Humor ist die außergewöhnlichste Kulturtechnik des Menschen. Seit wann genau unsere Spezies übereinander lacht, ist archäologisch nicht datierbar. Es dürfte allerdings schon ziemlich lange her und zu Beginn wohl wenig subtil gewesen sein. Tendenz Kopf gegen Höhlenwand, nur eine Mutmaßung. Wie gut, dass sich auch die bundesdeutsche Heiterkeit seither weiterentwickeln konnte. Ein modernes Pointenprinzip lautet demnach auch hierzulande: Kluger Witz karikiert vorherrschende Verhaltensmuster, statt neue zu erfinden. Hätte das doch bloß mal jemand dem Team der neuesten ZDFneo-Comedy gesagt.

Christof Pilsl hat gemeinsam mit Hannah Schopf das Drehbuch zur Serie geschrieben und zusammen mit Nadine Keil verfilmt. Sie heißt doppeldeutig „Spyon“ und rennt so häufig mit dem Kopf gegen Höhlenwände, dass man hofft, sie würde dabei zumindest einen Notausgang freilegen. Verantwortlich dafür ist zunächst mal der verantwortliche Sender. ZDFneo, 2009 als Jugendplattform jenseits vom öffentlich-rechtlichen Mainstream gegründet, macht mitunter nämlich – siehe „Chabos“ oder „Tschappel“ – sehenswerte Komödien. Sobald sie jedoch als Sitcom konzipiert sind, biegen sie gerne in den Klamauk ab.

Pilsl persönlich hat das vor drei Jahren mit seiner spießbürgerqueeren Babywunschklamotte „Ready.Daddy.Go!“ bewiesen. Nun legt er eine Agentencomedy nach. In aller Kürze zur Prämisse: Fünf grundverschiedene Anwärter bewerben sich beim BND darum, Spione zu werden. Oder wie es im Amtsdeutsch heißt: Diplomverwaltungsfachwirte. Bevor sie ihre Ausbildungsverträge kriegen, muss die Geheimdienstlegende Voss (Götz Otto) nur noch ihre kognitiven, physischen und mentalen Skills prüfen. Schon da aber wird es ulkig. Denn das Quintett präsentiert sich als Ansammlung inselbegabter Knalltüten.

Die verzogene Vicky (Lea Zoë Voss) beherrscht fünf Sprachen, ist aber eine prüfungsängstliche Profilneurose im Businessdress. Der nerdige Asel (Lukas Zumbrock) hat ein fotografisches Gedächtnis, spricht aber zwanghaft die Wahrheit aus. Das Landei Andi (Klaus Steinbacher) riecht jedes Aroma auf 100 Meter Entfernung, hält sich aber für James Bond. Die Lehrerin Sami (Sogol Faghani) sprüht nur so vor Teamgeist, sucht beim BND aber keinen Job, sondern ihren Vater. Und Yuki (Nhung Hong) knackt jedes Passwort, wird aber von allen ständig übersehen.

Warum Ausbildungsleiterin Haberland (Sophie von Kessel) die nachrichtendienstliche Bankrotterklärung auf zehn Beinen in den Aufnahmekursus ihres Lehrbeauftragten Kocaby (Alexander Beyer) schickt, ist demnach ein absolutes Rätsel. Wenngleich nicht annähernd das größte. Denn keine der Figuren hat auch nur Ansätze einer kongruenten Charakterzeichnung. Jede davon bleibt acht knapp 25-minütige Folgen pure Behauptung. Gleiches gilt für die ständigen Kreuz- und Querverpaarungen oder -entzweiungen einer selbstreferenziellen Clipshow ohne Handlungsfaden – und damit das genaue Gegenteil klugen Humors.

Dieser hier basiert dagegen meist auf Sound, Klischees, Gesichtsausdrücken. Schnelle Körperbewegungen machen daher stets Geräusche, Zeitzünder klingen wie antike Wanduhren und jeder gespielte Scherz wird mimisch eins zu eins nacherzählt. Der Möchtegern-007 Andi bestellt in der Kantine dazu geschüttelten, nicht gerührten Martini, was die Pullacher Provinzbedienung mit „des hob i daherinnen no nie g’hört“ ablehnt. Und dass sein stummes Date am Ende eines Sketches sächselt, finden westverdrossene Ossis gewiss so witzig wie der süddeutsche Regisseur.

Als der, Achtung AfD-Niveau: linksgrünversifft achtsame Alt-68er Voss Samis Spionagequalifikation damit erklärt sie „hat Informatik im Nebenfach unterrichtet und ist damit qualifizierter als 90 Prozent unserer Mitarbeiter“, könnte es zwar Ansätze einer zarten Bürokratie-Kritik enthalten – unterstützt vom Münztelefon im BND-Foyer oder dem Running Gag eines papierspeienden Kopierers. Der Serienberater Bodo Hechelhammer attestiert seinem Projekt denn auch augenzwinkernde Überzeichnung einer Behörde, „in der Verwaltung und hierarchische Strukturen eine nicht unbedeutende Rolle spielen“. Gerade Insider, sagt er aus seiner 25-jährigen BND-Erfahrung, „werden viele Anspielungen und Witze verstehen“.

Für Außenstehende hingegen bewahrheitet sich mit jeder quälenden Minute mehr ein früher Verdacht: Die Macher hatten anscheinend nicht die leiseste Ahnung, wo die Loseblattsammlung vorhersehbarer Arbeitsplatzpossen eigentlich hin will. In einer Behörde von derartiger Bedeutung für Demokratie, Pluralismus, die Freiheit wären ein paar mehr Gedanken über die Abläufe da womöglich ein bisschen verantwortungsbewusster gewesen als stumpfes Bürokratie-Bashing.

Weil die Musik obendrein selbst ein paar originelle Themenfelder wie das Teambuilding rivalisierender Azubis oder Matthias Matschkes Gastauftritt mit einem Schmunzelkrimi-Soundtrack zertrampelt, setzt sich „Spyon“ ans Ende der Tabelle deutscher Workplace-Comedys. Also knapp vor Kaya Yanars Spionagefilm „Agent Ranjid rettet die Welt“, aber noch hinter „Alles Atze“, „Das I-Team“, „Sekretärinnen“ oder zuletzt „Nighties“. Doch keine Sorge: aller Wahrscheinlichkeit nach arbeitet ZDFneo bereits fieberhaft an einer Serie mit dem Zeug zur roten Laterne.

"SpyOn" steht ab sofort beim ZDF zum Streamen bereit. ZDFneo zeigt die sechs Folgen ab dem 29. September dienstags um 21:45 Uhr in Doppelfolgen