Was macht Martin Scorsese jetzt mit KI?

Ausgerechnet Martin Scorsese. Der Mann, der wie kaum ein anderer für die Erinnerung an das Kino steht, sitzt in einem Clip von Black Forest Labs vor dem Rechner und lässt sich beim Storyboarden helfen. Nicht von einem Zeichner mit Skizzenblock. Sondern von FLUX, dem Bildmodell des deutschen KI-Unternehmens. Scorsese beschreibt, was er sich vorstellt, was er sucht, welche Stimmung eine Szene haben soll. Die Maschine liefert Bilder. Scorsese reagiert und denkt weiter. Er wirkt dabei wie jemand, der ein Werkzeug ausprobiert.

Natürlich war die Empörung vorhersehbar. Storyboard Artists sehen darin den Anfang einer Verdrängung. Wenn erste visuelle Übersetzungen künftig von Modellen kommen, die auf der Arbeit unzähliger Künstler trainiert wurden, geht es um Urheberschaft und um Jobs. Diese Sorge ist nicht unbegründet. Trotzdem greift mir die Erzählung vom Verrat zu kurz. Denn Kino war nie ein statisches Kunsthandwerk, das durch technische Reinheit gerettet wurde. Kino war immer auch Technologiegeschichte. Tonfilm, Farbe, Breitwand, Steadicam, Videotechnik, digitale Schnittsysteme, CGI, Motion Capture, virtuelle Produktion, De-Aging. Fast jeder große technische Sprung wurde zunächst als Angriff auf bestehende Formen, Berufe und Gewissheiten erlebt. Und fast immer hat das Kino am Ende nicht nur verloren, sondern auch gewonnen. Es wurde größer, beweglicher, manchmal billiger, aber oft auch ausdrucksstärker.

Scorsese ist deshalb eine so starke Figur in dieser Debatte, weil man ihn schwer als ahnungslosen Tech-Evangelisten abtun kann. Er ist kein Silicon-Valley-Gründer, der der Filmbranche erklärt, dass sie jetzt bitte disrupted werden möge. Er ist jemand, der das Kino bewahrt, indem er es ernst nimmt. Und wer Filmgeschichte ernst nimmt, muss auch akzeptieren, dass ihre ästhetische Entwicklung immer wieder durch neue Werkzeuge ausgelöst wurde. Ein entscheidender Unterschied aber bleibt: KI ist nicht einfach die nächste Kamera. Sie greift tiefer in kreative Arbeitsteilung ein, imitiert Stil, berührt Rechtefragen und eignet sich hervorragend für jene Studiologik, die aus jedem Werkzeug irgendwann ein Kostensenkungsprogramm machen will.

Mehr zu Black Forest Labs und den Scorsese-Clip gibt es hier

Welcher Zusammenschluss ist nun wahrscheinlich durch, könnte aber noch deutlich teurer werden?

Das US-Justizministerium hat die geplante Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Paramount Skydance freigegeben. Ohne eine einzige Auflage. Keine Veräußerungen, keine Verhaltensauflagen, keine Konzessionen notwendig. Nach einer achtmonatigen Prüfung von mehr als zwei Millionen Dokumenten lautet das Fazit der Antitrust Division: Der 111-Milliarden-US-Dollar-Deal schadet dem Wettbewerb nicht, er stärkt ihn womöglich sogar. Dass diese Einschätzung unter einer Trump-Administration fällt, die mit David Ellisons Familie bestens vernetzt ist, hat die Glaubwürdigkeit der Prüfung für viele Beobachter von Anfang an belastet. Ob das Ergebnis nun politisch begünstigt war oder nicht, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Fakt ist: Paramount hat die größte US-Regulierungshürde ohne Abstriche genommen.

