Nach einem Jahr Pause war das Screenforce Festival ein Event der Premieren neuer Köpfe und Konstellationen. Wer sich wie präsentiert, wurde mindestens so gespannt erwartet wie die programmlichen Neuigkeiten. Die gab es bei vielen Medienhäusern, wenn gleich sie angesichts der weiter angespannten Situation im Werbemarkt weniger geprägt waren von Innovationen oder Experimenten, sondern mehr von dem, was erprobt ist: Allem voran mehr Reality, aber in diesem Jahr auch Live-Sport. Der nimmt inzwischen erstaunlich viel Raum ein, längst auch mit mehr als nur Fußball. Bemerkenswert über alle Screenings hinweg: Comedy als Programmfarbe spielt offenbar kaum eine Rolle mehr im deutschen Fernsehen. 

Eingebettet in ein kompaktes Rahmenprogramm aus Impulsvorträgen und Talks waren es in diesem Jahr sechs Medienhäuser bzw. Vermarkter, die mit einem Screening antraten, um die Werbetreibenden von sich und dem eigenen Angebot überzeugen: Die beiden großen Vermarkter AdAlliance (RTL Deutschland) und Seven.One Media (Seven.One Entertainment Group) mit jeweils 80-minütigen Screenings, Neuling El Cartel Brothers mit 40 Minuten für die Sender von Warner Bros. Discovery und RTLzwei sowie mit je kompakten 20 Minuten Disney Advertising, Visoon (Welt / Paramount) und ARD Media.

RTL mit Babo Schmitter © Screenforce

Das größte Ausrufezeichen des Tages stellte gleich zu Beginn RTL Deutschland auf die Bühne der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf. Nach der Übernahme von Sky Deutschland war es der erste öffentliche Aufschlag des kombinierten Unternehmens, das sich - angeführt vom „Babo aus Berlin“ Stephan Schmitter - als Nr.1 im Markt positionierte und neben der Präsentation neuer Formate & Übertragungsrechte vor allem mit der schieren Vielzahl von prominenten Köpfen punktete, mit denen man nach einem Schaulaufen zu Beginn einen wilden Ritt durch die Genres absolvierte und dabei die Bühne bzw. Halle kreativ bespielte.

Raab und Schöneberger beim Screenforce Festival © Screenforce

So präsentierte RTL Deutschland neben dem CEO, der Content-Chefin Inga Leschek und AdAlliance-Chef Frank Vogel mal eben Günther Jauch, Barbara Schöneberger, Stefan Raab, Sonja Zietlow, Elton, Jan Köppen, Tim Mälzer, Roland Trettel, Steffen Henssler, Sebastian Lege, Guido Maria Kretschmer, Daniel Hartwich, Victoria Swarovski, Motsi Mabuse, Jorge Gonzalez, Joachim Llambi, Katja Burkard, Frauke Ludowig, Roberta Bieling, Sophia Thomalla, Frank Buschmann, Sebastian Hellmann, Britta Hofmann, Florian König, Ralf Schumacher, Jana, Wosnitza, Patrick Esume und Björn Werner. 

Auch ProSiebenSat.1 bzw. Seven.One, wie man sich selbst beim Screening nannte, fuhr zum Finale des Screenforce Festivals am späteren Nachmittag ordentlich Prominenz auf, doch in der Inszenierung geriet das Screening weitaus klassischer: Geordnet nach Genres, stets mit Auftritt, Talk und Abtritt eines prominenten Kopfs oder auch zwei. Dabei zweifelsohne souverän und schlagfertig moderiert von Steven Gätjen, der in Düsseldorf zu Mr. Seven.One wurde. Denn zu den Rätseln des Tages gehörte die Außendarstellung von ProSiebenSat.1: Nach der Übernahme durch MFE, dem Austausch des Vorstands und der im Raum stehenden Frage nach der Marschrichtung des Unternehmens, war niemand aus der Unternehmensführung auf der Bühne.

Screenforce SevenOne © Screenforce

Ein Einspieler musste reichen, dafür startete man danach musikalisch mit den Fantastischen Vier, ehe Gätjen auf der Bühne u.a. Verona Pooth, Ralf Dümmel, Jenke von Wilmsdorff, Matthias Opdenhövel, Andrea Kaiser, Christoph „Icke“ Dommisch, die Finalteilnehmer*innen von „GNTM“, Jörg Pilawa sowie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf begrüßte - bevor am Ende dann, zwischen dem Publikum und der Aftershowparty, noch Markus Messerer und Lennart Harendza aus der Seven.One Media-Geschäftsführung standen. Ein interessanter Aufbau des Screenings, das dennoch für eins der Highlights des Tages sorgte: Einspieler, in denen Sebastian Pufpaff bekannte Werbespots persiflierte - mit spitzfindigen Botschaften an die anwesenden Werbetreibenden und Agenturen.

