Kleider machen Leute: Dieses zivilisatorische Prinzip gilt im Grunde bereits, seit der Mensch nicht mehr halbnackt durch Savannen streift. Dass Farben Witze machen, lässt sich hingegen trotz filmischer Ausnahmen wie „Delikatessen“ oder „Pleasantville“ praktisch ignorieren. Bislang zumindest. In einer neuen ZDF-Serie nämlich haben Schattierungen heute weit mehr als dekorative Funktion; sie sind dezidiert handlungs- und damit humorrelevant. Ausgesprochen unscheinbare wie jene zum Beispiel, die sogar der Auftaktepisode den Namen gibt: „Eskalation in Beige“.

Vom Kostüm übers Mobiliar bis zur Kulisse dominiert das biederste aller Pigmente alles an einer fiktiven Behörde, was weder mausgrau noch taubenblau oder staubbraun ist. Grellere Färbungen? Fehlanzeige! Mit „gedeckt“ wäre „Das Manko“ demnach fast schon kunterbunt beschrieben. So heißt ein drollig kolorierter Vierteiler von Razor Film, der nicht nur den gezielten Mangel an lebensbejahender Kolorierung betitelt, sondern mehr noch dem Mangel an Worten. Schließlich sprechen die Hauptfiguren von der ersten Minute an kaum ein gut vernehmbares Wort.

Was sie stattdessen von sich geben, wird zügig klar. Durchweg mausgrau taubenblau bekleidet, sitzen elf Verwaltungsangestellte zu Beginn der vierteiligen Groteske in einer staubbraun beigen Amtsstube und vertrödeln ihre Arbeitszeit mit geräuschvoller Lethargie. Als ein Telefon klingelt, springen sie zwar kurz schreiend auf, verfallen aber sogleich wieder in geschäftiges Nichtstun. Bis ein Abteilungsleiter (Bjarne Mädel) über den Flurfunk „Schnitzeltag“ verkündet und sie erneut durcheinanderbrüllen, diesmal vor Freude.

„Was soll da denn jetzt noch schiefgehen“, frohlockt ihr (wie alle Nebenrollen redseliger) Chef noch durchs Miko. Dann geht einiges schief. Eigentlich alles. Auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten nämlich evaluieren drei Betriebsprüfer sein inkompetentes Team und finden auch flugs elf Streichkandidaten – würde nicht jemand die Personalakten vertauschen und das knappe Dutzend gekündigter Knalltüten statt ins Jobcenter zur Fortbildung für Spitzenkräfte schicken. Ein autonom fahrender Kleinbus kutschiert es durch verschiedene Stationen einer denkbar durchgeknallten Workplace-Comedy.

Weil sich zumindest die Hauptfiguren jenseits kollektiver Ausrufe des Erstaunens/Verzückens/Entsetzens niemals klar artikulierten, murmelt sich die Serie viermal 20 Minuten gezielt an jeder Sehgewohnheit vorbei – und deutet damit durchaus auf ihren Regisseur hin. Dieses irritierend komische Experiment, für das sich die elf Theater-Größen aus der ersten (Carol Schuler, Jan Krauter), zweiten (Sarah Bauerett, Florian Anderer) oder dritten (Sebastian Grünewald, Annika Meier) Film- und Fernsehreihe eigens zu einer GbR vereinigt haben, ist kein Geringerer als das Aushängeschild der Cringe-Comedy: Arne Feldhusen.

Humoristische Stress-Resilienz auf Benny-Hill-Niveau

Wer den Begriff noch nicht kennt, kriegt ein Gefühl dafür, wenn man sich an Feldhusens Debüt als Deutschlands Fremdscham-Filmemacher Nr. 1 erinnert. Vor 22 Jahren hatte der norddeutsche Regisseur, zuvor mit Witzen für Anke Engelkes „Ladykracher“ bekannt geworden, das amerikanische „Office“ importiert und die Peinlichkeit zentraler Akteure dank Christoph Maria Herbst Büro-Nemesis „Stromberg“ aufs nächste Level gehoben. Auch beim „Tatortreiniger“ wimmelte es anschließend nur so vor (meist männlichen) Charakteren, deren Habitus beim Zuschauen Zahnfleischbluten verursacht.

Wenn sie erst ein Krankenhaus, dann ein Warenlager, zuletzt ein Rehazentrum mit ihrer unreflektierten Nichtsnutzigkeit verwirren, ist das wortlose Herumgehampel der namenlosen Mankos jedoch noch ein wenig herausfordernder. Minutenlang auf murmelnde Menschen beim Zappeln, Rauchen, Suppelöffeln oder dem Verzehr grüner Götterspeise zu starren, erfordert jedenfalls humoristische Stress-Resilienz auf Benny-Hill-Niveau.

Das Manko © ZDF/Mathias Schöningh Von links: Romantik Manko (Jan Krauter), Perplex Manko (Sebastian Grünewald), Horror Manko (Carol Schuler), Mauerblümchen Manko (Julia Schubert), Wichtig Manko (David Simon), Bienchen Manko (Annika Meier).

Mit etwas Fantasie enthält das, was ihnen Showrunner (und Darsteller) Bastian Reiber dafür an Klang (nicht Text) ins Drehbuch geschrieben hat, zwar niederschwellige Metaebenen. Wie alle Werktätigen jede Verantwortung gern eine Hierarchiestufe abwärts delegieren, ließe sich zum Beispiel als bissiger Kommentar auf die Profilneurosen des mittleren Managements lesen. Ein proletarisches Musical der gesangsbegabten Mankos deutet zarte Pflänzchen künstlerischer Sozialkritik an. Und weil sie stets im Brutalismus suburbaner Betonwüsten erfolgt, taugt das Format nebenbei als Klageschrift gegen die autogerechten Städte des ausgehenden Wirtschafswunders.

Vermutlich aber gehen solche Sinnsuchen viel zu verkopft an ein Format heran, dessen wichtigste Kreativkräfte im Abspann weit unterhalb von Cast, Buch und Regie stehen. Sounddesigner Philipp Fei zum Beispiel vertont die Serie mithilfe quietschender Sessel, kritzelnder Stifte, klackernder Absätze und zwanghaft knackender Luftpolsterfolien zu einer brüllend leisen Beiläufigkeit. Joan Beschs Kostüme verschmelzen mit ihrer monochromen Umgebung zu einer Masse deutscher Durchschnittlichkeit. Carsten Meyer alias Erobique taucht die existenzialistische Ödnis obendrein unter eine Filmmusik zwischen Bahnhofskino oder „Captain Future“. Selten zuvor waren die technischen Gewerke verantwortlicher für subversiven Humor.

Der erschöpft sich nach zwei der vier Folgen zwar langsam. Und wenn die Sprecherin aus dem Off Kommentare im Stile von Bernhard Grzimeks Tierdokumentationen durch Vicky von Minckwitz fantastisches Szenenbild flötet, wird „Das Manko“ zum autoaggressiven Experiment einer Gruppe couragierter Bilderstürmer. Selten zuvor haben die ersten zwei Minuten einer Serie demnach gellender um Abschaltimpulse gebettelt. Selten zuvor waren die 80 danach unzugänglicher. Selten zuvor aber lohnt sich die Mühe mehr, dennoch dranzubleiben. Arne Feldhusens dadaistischer Mix aus Monsieur Hulot und Bernd Stromberg, Themroc und den Teletubbies ist eine Zumutung. Aber sie macht Riesenspaß.

"Das Manko", ab sofort im ZDF-Streamingportal, sowie am 17. August um 0:10 Uhr im ZDF