicht laut genug, sondern ziemlich seriös daher kam. Als das Publikum das bemerkte, blieb es nach einem starken Auftakt ab Woche 2 prompt weg.

Dauerbaustelle Vorabend: Zurück in die Zukunft?

Die größte Baustelle von Sat.1 ist seit langer Zeit der Vorabend. Sonntags läuft es hier zwar prächtig, hier hat man RTL längst den Rang abgelaufen, auch wenn der Neustart "Mit Nagel und Köpfchen" eher enttäuschend lief. Dafür schlugen sich die Profi-Bäcker noch besser, "Hochzeit auf den ersten Blick" erneut grandios, auch "The Biggest Loser" punktete wieder. Ganz anders sieht es an den restlichen Tagen der Woche aus: Samstags kann Sat.1 wenig dafür, handelt es sich beim überaus erfolglosen "Grenzenlos" doch um ein Programm, das man aufgrund der Drittanbieter-Regelung zeigen muss. Schmerzlicher sind die schwachen Quoten unter der Woche. Im Herbst sendete man dort mit "Ungelogen" und "Nächste Ausfahrt Liebe" komplett am Publikum vorbei, beide Formate verschwanden umgehend wieder. Der nächste Rettungsversuch hieß dann "Big Brother". 

Und tatsächlich gelang es mit dem Format, am Vorabend die Quoten zu steigern - aber bei Weitem nicht in dem Maße, wie es für ein solch aufwendiges Format nötig wäre. Im Schnitt 6 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe sind am Vorabend nicht das, wofür man so viel Geld ausgeben würde - und in der Primetime liefen die Entscheidungsshows so mies, dass sie zum Ende sogar in den späten Abend abgeschoben wurden. Trotzdem zeigte sich zum Ende der Saison auch hier ein Lichtblick für Sat.1: Die Neuauflage von "K11" schlug sich sehr wacker - und wäre nicht die Corona-bedingte Produktionspause dazwischen gekommen, hätte Sat.1 das Format in diesem Frühjahr womöglich gut etablieren können. Im Herbst wird man hier einen neuen Anlauf unternehmen - und falls das erneut gut läuft, könnten im Umfeld ja auch "Richter und Sindera" oder "Grünberg und Kuhnt" noch ihr Publikum finden. Die anderen beiden "Light-Crime-Dokus", wie Sat.1 sie nennt, taten sich nämlich schwer.

Kaum noch Hoffnung besteht unterdessen für "Genial daneben - Das Quiz". Seit mittlerweile zwei Jahren versucht Sat.1 nun schon, damit den Erfolg von "Wer weiß denn sowas?" am ARD-Vorabend zu kopieren, doch Aufschwung ist weit und breit nicht in Sicht, im Gegenteil: Seit der "Big Brother"-Pause läuft es schlechter denn je. Dafür läuft es für Sat.1 nachmittags aktuell wieder ziemlich gut. "Auf Streife" & Co. profitieren wohl nicht zuletzt auch von der RTL-Schwäche - das Festhalten an der bewährten Programmfarbe hat sich für Sat.1 also vorerst ausgezahlt - zumindest so lange, bis die Konkurrenz womöglich doch ein neues Erfolgsrezept auftut. Einstweilen muss man sich über diese Zeitschiene bei Sat.1 aber nicht den Kopf zerbrechen.

Sat.1 stellt sich in der Fiction selbst ein Bein

Mehr Kopfzerbrechen bereitet da schon die Fiction - inzwischen ein ganz trauriges Kapitel für Sat.1, zumindest was die Eigenproduktionen angeht. Auch weiterhin hat man keine einzige erfolgreiche laufende deutsche Serie im Portfolio. Der einzige Anlauf, das zu ändern waren im Februar die Comedyserien "Think Big" und "Die Läusemutter". Für erstere gab's sogar eine Fernsehpreis-Nominierung, doch Sat.1 hat es gar nicht erst geschafft, bei einer eine nennenswerte Zahl von Menschen überhaupt Neugierde darauf zu wecken, was per se die Alarmglocken schrillen lassen müsste. Nach zwei Wochen mit weniger als fünf Prozent Marktanteil verschob Sat.1 "Think big" in den späteren Abend, wo sie auch nicht besser lief. Und "Die Läusemutter" verschwand gleich ganz - was besonders ärgerlich war, weil man dort auch noch zwei Staffeln am Stück bestellt hatte.

Ansonsten konzentrierte man sich in Sachen Fiction zuletzt auf den Versuch, keine klassischen Serien, sondern Krimireihen zu etablieren - das Rezept, mit dem ARD und ZDF so unglaubliche Erfolge einfahren. Doch Sat.1 verfiel im Herbst auf die Idee, diese ausgerechnet am Montagabend zu zeigen - und damit eben in direkter Konkurrenz zum ZDF-Fernsehfilm der Woche, der allzu oft auch Krimistoff bietet. Das sorgte nicht nur für sehr ernüchternde Gesamt-Reichweiten, selbst beim jüngeren Publikum zog man häufig den Kürzeren. Mit einer unglücklichen Programmierung stellte sich Sat.1 damit also auch noch selbst ein Bein, will an der Reihen-Strategie aber trotzdem erstmal festhalten.

Wie gut, dass Sat.1 sich nun ausgerechnet auf die bei vielen Sendern so deutlich zurückgefahrene US-Serien wieder stärker verlassen konnte. "Navy CIS" hat im ersten Halbjahr die besten Quoten seit 2016 erzielt, lag häufig sogar wieder im zweistelligen Marktanteils-Bereich. Im Schlepptau ging's auch für "Navy CIS: L.A." aufwärts. Und gerade erst konnte man mit "Lincoln Rhyme" gute Quoten erzielen - wobei die Entscheidung von NBC, die Serie nach der ersten Staffel abzusetzen, in dem Fall natürlich zur Unzeit kam. Trotzdem ist die US-Ware im Fiction-Bereich für Sat.1 noch der stabilisierende Faktor.

