Als vor wenigen Jahren der Nachfolger des deutschen ServusTV-Ablegers ausgerechnet den Namen DF1 bekam, dürfte so mancher Fernsehmacher kurz zusammengezuckt sein. Denn die Marke trägt eine schwere historische Last: Sie steht wie kaum eine andere für eine der größten Fehleinschätzungen der deutschen Mediengeschichte. Der Niedergang des einst mächtigen Kirch-Imperiums ist untrennbar mit diesem Namen verbunden. DF1 taufte Leo Kirch – der legendäre Medienunternehmer, der vor inzwischen 15 Jahren starb – einst sein eigenes Pay-TV-Projekt. Ein Vorhaben, das er mit enormem Ehrgeiz, viel Überzeugungskraft und vor allem sehr viel Geld gegen zahlreiche Widerstände in den Markt drücken wollte.

Der Name war dabei Programm: DF1 stand für Digitales Fernsehen 1. Tatsächlich ging das Angebot am 28. Juli 1996 als erster digitaler Fernsehanbieter Deutschlands auf Sendung – zunächst ausschließlich über Satellit, später auch über Kabel. Es war der Versuch, eine neue Fernsehwelt zu eröffnen. Und genau das versprach man dem Publikum auch mit bemerkenswerter Selbstsicherheit: "DF1 ist nicht irgendein neuer Fernsehsender. DF1 ist das neue Fernsehen."

Die Realität sah allerdings deutlich nüchterner aus. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer konnten mit dem Angebot zunächst wenig anfangen. Kirch blieb auf einem Großteil der eigens bei Nokia bestellten Dekoder sitzen – der d-box, dem technischen Herzstück der digitalen Fernsehzukunft.

Selbst ein Jahr nach dem Start war von gerade einmal 40.000 Kundinnen und Kunden die Rede. Ein Grund dafür: Anders als Konkurrent Premiere, der ebenfalls früh auf digitales Fernsehen setzte, konnte DF1 kaum mit attraktiven Exklusivrechten punkten. Der große Trumpf sollte eigentlich die Formel 1 werden – doch auch der damalige Schumacher-Boom half nur begrenzt. Solange die Rennen weiterhin kostenlos bei RTL zu sehen waren, fehlte vielen Zuschauern der Anreiz, für ein zusätzliches Angebot zu bezahlen.

Schon bald wurde deshalb deutlich, dass Kirchs großer Plan nicht aufging. Eigentlich wollte er mit DF1 den damaligen Bertelsmann-Ableger Premiere aus dem Markt drängen und selbst zum dominierenden Anbieter der digitalen Fernsehwelt werden. Doch trotz seines wiederholten Einsatzes eines Vetorechts im Premiere-Aufsichtsrat gelang dieses Vorhaben nicht. "Anders als in Großbritannien und Frankreich hat sich in Deutschland Bezahlfernsehen noch nicht durchgesetzt", stellte der „Spiegel“ damals ernüchternd fest und berichtete von Anlaufverlusten in Höhe von einer Milliarde Mark. Während der Streit mit seinem Mitgesellschafter eskalierte, gab sich der damalige Bertelsmann-Manager Bernd Kundrun kämpferisch: „Premiere zu stören, das wird Kirch gelingen; Premiere zu zerstören, das gelingt ihm nicht.“

Am Ende sollte sich diese Einschätzung bewahrheiten – zumindest teilweise. Denn zerstört wurde nicht Premiere, sondern zunächst vor allem Kirchs eigene Vision vom großen Pay-TV-Imperium. Als DF1 schließlich mit Premiere fusionierte, wanderten die teuren Sport- und Filmrechte in das neu entstandene Premiere World. Genau diese kostspieligen Verpflichtungen wurden später zum immer größeren Problem.

Durchgesetzt - aber mit Verspätung

Es kam, wie es kommen musste: Das Pay-TV-Geschäft entwickelte sich zum Brandbeschleuniger für den Niedergang des gesamten Kirch-Imperiums. Während die Kirch-Holding Insolvenz anmelden musste, gelang es dem Premiere-Management um Georg Kofler, zumindest für das Pay-TV-Geschäft einen Überbrückungskredit zu organisieren und es so zu stabilisieren. Im März 2003 stieg schließlich der Finanzinvestor Permira als neuer Hauptaktionär ein und sicherte das weitere Überleben von Premiere. Dass der Pay-TV-Anbieter heute unter dem Namen Sky wieder Teil einer Bertelsmann-Tochter ist, ist vor diesem Hintergrund eine durchaus bemerkenswerte Pointe der Mediengeschichte.

Die Digitalisierung der Fernsehverbreitung hatte unterdessen einen schweren Start. Viele Zuschauer verbanden digitales Fernsehen lange Zeit vor allem mit kostenpflichtigen Angeboten. Durchgesetzt hat sich die Technik dennoch – nur deutlich langsamer, als es die Pioniere einst erwartet hatten. Erst 2012 endete die analoge Satellitenübertragung, rund 16 Jahre nach dem Start des ersten digitalen Angebots. Im März 2019 schaltete Vodafone schließlich auch die letzten analogen Signale in seinem Kabelnetz ab – zwei Jahre nach dem damaligen Kabelnetzbetreiber Unitymedia, dessen Infrastruktur heute ebenfalls zu Vodafone gehört. Die Vorteile der Digitalisierung waren gleichwohl unübersehbar. "Die Digitalisierung des Fernsehens hat Möglichkeiten geschaffen, die mit analoger Technik nicht realisierbar waren", erklärt Guido Kneuper, TV-Technik-Experte bei Vodafone. Elektronische Programmführer, Video-on-Demand und Pay-per-View wurden möglich, hochauflösendes Fernsehen wurde massentauglich und UHD-Angebote überhaupt erst realisierbar.

Ganz ohne Schattenseiten war die neue Fernsehwelt allerdings nicht. Denn in der analogen Ära kamen Livebilder nahezu ohne Verzögerung ins Wohnzimmer. Bei digitalen Signalen muss das Bild hingegen für unterschiedliche Netze und Endgeräte aufwendig verarbeitet werden. Das führte dazu, dass Tore bei Internet-TV-Haushalten mitunter erst bis zu 30 Sekunden später bejubelt wurden. Ein Problem, das in den turbulenten Anfangstagen vor 30 Jahren kaum jemanden beschäftigte.