Deutschlands liebste Feldfrucht heißt bekanntlich Linda. Der festkochende Bestandteil nahezu jeden Kartoffelsalats zwischen Ost- und Bodensee ist so populär, dass sich gegen den Entzug seiner Saatgutzulassung vor 20 Jahren lautstarke Bürgerinitiativen gegründet haben. Schließlich ist Linda hierzulande ein identitätsstiftendes Kulturgut. Wie Daimler, Tatort, Sauerkraut. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, dass die Hauptfigur der ZDF-Serie „München Beats“ nach ihm benannt wurde. Sie ist schließlich, Moment: Techno-DJ?!
Das klingt zunächst mal nicht, als sei der Vorname wie bei Karla Kolumna, Cruella de Vil oder Paige Turner ein Aptronym genannter Begriff zur Umschreibung ihrer Fernsehberufung. Doch bevor Linda – ebenso sprechender Nachname: Bierwirth (Jule Hermann) – hinter den Plattentellern landet, muss sie sich vom Acker machen. Genauer: Vom Kartoffelacker. Denn ihr Vater Schorsch (Frederic Linkemann) beliefert den Knödelhersteller Pfanni in dritter Generation mit Erdäpfeln, wie die Knolle rings um München heißt.
Anders als Stammhalter Andi (Ben Münchow) hilft dessen Schwester zwar nur nebenbei mal im elterlichen Stall mit. Dass die angehende Zahnarzthelferin wie üblich in Ismaning 1996 auf der heimischen Scholle bleibt, scheint aber dennoch so sicher wie das Amen in der örtlichen Zwiebelturmkirche. Bis ihr buchstäblich der Beat durch die Glieder fährt. Nachdem sie beim Firmenjubiläum ein volkstümliches Akkordeon-Duett mit Pfanni-Chef Theo Meinhardt (Tobias Moretti) gegeben hat, wummert nämlich der Bass eines Keller-Clubs durch ihr Dirndl ins Herz.
Ein paar Serienminuten später ravt sie sich im Strobo-Nebel die Seele aus dem Landeierleib. Tags drauf dann besiegelt ein handfester Streit mit Mutti Veronika (Marlene Morreis) ihr Schicksal. Linda flieht nach München, findet Arbeit im Schwulen-Lokal „Hotel Deutsche Eiche“, durchstöbert ein Geschäft namens „Isarvinyl“ nach dieser imposanten Musik, trifft davor zufällig ihre Jugendliebe Marius (Klaus Steinbacher) wieder und eröffnet ihm nachts im real existierenden Tanztempel „Überschall“, was sie vom Leben will: „Ich werde DJ!“
Der Vierteiler steckt also noch im ersten Fünftel, da hat Regisseurin Mimi Kezele ihrer Hauptfigur bereits einen autobiografischen Vollwaschgang verpasst, den andere Serien frühestens Mitte der ersten Staffel einschalten. Schließlich ist Marius obendrein auch noch der Sohn von Papas stinkreichen Boss, der aus seiner strengen Sicht in New York an „irgendwas mit Internet, oder wie das heißt“ gescheitert ist, während Theo selber „auf was Handfestes“ vertraut. Denn: „Kartoffeln wernma immer essen, in welcher Form auch immer“.
Mag sein. Doch während Linda mit großen Augen am Traum ihrer DJ-Karriere bastelt, schlingert der kleingeistige Unternehmer dem Abgrund entgegen. Wie in der historisch überlieferten Wirklichkeit steht das marode Traditionsunternehmen seinerzeit zum Verkauf. Und weil des einen Leid bekanntlich des anderen Freud ist, bietet die drohende Schließung seiner Kartoffelfabrik der vagabundierenden Subkultur Münchens ein dauerhaftes Asyl. Spätestens hier schließen sich die Kreise eines modernen Märchens mit dem Kunstpark Ost, der vor 30 Jahren tatsächlich zum Herz der deutschen Party-Kultur wurde.
Reichlich Stoff für viermal 45 Minuten, die das ZDF vorm Streamingzeitalter wohl als Zweiteiler gelabelt hätte. Am Rand der Romeo-und-Aschenputtel-Romanze verhandelt „München Beats“ schließlich reihenweise unverhoffter Coming-Outs und Betrugsszenarien, Vaterschaftswechsel und Emanzipationsbewegungen inmitten der Abwehrschlacht analoger Platzhirsche gegen digitale Emporkömmlinge. Damit betreibt Network Movie eine Form dramaturgischer Wirklichkeitsverdichtung, die öffentlich-rechtliches Historytainment von der „Luftbrücke“ bis zur „Charité“ gern mal mit Grabbeltisch-Emotionen aufbläst, bis es platzt.
Zum Glück streut der Writers Room von Stefani Straka und Julie Fellmann originelle Kräuter ins Münchner Allerlei. Gegensatzkollisionen von Stadt und Land, Tradition und Moderne, Zukunft und Vergangenheit zum Beispiel, die Holly Fink in eindringliche Bilder gießt. Dazu spürbare Empathie fürs bäuerliche Befinden, das Frederic Linkemanns abstiegsgefährdeter Schorsch mit großer Würde abseits gängiger Klischees verkörpert, ohne die folkloristische Ignoranz ganz auszusparen. Und wie der Shareholderkapitalismus in Tobias Morettis Gesicht des ebenso mitfühlenden wie skrupellosen Pfanni-Patriarchen wütet, ist wie immer preiswürdig.
Nur: Damit überrascht das ZDF zwar einige Sehgewohnheiten des (ergrauten) Stammpublikums. Dessen Kinder jedoch – sofern sie wissen, was dieses ZDF überhaupt ist – dürften sich angesichts der verabreichten Popkultur mehrheitlich fremdschämen. Wer dem Drehbuch abkauft, irgendein ernstzunehmender Techno-DJ hätte seinen Sound je mit Kalendersprüchen wie „irgendwann spielen Raum und Zeit keine Rolle mehr, alles wird eins“ erklärt, glaubt vermutlich auch, Haschisch würde man spritzen.
Dennoch ist es dem Zweiten hoch anzurechnen, dem Aufstieg elektronischer Musik in Deutschland – über Jahre hinweg dessen wichtigster Kulturexport – ein realfiktionales Denkmal zu setzen. An Marco Kreuzpaintners Prime-Serie „Beat“, Paul Kalkbrenners Selbstporträt „Berlin Calling“ oder Sven Regeners „Magical Mystery“ reicht es zwar nicht heran. Aber als arglose Geschichtssimulation ist Lindas Erweckungserlebnis immerhin gehaltvoller als Kartoffelknödel aus Massenproduktion.
"München Beats" steht ab sofort beim ZDF zum Streamen bereit. Die lineare Ausstrahlung folgt am 26. und 27. August jeweils ab 20:15 Uhr in Doppelfolgen im ZDF.
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