Lange bevor die Kaulitz-Brüder in der Nacht zu Mittwoch den DWDL-Bericht und damit ihre neue Aufgabe beim ZDF bestätigten, machte ihre "Wetten, dass..?“-Moderation am Dienstag Schlagzeilen, wie schon lange keine TV-News mehr. Quer durch beinahe alle Medien war die Verpflichtung der beiden Zwillinge für die ZDF-Show ein Thema, von der "Tagesschau" bis "Bild", von Radio bis in die Socials, von "FAZ" bis "Spiegel". Erst wurde vermeldet und oft schon wenige Stunden später kommentiert, nicht nur von Journalistinnen und Journalisten. Das Spektrum der Reaktionen in den sozialen Netzwerken war extrem, vom Jubel der Fans bis zu untragbaren Beleidigungen. 

Einige der abfälligen Vorwürfe fanden jedoch auch ihren Weg in die journalistische Einordnung einer News, deren Bestätigung noch ausstand. Und doch waren die Meinungen darüber, wie die Sendung wohl werden wird, schon überraschend ausgeprägt - die Definition von Vorurteil, oft basierend auf einer despektierlichen Verortung der Kaulitz-Brüder. Wer sie als Influencer oder Podcaster zu degradieren versucht, begeht zwei Fehler: Weder ist das für die junge Generation ein Vorwurf oder Makel, noch spiegelt das die 20-jährige Karriere der Brüder mit ihrer Band Tokio Hotel. Für eine solche Anerkennung des Erfolges spielt der persönliche Musikgeschmack keine Rolle. 

Von "Nostalgie-Show mit Influencer- und Heidi-Klum-ihr-Mann-Glamour" war die Rede, von Leichtgewichten und fehlendem Niveau. Nun muss man unterscheiden: Geschmäcker sind verschieden - und niemand muss Bill & Tom Kaulitz mögen. Doch in der Beschreibung der neuen Gastgeber von "Wetten, dass..?" mischt sich Kulturkampf mit Ignoranz: Die beiden Zwillinge sind schließlich nicht nur Musiker. Sie haben auch einen der erfolgreichsten Podcasts in Deutschland und mit ihren Formaten in TV & Streaming schon mehrere Auszeichnungen gewonnen. Für die berufliche Verortung ist es auch nebensächlich, dass einer der beiden mit Heidi Klum liiert ist, aber das zahlt natürlich so schön ein auf die Argumentation a la "Die haben es sich doch gar nicht verdient."

Mit 37 Jahren, da fängt die Show erst an

Dabei haben Bill & Tom Kaulitz eine nicht minder erfolgreiche Karriere hinter sich als der junge Thomas Gottschalk damals, 1987, als er die ZDF-Show von Frank Elstner übernahm. Gottschalk war damals übrigens 37 Jahre alt - und damit genauso jung wie die Kaulitz-Brüder bei ihrer Premiere im kommenden Dezember. Erstmal ist nur eine Show angekündigt, aber das ist naheliegend: Zuletzt hatte das ZDF auch nicht mit mehr als einer "Wetten, dass..?"-Ausgabe im Jahr geplant. Kein Grund also, sich zu früh festzulegen. Ein One Night Stand, den man abwarten kann. Am 5. Dezember wissen wir alle mehr. 

Wobei eins schon jetzt feststeht: Die Show wird nicht an Erfolge von früher herankommen. Das ist kein Pessimismus, auch keine Geringschätzung. Es ist nur realistisch eingeordnet angesichts der sich stetig verlagernden Fernsehnutzung vom Linearen ins Non-Lineare. Den Zahn kann man also jetzt schon ziehen; da braucht sich niemand warm zu schreiben. Gottschalks Erbe ist nicht in Gefahr, er bleibt der Quotenkönig des Formats. Umso smarter ist es deshalb, bewusst auf eine neue Generation zu gehen. Es wird nicht um Quotenrekorde beim Gesamtpublikum gehen, welches das ZDF im Übrigen ohnehin schon so erfolgreich wie kein anderer Sender erreicht. 

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Dafür ist es ein Befreiungsschlag. Erklärtermaßen will das ZDF die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen, wobei jung hier nicht Jugendwahn meint. Bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, der von allen bezahlt wird, aber linear von einem Publikum gesehen wird, das durchschnittlich (!) weit jenseits der 60 Jahre alt ist, liegt die Aufgabe von Bill & Tom Kaulitz nicht darin, massenkompatibel zu sein, sondern diese Show mit ihrem Stil neu zu definieren. Dass man Gesamtpublikum verliert, kann man da jetzt schon einpreisen. Die Frage ist: Wie viel jüngeres Publikum wird man so für sich gewinnen? 

Entertainer gesucht, keine Moderatoren

Mit einer Besetzung, die in einiger Hinsicht maximal weit entfernt ist von Gottschalk umgehen das ZDF und die beiden Zwillinge auch das Schicksal von Markus Lanz, der zwischen Zwang zu Kontinuität und eigenen Stil gefangen war. Noch dazu aber wurde dank ihm deutlich: "Wetten, dass..?" braucht keine Moderation. Ein starker Moderator ist Lanz schließlich. Nein, Thomas Gottschalk war Gastgeber. Jemand, bei dem Stars wie Publikum gerne auf dem Sofa saßen. Die Abende - nicht immer perfekt, oft mit Längen oder auch merkwürdigen Momenten. Aber am Ende stand meist die Erkenntnis: Insgesamt war’s doch wieder schön.

Moderation ist Handwerk, fürs Gastgeber-sein braucht man jedoch ein Händchen - und Entertainer-Qualitäten. Genau die kann man den Kaulitz-Zwillingen wohl kaum absprechen. Klar: Geschmäcker sind unterschiedlich, aber eine gewisse Extravaganz werden Kritiker wie Fans attestieren. Und so gesehen gibt es dann doch ein bisschen Kontinuität: Bei den Outfits dürfte Bill Kaulitz Thomas Gottschalk in nichts nachstehen. Und geflirtet werden dürfte möglicherweise auch weiterhin, nur eben anders. Neu und daher spannend wird die Dynamik eines so eingespielten Duos. 

Letztlich bleibt zu hoffen, dass die ZDF-intern realisierte Show nicht nur zwei neue Gastgeber vor der Kamera, sondern auch hinter den Kulissen neue Impulse bekommt. Das größte Risiko liegt jetzt darin, nicht mutig genug zu sein. Die Freiheit dafür hat man sich verschafft, jetzt muss man sie auch nutzen. Dann kann auch die Neuauflage eines Klassikers innovativ sein. Eine enorme Aufmerksamkeit, im medialen Überangebot unserer Zeit, scheint dem Projekt angesichts des großen Echos sicher. Das ist viel wert - und gleichzeitig auch die Antwort auf die Frage, wie das ZDF überhaupt auf diese Idee kommt.