"Voice"-Ableger enttäuschen, Lukes "Great Night Show" ausbaufähig

Im Show-Bereich hat man natürlich weiterhin "The Voice", das auch nach neun Jahren noch erfolgreich läuft - dass die Strahlkraft der Marke trotzdem nachlässt, kann man an den Ablegern sehen: Sowohl "The Voice Senior" als auch "The Voice Kids" hatten mit deutlichen Problemen zu kämpfen - zumindest am so hart umkämpften Sonntagabend können sie gegen die Konkurrenz kaum bestehen. Musikalisch punkten wollte man im Frühjahr auch mit "United Voices". "Das größte Fanduell der Welt" blieb zum Auftakt allerdings bei weniger als 7 Prozent Marktanteil am Freitagabend hängen. Eine zweite Chance gibt's in Kürze - hier müsste nun schon ein erheblicher Aufschwung her. Zur herben Enttäuschung geriet auch "Dancing on Ice". Der zweiten Staffel wurde wohl auch zum Verhängnis, dass man die Auftaktshow zweiteilte und unendlich in die Länge zog - so viel Sitzfleisch wollten nur die wenigsten aufbringen. Und "The Taste" zeigt inzwischen deutliche Abnutzungserscheinungen.

Die zweite erfolgreiche "Marke" in Sachen Show ist dafür Luke. Die Idee, aus seiner Late Night eine "Great Night Show" in der Primetime zu machen, verfing aber nur bedingt. Schlecht waren die Quoten nicht, doch sein Potential ausgeschöpft hat Luke Mockridge dort auch nicht, wie etwa die deutlich stärkeren Werte von "Luke! Die Schule und ich" zeigen. Bessern soll sich das in Zukunft, indem man den Sendungen eine thematische Klammer gibt. Eine gute Idee war es in jedem Fall, aus der Fangen-Show "Catch" wieder ein Event zu machen und keine ganze Staffel. Das sorgte für deutlich steigende Quoten.

Während Luke seine Sache gut machte, tat sich sein Kumpel Faisal Kawusi schwer. Weder "Das Quiz, für das Jörg Pilawa keine Zeit mehr hatte" noch die neue Staffel der "Faisal Kawusi Show" wussten zu überzeugen, ein Totalausfall am späteren Abend war auch "Vorschrift ist Vorschrift" mit Frank Rosin sowie die nach langer Wartezeit neue Staffel der Sketch-Comedy "Rabenmütter". Gut lief's dafür für die "Martina Hill Show". Die zweite Staffel profitierte deutlich auch vom Wechsel auf den Sonntagabend und den Vorlauf durch "The Voice". Letztlich recht solide bei starker Schwankungsbreite lief auch die "Nightwash"-Neuauflage, das ganz gut mit "Mord mit Ansage"-Niveau harmonierte - auch wenn das Foramt deutlich unter den Vorjahreswerten blieb.

"Akte" nach dem Neustart schwächer denn je

Und dann steht da noch ein ziemlich betrübliches Kapitel der Sat.1-Geschichte aus: Der Neustart des Magazins "Akte", nun in Eigenregie und nicht mehr von Meta Productions aus Berlin zugeliefert. Dabei ließ sich alles so gut an, die erste Sendung der neuen Ära erreichte über 15 Prozent Marktanteil und schlug damit noch die kühnsten Erwartungen. Doch dieses Niveau konnte nicht ansatzweise gehalten werden, im Schnitt kamen die neuen Folgen bislang nur auf 6 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe, in diesem Jahr liegt der Schnitt bislang sogar unter 5 Prozent. Das Problem: Für "Akte" schaltet offenbar kaum jemand ein - und der Vorlauf war stets miserabel, die wechselnden Beginnzeiten erledigten den Rest. Im Herbst floppten im Vorfeld die Sat.1-Filme, im Frühjahr ging "Big Brother" baden - und weil man die Reality-Show in den späteren Abend verschob, fand sich die "Akte" plötzlich teils auf Sendeplätzen nach Mitternacht wieder. So dürfte es schwer werden, die Marke zu stärken.

Sucht man nach einem Erfolg im Magazin-Bereich, muss man aber nur ins morgendliche Sat.1-Programm schauen. Das "Sat.1 Frühstücksfernsehen" war, ist und bleibt aus Quotensicht das Aushängeschild des Senders, holt meist den höchsten Marktanteil des ganzen Tages. In diesem Jahr wurden im Schnitt bislang fast 15 Prozent Marktanteil erzielt, locker das doppelte des sonstigen Senderschnitts, RTL wird regelmäßig gerade deklassiert. Und Sat.1 könnte den Erfolg womöglich ganz einfach ausbauen: Als man zur Corona-Zeit dem "Frühstücksfernsehen" eine Corona-Zusatzstunde spendierte, stimmten auch da die Quoten. Ob das nicht auch ohne Corona eine Dauereinrichtung werden kann, wäre eine Überlegung wert. Das scheint jedenfalls erfolgversprechender als ein Gesundheits-Talk wie die "Dr. Wimmer Show", die bei ihrem vierwöchigen Test in diesem Frühjahr schwer tat.

Über den Autor

Uwe Mantel ist stellvertretender Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Schaut seit den 80ern Fernsehen und schreibt seit 2004 auch darüber. Kann sich sowohl in gute Serien als auch trockene Zahlen vertiefen. Und seine fränkische Herkunft nicht verleugnen.

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