Logo: EntavioARD und der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßen den Entschluss der ProSiebenSat.1 Media AG, auf eine "Verschlüsselung ihrer über Satellit ausgestrahlten Fernsehkanäle zu verzichten". So weit die Freude. Doch zunächst hat ProSiebenSat.1 lediglich angekündigt, nicht in der beanstandeten Form am Projekt Entavio teilzunehmen. Damit sei noch keine grundsätzliche Entscheidung für oder gegen die Grundverschlüsselung gefallen, teilte das Unternehmen gestern mit.

Ohne die auf einer Aussage des Kartellamts beruhenden Entscheidung gegen Entavio wären die Zuschauer "die großen Verlierer gewesen, wenn alle kommerziellen Angebote im Pay-TV verschwunden wären", sagte ARD-Generalsekretärin Dr. Verena Wiedemann. Fraglich, ob sich verschlüsseltes aber dennoch frei empfangbares Fernsehen im Sinne einer sachlichen Diskussion unter dem Begriff des Pay-TV subsummieren lässt. Im Sinne der ARD, die sich gemeinsam mit dem ZDF als letzte Bastion des freien Fernsehens sieht - das schließlich so "free" auch nicht ist - lässt es sich das sicherlich schon.

"Einen Mehrwert für die Zuschauer hätte die Grundverschlüsselung nicht gebracht", sagt Edda Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Auch hier ist fraglich, ob eine derart pauschale Aussage Bestand haben kann. Zum einen vermengt sie die Frage der Grundverschlüsselung als solcher mit der Frage, wer direkt die Kosten für dieses Unterfangen tragen wird. Zum anderen ist eine valide Zu- oder Absage hinsichtlich eines Mehrwertes derzeit nur schwer zu treffen. Fakt ist, dass die Grundverschlüsselung das Fernsehsystem, so wie es sich derzeit noch darstellt, gehörig verändern wird. Wie die daraus resultierenden Geschäftsmodelle aussehen, ist derzeit noch recht offen.
 
 
Auch wenn es kein Mehrwert ist, so ist es für den Zuschauer dennoch wünschenswert, auch weiterhin hochwertige Programme zu sehen. Deren Rechteinhaber werden voraussichtlich in Zukunft vermehrt auf die Verschlüsselung ihrer Inhalte pochen, um Piraterie zu unterbinden und die Ausstrahlung regional zu begrenzen. Um neue Geschäftsmodelle etablieren zu können, die den privaten Sendern in Zeiten einbrechender Werbemärkte gut zu Gesichte stünden, ist die Adressierbarkeit der Empfänger ein wichtiges Element. Auch dazu wird die Verschlüsselung benötigt. Beim Satelliten stellt sich hier aber die Frage, wer die daraus resultierenden Kosten tragen soll, da die Satellitenbetreiber bisher keine direkte Beziehung zu ihren Signal-Abnehmern hatten.

Auf einem gemeinsamen Workshop des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und des Branchen-Forums "TV-Plattform" im vergangenen Oktober sagte Prof. Werner Schwaderlapp vom me:mi-Institut: "Adressierbarkeit kann Mehrwert schaffen, wenn sie entsprechend ausgestaltet wird". Zwar bedeute die Adressierbarkeit Mehrkosten beim Anbieter, diese allerdings müsse man betriebs- und volkswirtschaftlich, sowie medien- und kulturpolitisch, gegen den Mehrwert beim Kunden abwägen.

In ihrer Forderung nach frei empfangbarem Fernsehen machen der Verbraucherzentralen-Verband und die ARD gemeinsame Sache. Ein weiteres Ziel ihrer Forderung nach unverschlüsseltem Free-TV ist der Erhalt eines grenzüberschreitenden frei empfangbaren Fernsehprogramms. Das könnte in Zeiten der Verschlüsselung in der Tat ein Problem werden. Denn wenn der Rechteinhaber eine regionale Begrenzung seines Programms haben will, dann wird Mallorca sicher nicht als Deutschland gelten.