Ist der Deal damit durch? Nein. Zwei substanzielle Hürden sind noch offen. In Brüssel läuft parallel zur Standard-Fusionsprüfung - vorläufige Frist 7. Juli - eine Prüfung unter der sogenannten EU Foreign Subsidies Regulation mit Frist 14. Juli. Und die ist beinahe interessanter als die klassische Kartellkontrolle. Die EU untersucht, ob die rund 24 Milliarden US-Dollar, die die Staatsfonds aus Saudi-Arabien, Katar und Abu Dhabi in den Deal einbringen, den Käufer im EU-Binnenmarkt unfair bevorzugen. Kommt die Kommission zu diesem Schluss, könnte sie verlangen, dass diese Beteiligungen reduziert oder strukturell umgebaut werden. Eine Neuregelung, die die gesamte Finanzierungsarchitektur des Deals in Frage stellt. Denn ohne die 38,5 Prozent Eigenkapital der Golfstaaten sähe Paramounts Bilanz nach dem Closing erheblich angespannter aus.

Hinzu kommen die Attorney Generals der US-Bundesstaaten. Rob Bonta in Kalifornien und Letitia James in New York bereiten eine gemeinsame Klage vor. Die erfolgreiche Einstweilige Verfügung gegen den Nexstar-Tegna-Merger im April - gegen einen ebenfalls DoJ-genehmigten Deal - hat gezeigt, dass bundesstaatliche Antitrust-Klagen tatsächlich greifen können. Für Paramount kann das besonders unangenehm sein, weil selbst ein temporärer Gerichtsstopp nicht folgenlos bleibt. Es gibt nämlich die sogenannte „Ticking Fee.“ Schließt Paramount die Übernahme nicht bis zum 30. September 2026, zahlt das Unternehmen den WBD-Aktionären in Summe täglich rund 6,9 Millionen US-Dollar. Jede Woche gerichtlicher Auseinandersetzung, jede Verlängerung in Brüssel kostet also bares Geld. Jenseits der ohnehin schon gewaltigen Transaktionskosten. Und falls der Deal regulatorisch komplett platzt, steht eine „Termination Fee“ von sieben Milliarden US-Dollar im Vertrag. David Ellison hat mit diesem Merger eine teure Wette abgeschlossen, die er wahrscheinlich gewinnt. Aber bei der die finalen Kosten noch niemand kennt.

Mehr zur Genehmigung hier

Wie kann ein Spiel 13 Jahre lang nicht erscheinen und gerade dadurch immer größer werden?

Am 19. November 2026 soll, nach zwei Verschiebungen, nun endlich Grand Theft Auto VI erscheinen. Hinter dem Titel steht Rockstar Games, eine Tochter von Take-Two Interactive, einer börsennotierten Publisher-Gruppe. Für Gamer ist das ein Großereignis. Für alle anderen in der Medienbranche sollte es zumindest ein Anlass sein, sich kurz verwundert die Augen zu reiben. Denn GTA VI gilt als vermutlich teuerstes Entertainment-Produkt aller Zeiten. Offiziell bestätigt ist das Budget nicht. Je nach Quelle kursieren Schätzungen von einer bis anderthalb Milliarden US-Dollar, manche sprechen sogar von zwei Milliarden. Sicher ist nur: Hier entsteht ein industrielles Megaevent.

Ich bin kein Gamer. Ich schaue auf GTA VI mit den Augen eines Ahnungslosen mit traditionellen Medienhintergrund. Und genau deshalb finde ich es so bemerkenswert. GTA V, der Vorgänger, erschien 2013. Seitdem gab es keinen neuen Haupttitel. 13 Jahre Entwicklungszeit. 13 Jahre ohne die Fortsetzung der wichtigsten Marke. In der Film- oder Fernsehindustrie wäre das kaum vorstellbar. Ein Studio hätte längst Spin-offs bestellt, Prequels entwickelt, eine Serie angekündigt, die Marke auf mehreren Plattformen ausgeschlachtet und den Algorithmus mit Nachschub gefüttert. Rockstar macht das Gegenteil: warten, bauen, kontrollieren, verknappen. Und das Verrückte ist: Die Erwartung wird dadurch nicht kleiner, sondern größer.

