"Klar" gehört wohl zu den öffentlich-rechtlichen Formaten, über die im vergangenen Jahr am meisten gesprochen wurde. Das lag nicht zuletzt auch an der Moderatorin Julia Ruhs, die sich als einzige Rächerin des objektiven Journalismus innerhalb der ARD inszenierte und sogleich Cancel Culture witterte, als BR und NDR das Format fortsetzen, der NDR jedoch ankündigte, künftig lieber auf eine andere Moderatorin setzen zu wollen. Und so ist Julia Ruhs weiterhin in den drei Ausgaben pro Jahr zu sehen, die der BR produziert. Die drei anderen Folgen werden von Tanit Koch präsentiert.
Die Kritik an Ruhs kam 2025 nicht von ungefähr. So äußerte sich die Journalistin im Vorfeld der Sendung auf gewöhnungsbedürftige Art und Weise und suggerierte, man habe in den vergangenen Jahren nicht mehr alles sagen dürfen. Das erste Thema des Formats war dann ausgerechnet Migration - also eines, das nun wirklich schon in so ziemlich allen Facetten besprochen wurde. Es gab aber auch inhaltliche Kritik an vor allem der ersten Folge, der NDR-Rundfunkrat kritisierte eine "beschränkte Perspektivenvielfalt innerhalb der Sendung und eine zu starke Emotionalisierung".
Das ist aber nur die habe Wahrheit. Anders als rechte Knallportale versuchte sich "Klar" schon immer auch daran, verschiedene Positionen abzubilden. Gelang das in Folge eins noch eher mäßig, war es bei den Testfolgen zwei und drei schon deutlich erfolgreicher. Und auch die zwei neuesten Folge der Reihe sind zum großen Teil solide gemachtes Reportage-Fernsehen, das keinen Anlass bietet, aus der Haut zu fahren.
"Klar" ist weder unter Tanit Koch noch unter Julia Ruhs ein einseitiges Propagandainstrument, das eine vermeintliche "rechte Lücke" innerhalb der ARD schließen will. In beiden Folgen versucht die Redaktion, verschiedene Perspektiven zu Wort kommen zu lassen. Der Ausgleich funktioniert und macht "Klar" letztlich zu einem fast schon klassischen journalistischen Format, an dem sich eigentlich niemand stören kann.
Ein fast schon klassisches journalistisches Format
Natürlich gibt es in den ersten beiden Folgen von "Klar" in diesem Jahr kleinere und größere Unterschiede. Tanit Koch behandelt das Thema Gewalt gegen Polizisten, Julia Ruhs beschäftigt sich mit dem Islamismus. Und während die NDR-Folge etwas nüchterner daherkommt und viel mit Fakten arbeitet, setzt der BR schon einmal auf dramatische Musik im Hintergrund, die die vermeintliche Gefahr untermauern soll.
Beides hat seine Berechtigung, letztlich ist die Folge mit Tanit Koch noch etwas eindringlicher. Die Journalistin spricht mit Polizisten, die während ihres Dienstes verletzt wurden, sowie mit Teilnehmenden einer linken Demo, die freimütig erklären, sie würden "gegen den Staat" kämpfen. Es kommt ein Professor für politischen Extremismus zu Wort ("Der Polizist wird als Mensch gehasst") und kurz wird auch das Thema von unverhältnismäßiger Gewalt von Polizisten angeschnitten.
Leider wird in der NDR-Folge über Gewalt an Polizisten nicht aufgeklärt, ob der Angreifer eines Hauptprotagonisten der Doku verurteilt wurde. Und nachdem Tanit Koch mit NRW-Innenminister Herbert Reul gesprochen hat und der erklärt, man habe für die Beamten neue Beratungssysteme geschaffen, wird nicht klar, ob das für die Betroffenen auch tatsächlich ausreichend ist.
Julia Ruhs erklärt in der Folge über Islamismus in Deutschland direkt zu Beginn den Unterschied zwischen Islam und Islamismus. Sie spricht in der weiteren Folge mit Opfern islamistischer Anschläge und lässt sich von einer Politikwissenschaftlerin und ehemaligen Verfassungsrechtlerin Probleme erklären. Nach einem kurzen Abstecher in die Welt der Zertifizierung von Halal-Produkten (Spoiler: Manche Zertifizierungsstellen sind problematisch, andere nicht) geht’s auch noch an zwei Schulen.
Ruhs schreibt mittlerweile auch für "Bild"
Ihren stärksten Moment hat die Folge über Islamismus gegen Ende, als ein Syrer, der für eine Organisation arbeitet, die sich für Extremismusprävention einsetzt, auf offener Straße mit verschiedenen Männern redet. Und wenn dann klar wird, dass diese die Scharia im Zweifel über das deutsche Grundgesetz stellen würden, zeigt sich: Ja, hier gibt es tatsächlich ein Problem in der Gesellschaft. Ansonsten inszeniert die Redaktion vor allem Ruhs ein bisschen zu intensiv, ohne dass das einen echten Sinn hätte. Das hat der NDR mit Koch besser gemacht.
Weder die Folge des NDR noch die des BR geben Anlass, an der journalistischen Herangehensweise der Redaktion zu zweifeln. Beide Themen haben ihre Berechtigung und sorgen bislang nicht für Diskussionen darüber, ob man sowas im öffentlich-rechtlichen Rundfunk senden darf. Die Aufregung des zurückliegenden Jahres hat sich - zurecht - gelegt. Oder wie es der Kollege Stefan Niggemeier in der "SZ" formuliert: "Wenn es die Vorgeschichte der Sendung mit der grotesken Aufregung nicht gegeben hätte – jede Wette, diese 30 Minuten würden sich versenden wie so viele andere Dokumentationen, Reportagen, Magazine: mit einem gewissen Publikum, aber ohne große Rezensionen und Empörungs- oder Begeisterungswellen in den sozialen Medien. Fernsehalltag."
Das hat auch damit zu tun, dass sich Julia Ruhs nicht mehr so provokant gibt. Als die Journalistin auf X vor einigen Tagen die Ausstrahlung ihrer "Klar"-Folge ankündigte, schrieb sie lediglich: "Wird sehr gut!". Keine Rede mehr davon, angeblich gecancelt worden zu sein. Mittlerweile schreibt Ruhs auch eine regelmäßige Kolumne in der "Bild". Und dort kommen die wirklich kontroversen Themen auf den Tisch. Überschrift ihres letzten Textes: "Der Wal ist wie unser Land: kraftlos, schwerfällig, im Stillstand". Aktuell wird "der Wal" (Timmy/Hope) gerettet. Die "Bild" titelt am Mittwochmorgen: "Timmy ist schon fast in Dänemark!" Aber was heißt das für unser Land?
Die zwei neuesten Ausgaben von "Klar" stehen in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.
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