Spice up your life! Wie Abwechslung das Leben aufpeppt, haben die Spice Girls bereits Mitte der hedonistischen Neunzigerjahre gesungen und sicher auch an Sex gedacht. Aber an Sexarbeit? Dachten dagegen Miriam Dehne und Marie C. König (die selbst zehn Jahre lang als Sexarbeiterin tätig war), als sie ein Serienmenü zubereitet haben, dessen sex, pardon: sechs Gänge allesamt pikant, mitunter scharf, meistenteils aromatisch, insgesamt also spicy sind. Aber auch abwechslungsreich, nahrhaft und lecker?

Dafür geht man am besten kurz mal das Rezept durch. In „Selling Sex“, so betitelt das Erste sein erotisches Hochglanzprodukt, will die angehende Betriebswirtin Nelly (Ella Morgen) hoch hinaus. Nur leider mit dem Ballast von 53.000 Euro Studienkredit im Gepäck. Als Kellnerin eines gehobenen Catering-Dienstes kommt sie Summen wie diesen zwar räumlich näher, nicht aber finanziell. Im Gegensatz zum Escort-Girl Giulia (Samirah Breuer), das auf derselben Veranstaltung statt Mindestlohn satte 300 Euro pro Stunde verdient.

Flugs Feuer und Flamme, tut es Nelly ihrer Ex-Kollegin gleich und wechselt ins – wie hieß es einst euphemistisch: horizontale Gewerbe. Nach kurzer Rücksprache mit ihrer Freundin Bonnie (Manal Raga a Sabit) meldet sie sich bei Giulias Agentur an und kriegt vorm Prostituiertenschein plus Steuernummer einen Crashkurs in Sachen Sexarbeit: „Immer deine eigenen Kondome, nie dein echter Name, nie deine private Telefonnummer, kein Treffen auf privater Ebene, trinken ja, betrunken sein nein“, denn: „Wir wollen schöne, sympathische, fröhliche Frauen, die den Kunden ‘ne gute Zeit machen.“

Und damit kann Nelly dienen. Schon ihr Debüt auf dem Spielbank-Klo erledigt Nelly in einer Bravour, als würde sie nicht BWL mit Schwerpunkt Anlageberatung studieren, sondern BDSM mit Schwerpunkt Handjob. Auch als am Abend drauf nicht die vereinbarten vier, sondern acht Junggesellen auf die Auszubildende warten, agiert Aurora – so nennt sich Nelly jetzt – so abgebrüht, dass ihr am dritten Tag ein Jackpot zuteilwird. Der Jetset-Broker Tsuneo (Madieu Ulbrich) hat nämlich noch mehr Mittel, Klasse, Stil als extravagante Beischlafvorlieben.

„An der Börse geht es auch darum, Kontrolle abzugeben“, sagt dieser distinguierte Luxuskunde beim Luxusdinner im Luxusrestaurant. „Kannst du dir vorstellen, Kontrolle abzugeben … Aurora?“ Aurora kann. Sogar dermaßen gut, dass Nelly in Echtzeit zum abgebrühten Vollprofi aller sexuellen Bedürfnisse aufsteigt, die Geld erstehen kann. Und damit zum Problem einer Serie, die eigentlich beste Absichten hat. Denn das Fernsehen inszeniert Sexualität bis heute vor allem auf drei Arten: Ehelich, außerehelich oder kostenpflichtig.

Die erste wird meistens gewaltfrei dargestellt, aber – besonders für Frauen – nur selten befriedigend. Die zweite wird – sogar für Frauen – systematisch so lustvoll präsentiert, dass Verheiratete ganz neidisch auf all die hitzigen One-Night-Stands mit Orgasmus-Garantie sind. Kommerzieller Geschlechtsverkehr hingegen ist fiktional fast immer Ausdruck – meist männlich dominierter – Machtstrukturen zum Nachteil der weiblichen Selbstbestimmung. Und hier betreibt „Selling Sex“ dramaturgische Lückenbebauung.

Der Bauplan: Sexarbeit so abzubilden wie in der Generation Z zumindest dem eigenen Anspruch nach üblich. Aufgeschlossene, variantenreiche, vorurteilsfreie, also sexpositive Erotik soll schließlich auch die jahrtausendlang ausbeuterische Prostitution entkrampfen. Die freiwillige, mitunter lustvolle Selbstvermarktung des Frauenkörpers gilt da als Akt feministischen Empowerments. Nur: warum fehlt ausgerechnet dem mehrheitlich weiblichen Team der Mut, in dieser Selbstermächtigungsfantasie auch dorthin zu gehen, wo es wehtut?

Warum besetzen Dehne/König ihre Sexarbeiterinnen (plus ein -arbeiter) durchweg mit lustorientiert normschönen Models, denen sie bei der Dienstleistung an einer vorwiegend kultivierten Kundschaft jede Gewalterfahrung ersparen? Warum bedient die Berufseinsteigerin Nelly den Male Gaze devoter Sexyness so routiniert, als habe die KI ihr Räkeln an Pornoseiten trainiert? Anders gefragt: Warum macht „Selling Sex“ zwei Fortschritte, um parallel drei hinter aufrichtig empowerte Serien wie „30 Tage Lust“ und „Naked“ oder auch „Sexuell verfügbar“ und „The Deuce“ zurückzutreten?

Weil sich die Filmemacherinnen, beide eher soap- und show- als serien- und filmerfahren, hinter ihrer „Überhöhung von Klischees, um sie so zu brechen“ verstecken, bleibt Nellys Wandel in dieser faltenfreien Playboy-Edition öffentlich-rechtlicher Erotik reine Behauptung. Dabei gibt es ja Lichtblicke. Der radikal authentische „Asbest“-Star Xidir Koder Alian etwa lässt seinen Junggesellenverabschieder Umit ebenso klischeefrei zwischen Bling-Bling und Reflexion schlingern wie Omid Memars Junggeselle Devin. Lera Abova spielt Auroras Kollegin Liliana mit einer fatalistischen Kaltschnäuzigkeit, als sei sie auch „fast 37, habe ein Kind und wohne bei meiner Mutter“.

Nellys liebesabenteuerlustige Freundin Bonny darf zudem 3,6 Kilo vom Size-36-Ideal abweichen, das im Strudel zugekokster Objektifizierung zwar durchaus Risse kriegt. Aber obwohl ihn Sound (Johann Maertens), Kamera (Hyun de Grande), Kostüme (Alice Eyssartier) klug untermalen, regiert das ungute Gefühl, die ARD jubelt uns unterm Deckmantel sexpositiver Befreiung doch wieder nur männlich gedachte Katalogerotik unter. „Ich will nicht, dass du für mich performst“, fleht der schöne Gigolo Ben (Malik Blumenthal) beim Privatvorspiel mit der Hauptfigur. „Ich will Nelly, nicht Aurora.“ Das möchte man der gesamten Serie zurufen.

"Selling Sex" steht ab sofort in der ARD-Mediathek zum Streamen bereit.