GTA V hat sich über die Jahre rund 230 Millionen Mal verkauft und ist durch GTA Online längst mehr als ein abgeschlossenes Spiel. Es ist eine Welt, eine soziale Fläche, ein Geschäftsmodell, ein dauerhaftes Entertainment-System. Genau daran muss GTA VI nun anschließen. Es muss nicht nur gut werden. Es muss die Geduld von 13 Jahren rechtfertigen. Fans erwarten nicht nur bessere Grafik, sondern eine lebendigere, intelligentere, dichtere Welt. Investoren erwarten Wachstum. Wettbewerber beobachten den Kalender. Creator warten auf Material. Und Take-Two muss beweisen, dass Rockstar auch 2026 noch jene seltene Fähigkeit besitzt ein Ereignis zu erzeugen. GTA VI ist deshalb für Film, Fernsehen und Streaming so interessant, weil Rockstar an etwas erinnert, das die Content-Industrie fast verlernt hat. Erwartung entsteht oft durch ständige Präsenz und Schnelligkeit. Manchmal entsteht sie aber auch durch Abwesenheit und Geduld. Durch das Versprechen, dass ein Titel ein Moment sein kann, auf den es sich zu warten lohnt.

Mehr zu den Spekulationen rund um das Budget gibt es hier

Kauft Fox gerade die Fernbedienung des neuen Fernsehens?

Fox kauft Roku. Das klingt für deutsche Ohren zunächst vielleicht weniger spektakulär als RTL kauft Sky Deutschland. Fox übernimmt den Streaming-Pionier Roku in einer Cash-and-Stock-Transaktion mit einem Unternehmenswert von rund 22 Milliarden US-Dollar. Roku ist in den USA mehr als ein Streaming-Stick. Das Unternehmen betreibt ein Smart-TV-Betriebssystem, verkauft Streaming-Geräte, kontrolliert den Startscreen vieler Fernseher, vermarktet Werbung und betreibt mit The Roku Channel ein eigenes kostenloses, werbefinanziertes Streamingangebot. Über 100 Millionen Haushalte weltweit nutzen Roku. Für Fox ist das attraktiv, weil das Unternehmen zwar über starke Inhalte verfügt - News, Sport, Broadcast, Tubi - aber bislang keine wirklich dominante eigene Oberfläche im Streaming-Fernsehen besitzt.

Wer im Connected TV den Startscreen kontrolliert, kontrolliert Sichtbarkeit. Welche App wird geöffnet? Welcher kostenlose Kanal wird vorgeschlagen? Welche Sportrechte werden prominent platziert? Welche Werbung wird ausgespielt? In einem Markt, in dem klassisches Kabel-TV weiter schrumpft, ist diese Position enorm wertvoll. Für Fox ergibt der Deal also vor allem in den USA Sinn. Dort ist Roku ein echter Gatekeeper des neuen Fernsehens. In Deutschland dürfte die unmittelbare Wirkung dagegen überschaubar bleiben. Roku ist hier zwar seit 2021 mit Streaming-Playern aktiv präsent. Aber der Markt sieht anders aus. Die relevanten Oberflächen heißen hier eher Samsung Tizen, LG webOS, Google TV, Android TV, Amazon Fire TV etc..

Dass die Wall Street den Deal zunächst skeptisch sah, ist kein Zufall. Die Mediengeschichte kennt viele Ehen von Content und Distribution, die auf dem Papier zwingend wirkten und in der Realität kompliziert wurden. AOL Time Warner und AT&T/Time Warner lassen grüßen. Außerdem wird die Frage sein, ob Fox Roku wirklich als offene Plattform weiterführen kann. Oder ob Partner irgendwann das Gefühl bekommen, auf einer Oberfläche zu werben, die dem neuen Eigentümer systematisch nähersteht als ihnen. Trotzdem ist der Deal erwähnenswert. Gerade weil er nicht in die übliche Content-kauft-Content-Mergermania passt. Disney/Fox, Paramount/WBD, Banijay/Endemol Shine oder Mediawan/Leonine folgten der Logik mehr Rechte, mehr IP, mehr Library, mehr Produktionsmacht. Fox/Roku folgt einer anderen Logik, nämlich Content kauft Distribution. Fox kauft deshalb nicht noch mehr Fernsehen. Es kauft den Eingang dazu.