Screenforce Fanta 4 © Screenforce

Diese „Werbepausen“ im Seven.One-Screening brachten mit Raffinesse auf den Punkt, was an diesem Tag oftmals wortreich ausgeführt wurde: Der Unterschied in der Werbewirkung zwischen Storytelling in ikonischen TV-Kampagnen und manchen kurzen Spots im Netz. Mit diesen sehr unterhaltsamen Höhepunkten glich man die sonst im Vergleich zu RTL Deutschland eher konservative Aufmachung des Screenings aus. Doch nun gab es mehr als nur die großen Zwei, auch wenn der Vergleich zwischen den beiden manchen Smalltalk bei der sommerlichen Party danach dominierte. Auch Disney Advertising, Visoon, ARD Media und El Cartel Brothers präsentierten sich den Agenturen und Werbekund*innen.

Visoon Screenforce © Screenforce

Dabei setzte Visoon auf eine erprobte, kurzweilige Mischung: Das Führungsduo des Vermarkters, Kai Ladwig und Franjo Martinovic, forderte weniger Schwarz-weiß-Denken in der Branche und setzte die Tradition musikalischer Auftritte mit einer Modern Talking-Interpretation fort, gefolgt von Musik (Tim Bendzko) & Ansprache von Welt TV-Geschäftsführer Frank Hoffmann sowie einem etwas pathetischen Werbeblock von Paramount+. Ein solides Screening, kurzweilig aber ohne große Impulse oder Input. Luft nach oben hat auch El Cartel Brothers: Es war der erste Screenforce-Aufschlag des neuen Vermarkters von RTLzwei und den TV-Sendern von Warner Bros. Discovery.

Screenforce Festival RTLzwei © Screenforce

Einst war El Cartel Media, noch allein für RTLzwei unterwegs, das subversive, absurde Element bei den Screenforce-Veranstaltungen: Anders, wilder, unkonventioneller. Doch auch wenn man das Geld für gleich drei Opening-Acts seines Screenings ausgab und hundertmal mehr als nötig das Schlagwort „more“ betonte, blieb die Originalität ein Stück weit auf der Strecke. Man teilt nun eben die Herausforderung der Kolleg*innen bei Visoon, mehrerer Medienhäuser unter einen Hut bringen zu müssen. Ehrgeiz und Energie vermittelte man bei der Premiere durchaus, war jedoch - entgegen der eigenen Wahrnehmung - gar nicht so viel anders als die anderen.

Screenforce Disney © Screenforce

Positiv überrascht haben Disney Advertising und ARD Media: Disney hatte mit neuer deutschsprachiger Hulu-Serie und der Neupositionierung des Disney Channel News im Gepäck, dazu eine charmante Aufmachung durch „Miss Piggys Queenforce Festival“ als Anker des kurzen Screenings. Sympathie-Punkte sammelte an der Seite von Eun-Ky Park sowie Vermarktungschefin Julia Schörner besonders Disney-EMEA-Chef Tony Chambers, der sich tapfer auf Deutsch durch seinen Part kämpfte. Eine greifbare, weniger distanzierte Präsentation als in früheren Jahren. Und insbesondere eine Steigerung zur verunglückten Powerpoint-Präsentation des letzten Screenforce Festivals vor zwei Jahren.

ARD Media Screenforce © Screenforce

Bei dem hielt sich ARD Media damals von der Bühne fern, war nur mit einem Stand vertreten. Diesmal gab es die Rückkehr auf die Screenforce-Bühne, mit neuem Geschäftsführer (Ralf Hape) und einem gänzlichen neuen Stil. Statt behäbiger Talkrunden zu Vorabend-Quizshows oder bevorstehenden Sportereignissen nutzte der öffentlich-rechtliche Vermarkter seine Zeit, um modern inszeniert mit Tempo für die Gattung TV und die Stärke der ARD zu werben, selbst wenn viele Programme (noch) gar nicht vermarktbar sind. So wurde es eine Demonstration der Stärke des Mediums, leider gestört von technischen Problemen die sich bei diesem Screenforce Festival immer mal wieder bemerkbar machten - und trotzdem nichts daran änderten, dass auch das zweite Screenforce Festival eine gelungene Inszenierung von Stärke, Relevanz und Qualität des deutschen Fernsehens war. Bleibt zu hoffen, dass man sich diese auch 2027 leisten wird.