Die Realität verändert sich schneller, als es das Fernsehen noch seriös vorhersagen kann. Waren fast alle Regierungschefs der westlichen Hemisphäre 2014 zum Beispiel relativ rationale Pragmatiker, wurden sie vielerorts durch irrlichternde Populisten ersetzt, die das globale System wechselseitigen Beistands attackieren. Als Tom Hillenbrand vor zwölf Jahren den Near-Future-Romane „Drohnenland“ schrieb, schwebte ihm zwar bereits ein digitaler Überwachungsstaat im entfesselten Klimawandel vor, der seine Heimatstadt Hamburg verschluckt.
Wie schnell durchgeknallte Despoten à la Trump die Erde jetzt parallel mithilfe künstlicher Intelligenz zerstören – dafür fehlte dem Autor trotz seiner gewagten Idee eines „Solar Wars“ genannten Atomkriegs mit verheerenden Folgen für die globale Energie- und Demokratieversorgung noch jede Fantasie. Die Berliner Syrreal Entertainment durfte den Originaltext mit Hillenbrands Einwilligung deshalb der rauen Wirklichkeit anpassen – das drückt sich keineswegs allein im Serien-Titel „Droneland“ aus.
Weil die Gegenwart dessen Drehbücher praktisch pausenlos überholt habe, ließ Produzent Siegfried Kamml sie „im Grunde monatlich umschreiben“, sagte er vor sechs Wochen zu auf dem Seriencamp. Nachdem stattliche 38 Fassungen im Mülleimer gelandet sind, startet Nummer 39 bei MagentaTV. Und die hat es in sich. Showrunner Nicolas Steil bläst Hillenbrands Krimi-Plot nämlich zu einer kontinentalen Verschwörung wirtschaftspolitischer Supermächte auf, in denen seine Hauptfigur einen Wandel jenseits der literarischen Vorlage durchmacht.
Aus dem holländischen Kommissar Aart van der Westhuizen wird demnach nicht nur der deutsche Kriegsveteran Westerfeld; Steil degradiert ihn obendrein vom melancholischen Witwer mit Alkoholproblem zum physisch wie psychisch vernarbten Schrottsammler mit Rachegelüsten, der sich im retrofuturistischen Jahr 2040 durchs zerstörte Dresden schlägt und verzweifelt die Mörder seiner (im Original irrelevanten) Frau Ellen sucht. Weil er dabei gern Gesetze bricht, macht ihm Europol-Chefin Katharina Kush (Sibel Kekilli) ein Rehabilitationsangebot.
Gemeinsam mit der Top-Agentin Nina Bittman (Sophie Mousel) soll Aart den Tod eines Abgeordneten des supranationalen Zentralstaates in der glänzenden EU-Zentrale Luxemburg-City aufklären. Steils drei Dutzend Skripte haben Hillenbrands konventionellem Who-Dunnit-Fall also viel menschlich-politisches Drama angedichtet. Die Polizeimethoden allerdings stammen noch aus dem Roman. Statt Tatorte körperlich zu betreten, schickt Europol seine Ermittler in den Mirrorspace – eine Virtual Reality, die von Myriaden Überwachungsdrohnen gespeist wird und zweidimensionale Zeitreisen ermöglicht.
Nicht nur das setzen die deutschen Regisseure der englischsprachigen Koproduktion fabelhaft in Szene. Max Zähle und Felix Koch haben ihre Zukunft generell gut ausgestattet. Natürlich gibt es im Endzeit-Dresden überall Feuertonnen und im Neuzeit-Luxemburg 50 verschiedene Sorten Weiß. Aber wenn Masucci die Terroristen der Rebellenbewegung Sons of Night durch verwahrloste Ecken der autokratischen Zweiklassengesellschaft EU jagt, reichen CGI, SFX, Set- und Kostümdesign bisweilen an Hollywood-SciFi à la „Fallout“ heran.
Optisch ist „Droneland“ also sehr solides Near-Future-Entertainment, das hierzulande vom „Schwarm“ über „Tribes of Europa“ und „Condordia“ bis zur 4. Staffel „Charité“ oder Ende Oktober bei ZDFneo die Bewusstseinswanderung „Wake up“ längst jedes erdenkliche Übermorgen ausstattet. Würde darin nicht erneut ein selbstreferenzieller Missmut herrschen, der spätestens seit „Dark“ zur deutschen Marke geworden ist. Selbst die Produktionspartner aus Luxemburg, Polen und Holland konnten (oder wollten) das atmosphärische Grau(en) von Kammls Syrreal da nicht aufhellen.
Gewiss, wenn undurchsichtige Euro-Cops (Kekili), korrupte Politiker (Marc Limpach) und gierige Tech-Bros (Alexander Scheer) die Demokratie zersetzen, wären fortschrittseuphorische Utopien technicolorbunter Zeiten 100 Jahre und ebenso viele Krisen nach dem Patent fürs revolutionäre Farbverfahren fehl am Platz. Nach zwei Folgen, in denen weder Sophie Mousel noch Oliver Masucci oder überhaupt irgendwer gelächelt hätten, sehnt man sich jedoch nach Bruce Willis oder Harrison Ford. Die jubeln ihrer Science-Fiction wenigstens gelegentlich mal ein Augenzwinkern unter.
Daran ändert auch Aarts Herbarium wenig, das er in seiner diesigen Mönchszelle hegt und pflegt, als würde er den abgeholzten Schwarzwald wieder aufforsten. Tröstlich an der melodramatischen Endzeitstimmung im „Droneland“ ist demnach eigentlich nur, dass die Europäische Union doch nicht wie aktuell zu befürchten steht in 27 reaktionäre Einzelstaaten zerfällt. Als supranationale Einheit wird sie sogar vergleichsweise pluralistisch regiert. Vorerst zumindest. Schließlich stehen EU-Wahlen an, in denen Liberale gegen Law and Order antreten. Wer sich Nicolas Steils Cyber-Polizeistaat so anschaut, ahnt vermutlich schnell, wer sie gewinnt.
"Droneland" steht ab dem 8. Oktober bei Magenta TV zum Streamen bereit. Das ZDF wird die Serie voraussichtlich im Herbst 2027 zeigen.
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