Mehr zum Fox/Roku-Deal lest hier hier

Und warum braucht man im Hinterzimmer der neuen Weltordnung Hollywood?

Diese Frage stellt sich nach dem Datenleck bei Dialog, jener diskreten, einladungsbasierten Gesellschaft, die 2006 von Peter Thiel und Auren Hoffman gegründet wurde. Jahrzehntelang blieb weitgehend unsichtbar, wer dort eigentlich zusammenkommt. Nun hat die unabhängige Schweizer Sicherheitsforscherin Maia Arson Crimew Informationen öffentlich gemacht, die offenbar ungeschützt im Code der Dialog-Website lagen. Der "Hollywood Reporter" konnte die Materialien einsehen: Mitgliederverzeichnis, Bewerbungsinformationen, Teilnehmerlisten und Details zum kommenden Retreat im August auf einem Anwesen nahe Dublin. Die Namen lesen sich wie die Gästeliste eines privaten Weltwirtschaftsforums im Zeitalter von KI, Plattformmacht und geopolitischer Nervosität. Elon Musk ist dabei, Jared Kushner, Senator Ted Cruz, US-Finanzminister Scott Bessent, YouTube-Chef Neal Mohan, Xbox-Präsidentin Sarah Bond, OpenAI-Präsident Greg Brockman, Anthropic-Manager Michael Sellitto, Fortress-Investor Pete Briger und viele andere. Diskutiert werden Themen wie „Disinformation & Deepfakes“, „Battlefield Technologies“, „Democracy Under Surveillance“, „Taiwan and the AI Race“ oder „Navigating WWIII“. Daneben stehen Programmpunkte, die fast wie Satire klingen: „Build-a-Cult“, „How’s Your Sex Life“ oder „It’s Fun to be in Charge“.

Initiator Peter Thiel ist dabei nicht irgendein exzentrischer Milliardär. Der PayPal-Mitgründer, frühe Facebook-Investor, Palantir-Co-Founder und Trump-Unterstützer steht für ein Weltbild, das radikal an technologische Sprünge, Gründer, Kapital, Machtkonzentration und elitäre Durchsetzung glaubt. Und deutlich weniger an demokratische Langsamkeit, Regulierung oder die Weisheit institutioneller Kompromisse. Thiel sieht die westliche Welt seit Jahrzehnten in technologischer Stagnation. Fortschritt entsteht für ihn nicht durch Konsens, sondern durch Ausnahmefiguren, die neue Felder schaffen und dominieren.

Gerade deshalb ist interessant, wer laut Hollywood Reporter ebenfalls in den geleakten Materialien auftaucht: Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Sophia Bush, Scooter Braun, A24-Partner Scott Belsky, Komponist und Produzent Benj Pasek, Produzentin Eva Price, Autorin Teresa Hsiao, Zach Shields, Atlantic-CEO Nick Thompson und New York Times-Stimme Ezra Klein. Also Schauspieler, Produzenten, Musikmanager, Autoren und Medienmacher. Das ist, so scheint mir, kein Zufall. Eine neue Machtordnung braucht nicht nur Kapital, Daten, KI-Modelle, politische Kontakte und militärische Technologien. Sie braucht auch Bilder, Mythen, Helden, Sehnsüchte sowie kulturelle Übersetzung und Anschlussfähigkeit. Sie braucht Menschen, die aus abstrakter Macht erzählbare Zukunft machen. Hollywood ist also Teil einer benötigten Infrastruktur. Denn: Wer die Welt verändern will, muss sie auch erzählen können.

Die Recherche des THR hier