Es gibt etliche Anzeichen mittelmäßiger Serien, besonders für solche aus hiesiger Produktion. Klischeehafte Figuren zum Beispiel, die keinen Bechdel-Test bestehen und reden wie vom Teleprompter. In einer Didaktik, die dem Publikum das Gezeigte ständig verbalisiert. Und beides gern mit einer Ausstattung, die dem Mode-Katalog der jeweiligen Epoche entspringt. Am zuverlässigsten aber weisen gewisse Darsteller auf Qualitätsmängel hin, und nein: gemeint sind weder Heino Ferch noch Veronica Ferres. Sondern Wilson Gonzalez Ochsenknecht.
Wann immer Uwes Stammhalter auftritt, sinkt das schauspielerische Niveau auf das eines Schultheaters. Was normalerweise schwer erträglich ist, kann allerdings auch Teil des künstlerischen Konzeptes sein. Und damit zu Elsa van Damkes „Stardust Hotel“, wo Ochsenknecht in der zweiten von sieben Episoden eincheckt. Es ist ein extraterrestrisches Gasthaus, das nach dem Erdkollaps ab heute in der ARD-Mediathek Gäste bewirtet. Wenngleich nicht viele. Stilistisch eher Kategorie Grand als Budget, möchte es die hochverschuldete Nia (Vanessa Loibl) daher schleunigst loswerden.
Doch damit der kosmische Großgastronom Miko (Roland Bonjour) das marode Hotel kauft, muss sie ihm mithilfe der Crew um den Empfangsandroiden Adam (David Brizzi) zu einem Stern verhelfen. Also kein Himmelskörper, sondern das erdgebundene Gütesiegel. Gar nicht so einfach. Denn Nias Personal besteht nur aus der Haustechnikerin Yakumi (Silke Sollfrank) und der Animateurin Eks (Thomomi Themann), die selten mehr als den daueralkoholisiertem Stammgast Vero (Sabine Vitua) betreuen. Falls es doch mal mehr werden, dann wie in der vierten Folge 80 Mitglieder einer esoterischen Schwurbel-Sekte.
Was der Writers Room von Hauptautorin Valentina Brüning („Rampensau“) nach einer Idee des Musikvideo-Experten Sebastian Egert aufgeschrieben hat, wagt sich also nicht nur in Gestalt des Episodendarstellers aus der Ochsenknechtsuppe aufs rasierklingendünne Eis günstiger Trash-Unterhaltung. Wohlwollend gesehen erinnert sie an Oliver Jahns gewollt dilettantische SciFi-Satire „Ion Tichy“, die Stanislaw Lems „Sterntagebücher“ 2007 mit Nora Tschirner und viel Liebe ins ZDF gebastelt hatte. Weniger großzügig betrachtet, versteckt sich darin Elina Natales missratene Nachtportier-Persiflage „Nighties“, voriges Jahr an gleicher Stelle.
Intergalaktisches Kammerspiel fernab jeder Konvention
Auf dem Mittelweg ist das Konzept, dem abgedroschenen Genre Tausender Film- und Fernsehherbergen von „Four Rooms“ oder „Fawlty Towers“ bis „Grand Budapest Hotel“ oder „The White Lotus“ eine Sternen(staub)fahrt zu verpassen, aber durchaus originell. Zumal Elsa van Damke und Simon Ostermann mit der Kraft ihrer Referenz-Projekte „Angemessen angry“ und „Oh Hell“ ein intergalaktisches Kammerspiel fernab jeder Konvention kreiert haben. Der Mix aus dramaturgischem Aberwitz und inszenatorischem Anarchismus im Schatten spürbarer Budgetzwänge birgt allerdings auch Gefahren. Die größte heißt: Nummernrevue.
Deshalb poppt Ochsenknechts Hochzeitsgast an Taneshia Abts Seite plus Partyplanung ähnlich selbstreferenziell im Stardust auf wie in Folge 3 Hendrik von Bültzingslöwens Liebesgast an Sara Fazilat Seite plus Sex-Roboter. Deshalb kriegt die knuffige Allzweckwaffe Daniel Zillmann wie in jeder Mediatheken-Serie genauso seine Episodenrolle wie Heidi Klums Ex-Model Marie Nasemann. Und deshalb leiht Detlev Buck einem Service-Roboter die Stimme, dessen menschelnde Übellaunigkeit sicher rein zufällig an Douglas Adams‘ Marvin in „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert.
Weil die Parcoursläuferin Sollfrank das Fremdschampotenzial im „Stardust Hotel“ mit einer Extraportion Ausdruckslosigkeit weiter erhöht, droht es sich deshalb in den unendlichen Weiten öffentlich-rechtlicher Seriendesaster wie „Hameln“, „Tanken“, „Pumpen“ zu verlieren – gäbe es nicht gute Gründe, siebenmal 25 Minuten im Stardust einzuchecken. David Brizzi zum Beispiel überzeugt als kybernetischer Concierge, dessen Irritation über die anthropologischen Widersprüche fast das Niveau von Dan Stevens Love-Cyborg in „Ich bin dein Mensch“ erreicht. Auf der Suche nach Qualitätsmerkmalen muss man den Abspann jedoch etwas länger laufen lassen.
Wichtiger als die Topgewerke Drehbuch, Regie oder Schauspiel sind nämlich Kostüm, Ausstattung und Musik. Szenenbildner Matthias Klemme hat sein SciFi-Hotel zum retrofuturistischen Kleinod zwischen Raumpatrouille Orion und Fin de Siècle dekoriert. Die Kostüme seiner Kollegin Kaya Kürten atmen Jean Paul Gaultiers skurrile Eleganz, was Lisa Morgensterns Soundtrack passgenau mit synthetischem Space-Gefrickel untermalt. Und wenn Plastikstühle oder Einwegbecher als Referenzen an Stanley Kubricks „2001“-Knochen vorm Hotelfenster schweben, gönnt sich die Serie obendrein verspielte Konsumkritik.
Passend dazu hat Valentina Brüning der feministischen Filmemacherin van Damke ein paar Seitenhiebe aufs Hier und Heute in die Zukunft geschrieben. „Hochzeit, die“, erklärt der wandelnde Quantencomputer Adam: „Ein Ritual aus irdischen Zeiten, bei dem ein Mann und eine Frau ja zueinander sagen“, was „wie das Wissen um andere patriarchale Bräuche und das Rezept für grüne Soße nach dem Exodus in Vergessenheit geraten“ sei. Wenn die Braut später „Ehe ist ja wohl der größte Witz“ sagt, zeigt das Sternenhotel also sein sozialkritisches Potenzial. Schade nur, dass Wilson Gonzalez Ochsenknecht den Bräutigam spielt.
Alle Folge sieben Folgen von "Sturdust Hotel" stehen in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.
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