Die Amygdala ist der impulsive Teil unserer Vernunftbegabung. Kaum mandelgroß vorm Hippocampus gelegen, gibt das Gehirn der Muskulatur dort bei Gefahr drei Reaktionen zur Auswahl, über die wir – wenn überhaupt – nicht länger als unbedingt nötig nachdenken: Angriff, Flucht oder Starre. Es sei denn, die Amygdala wird im deutschen Mysterythriller aktiv. Dann kommt noch eine Extra-Option ins Schauspiel: Langsam auf den Gefahrenherd zugehen und in aller Gelassenheit abwarten, was darin Schreckliches passiert.

Wenige Minuten, nachdem ihr die verschrobene Einsiedlerin Amke auf der friesischen Fantasie-Insel Kaltenoog geraten hat, auf keinen Fall ans Meer zu gehen, „sonst sind wir alle verloren“, geht das verwirrte Waisenkind Soma, genau: schnurstracks ans Meer. Als sich die bedrohliche See am Horizont turmhoch aufbäumt und dabei gespenstisch glüht, würden normale Menschen erstarren oder fliehen. Aber gut – weil sich Soma (Lisa-Marie Koroll) in der ZDF-Serie „Die Düsteren“ befindet, schaltet sie bar aller Vernunft auf Angriff, geht gemessenen Schrittes ins Ungewisse.

Und alle sind verloren.

Beim Versuch, auf Kaltenoog ihre Herkunft zu ergründen, hat die renitente Städterin nämlich ein Tor zur Hölle geöffnet. Fortan steigen gespenstische Doubles der Eingeborenen aus dem Schlick und ersetzen die Originale. Den Anfang macht eine Kopie des lokalpolitisch ambitionierten Campingplatzbetreibers Ben (Max Riemelt), bevor das Meer immer mehr Insulaner klont. Warum, wird selbst im Finale nur ansatzweise klar, aber so lautet halt die Ausgangslage eines übersinnlichen Sechsteilers, in dem ZDFneo das produzieren lässt, was es leider am besten kann: schlechte Gruselserien.

Wie der bodenlos vergeigte Coming-of-Age-Horror „Was wir fürchten“ 2023 oder das gnadenlos misslungene Rattenfänger-Sequel „Hameln“ im Jahr drauf, packt der Spartenkanal jedes noch so abgenagte Mystery-Klischee in ein Format, dessen Titel sogar noch dusseliger ist als der inszenatorische Rest. Dramaturgisch an Don Siegels Bodyhorror-Legende „Die Dämonischen“ orientiert, bedient sich Regisseurin Lea Becker nach Drehbüchern von Arne Nolting und Jan Martin Scharf fröhlich in der Mottenkiste branchenüblicher Gräueleffekte made in germany.

Während das Tageslicht trüber ist als die Dämmerung polarer Fjorde, könnten Darsteller wie Ludger Bökelmann, Rick Okon oder Karsten Antonio Mielke im Mondschein spielend das Kleingedruckte ihrer Knebelverträge für diesen Quatsch lesen. Obwohl Vogelperspektiven des dünnbesiedelten Eilands vor allem Sandbänke zeigen, beherbergt es stattliche Wohnviertel und eine Charité-große Polyklinik, in deren Kellergewölbe Soma fix das Archiv findet, bevor sie ohne Google (oder Papier) Maps durch düstere Wälder zur Außenseiterin Amke radelt, der Corinna Kirchhoff einen Hauch von Hänsel und Gretel verpasst.

Dass die Traumapatientin entgegen jeder schlafmedizinischen Regel gern mal schreiend aus Albträumen hochfährt, vervollständigt die Kanonade billiger Gruselstereotype unterm Theaterdonner des Filmmusikers Karwan Marouf. Als die Hauptfigur der zweiten deutschen Mystery-Serie in einer Woche ebenso bewegungsfreudig aus ihrem Nachtmahr erwacht, bevor deren Tochter wie Soma auf eine unheimliche Gefahr zugeht, anstatt davor zu fliehen, scheint „House of Yang“ (ab 9. Oktober, ARD-Mediathek) den „Düstereren“ demnach zu gleichen.

Doch so einfach ist es nicht. Denn im Gegensatz zum ZDF-Format kommen die sechs kürzeren Teile ohne Budenzauber aus, von Monstren und Mutationen ganz zu schweigen. Das Grauen ist hier dynastischer, also persönlicher. Denn als die Deutsch-Chinesin Jessie (Elisa Hofmann) ihr verwunschenes Elternhaus erbt, wird sie mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert: 1999 ist ihre Schwester Isabel dort verschwunden und 50 Jahre zuvor deren Tante. Das „House of Yang“, es frisst offenbar seine Kinder – und bringt damit auch Jessis Tochter Mila (Purnima Grätz) in Gefahr.

Warum genau, erzählt Showrunnerin Stefanie Ren auf drei Zeitebenen, die Mia Spengler als klaustrophobisches Kammerspiel gestaltet. Der Himmel darüber ist zwar stets bedeckt, die Stimmung meistens auch, und dass im Schwarzwald niemand Badisch schwätzt, ist ungefähr so wahrscheinlich wie Zimmer, die samt ihrer Türen verschwinden. Zum Glück aber horten Spengler und Ren nicht nur genretypische Klischees; als Deutsche asiatischen Ursprungs verarbeiten sie auch persönliche Erfahrungen von Fremdheit im eigenen Land.

„Hokuspokus-Geschichten glaubt man vielleicht in China“, sagt ein Polizist, als Jessis Eltern 1999 Isabel vermisst melden. „Hier arbeiten wir mit Fakten.“ Und was die Familienaufstellung im „House of Yang“ betrifft, sind sie mitunter vielleicht so verworren, dass im ARD-Presseheft ein Stammbaum steht. Aber anders als bei den „Düsteren“ sind dessen Äste oft zwar bedeutungsschwanger, aber selten melodramatisch. Das macht die Serie im fremdschamanfälligen Dickicht deutscher Mystery zur erträglichen Ausnahme.

Nicht ansatzweise so clever wie Mike Flanagans Alltagshorror, versteht sich, der mit Stephen Kings Erstlingswerk „Carrie“ bei Amazon Prime gerade ein weiteres Kapitel erhält. Doch verglichen mit den Pathos-Peitschen „Dark“ und „1899“ oder Überwältigungsschauder wie „Hausen“ und „Schnee“ bleibt der Schrecken des „House of Yang“ im Ungefähren, also eher suggestiv als aufdringlich. Wer ihn sieht, muss deshalb weder erstarren noch fliehen oder gar angreifen, sondern darf ruhig darauf zugehen. Letztlich entscheidet die Amygdala, aber es könnte sich lohnen.

Alle sechs Folgen von "Die Düsteren" stehen beim ZDF zum Streamen bereit, linear zeigt ZDFneo sie am 21. Oktober ab 21:45 Uhr. "House of Yang" ist ab dem 9. Oktober in der ARD-Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt alle Folgen am gleichen Abend ab 23:55 Uhr auch linear.