Was kann man nach zwei Tagen Skydance sagen?
David Ellison verdient Respekt. Wer Paramount übernimmt und unmittelbar danach Warner Bros. Discovery ins Visier nimmt, braucht mehr als einen reichen Vater: Entschlossenheit, Ausdauer und die Fähigkeit, nach empfindlichen Rückschlägen weiter zu verhandeln. Diese Resilienz hat Ellison bewiesen. Die vergangenen anderthalb Jahre waren ein Übernahme-Tour de Force. Zunächst brachte Ellison den langwierigen Paramount-Kauf zum Abschluss. Schon einen Monat später verhandelte er mit David Zaslav über Warner. Sein erstes Angebot: rund 19 US-Dollar je Aktie, teilweise in eigenen Aktien. Warner lehnte ab. Netflix und Comcast kamen hinzu, im Dezember erhielt Netflix schließlich den Zuschlag. Ellison antwortete mit einer feindlichen Offerte, juristischem Druck und höheren Geboten. Ende Februar zog Netflix zurück. Aus 19 waren 31 US-Dollar geworden, vollständig in bar. Hinzu kamen Finanzierungsgarantien und eine Verzögerungsentschädigung für die Aktionäre. Ellison wollte diesen Deal erkennbar unbedingt.
Auch regulatorisch wurde der Sieg teuer erkauft. Nachdem zwölf US-Bundesstaaten geklagt hatten, verpflichtete sich das Unternehmen zu verbindlichen Kinostarts: mindestens 30 Filme jährlich, mit empfindlichen Sanktionen. Für jeden fehlenden Film drohen 30 Millionen US-Dollar, bei Verstößen können sogar Verkäufe von Unternehmensteilen folgen. Kabelsender müssen ihre Verbreitungsverträge separat verhandeln. Das sind Verpflichtungen, die den künftigen Handlungsspielraum begrenzen. Anerkennung verdient ebenso, wie rasch zum Start die Führungsmannschaft stand. Mit Ynon Kreiz holte Ellison einen erfahrenen Manager von außen als Co-CEO hinzu. Eine gewichtige Personalie für eine Aufgabe, die weit über die nächste Filmankündigung hinausgeht.
Denn jetzt beginnt die wirkliche Arbeit: Integration, Stellenabbau und vor allem Entschuldung. Skydance startet mit 86,8 Milliarden US-Dollar Schulden. Dem stehen knapp acht Milliarden an verfügbaren Geldmitteln gegenüber. Selbst wenn diese vollständig zur Rückzahlung eingesetzt würden, blieben also rund 79 Milliarden Schulden übrig. Mindestens sechs Milliarden Dollar jährliche Synergien sollen binnen drei Jahren erreicht werden. Bis 2029 soll die Nettoverschuldung auf das Dreifache des bereinigten operativen Ergebnisses sinken. Damit hängt ein Damoklesschwert über Ellison und Kreiz. Kreative Risiken und langfristige Investitionen bleiben notwendig, müssen aber zugleich mit dem Schuldenabbau vereinbar sein. Gerade das verlangt sehr gute Führung: genug sparen, ohne die Geschichten, Talente und Beziehungen auszuhöhlen, von denen die künftigen Einnahmen abhängen. Die Börse spendete zunächst wenig Vorschussvertrauen. Nach zwei Handelstagen hatte die Aktie mit dem Kürzel SKYD rund neun Prozent and der NYSE verloren. Der gesamte fusionierte Konzern kam damit auf einen Börsenwert von knapp 45 Milliarden US- Dollar. Ellisons Entschlossenheit allein überzeugt den Kapitalmarkt also noch nicht. Jetzt müssen aus dem teuren Zusammenschluss verlässlich Gewinne werden. Ellison hat bewiesen, dass er Warner kaufen kann. Jetzt muss er beweisen, dass er den Behemoth trotz des Kaufpreises und der Schuldenlast erfolgreich führen kann. Und, dass Scale als Strategie wirklich wichtig und richtig ist.
Die ganze Übernahme-Schlacht lest ihr noch einmal beim "Hollywood Reporter"
Und was macht diese Fusion aus einem der erfolgreichsten und traditionsreichsten Hollywood-Studios?
Wenn David Zaslav zum Abschied von Warner Bros. im Video auf einer Warner-Bühne in Burbank über Kreativität, Handwerk und die Menschen dahinter philosophiert, die erfundene Welten Wirklichkeit werden lassen, könnte man ihn für deren Gralshüter halten. Das klingt rührend. Gemessen an seiner Amtszeit allerdings auch ziemlich selektiv. Denn unter seiner Führung wurde kreative Arbeit immer wieder finanziellen und strategischen Entscheidungen untergeordnet. Manchmal so konsequent, dass fast fertige Filme wie „Batgirl“ gar kein Publikum mehr erreichen sollten. Nun geht Zaslav, finanziell ausgesprochen komfortabel ausgestattet. Und Warner Bros., 1923 von Harry, Albert, Sam und Jack Warner gegründet, wird zukünfiig unter dem Konzerndach Skydance gemeinsam mit und neben Paramount als, nun ja, Abteilung geführt. Auch die bisherigen Warner-Studioleiter Michael De Luca und Pamela Abdy müssen gehen. Wieder neue Chefs, wieder neue Zuständigkeiten, wieder ein großes Zukunftsversprechen.
Allerdings wäre es ungerecht, diese Entwicklung allein Zaslav anzulasten. Warner war schon lange vor ihm Gegenstand immer neuer Konzernfantasien. Time Warner wollte große Medienmarken vereinen. AOL sollte daraus die Zukunft des Internets machen. AT&T wollte Inhalte und Telekommunikation verbinden, kaufte Time Warner 2018 und kündigte schon drei Jahre später seinen Rückzug über die Fusion mit Discovery an. Jedes Mal klang die industrielle Logik zunächst irgendwie überzeugend. Jedes Mal sollte Warner anschließend helfen, die nächste übergeordnete Strategie zum Erfolg zu führen. Besonders sichtbar wurde das Ende 2020. Die gesamte Warner-Kinostaffel für 2021 sollte in den USA gleichzeitig auf HBO Max starten. Die Pandemie lieferte Gründe dafür. Aber die fehlende vorherige Abstimmung mit Filmemachern beschädigte Vertrauen nachhaltig. Christopher Nolan protestierte öffentlich. Und nach mehr als 20 Jahren erfolgreicher Partnerschaft entstanden „Oppenheimer“ und „Die Odyssee“ dann mit Universal Pictures. Filme waren damals plötzlich mehr Treibstoff für eine Plattformstrategie.
Mich berührt diese Entwicklung auch persönlich. Durch meine Arbeit mit Pantaleon Films kenne ich Warner als starken Partner einer sehr erfolgreichen Phase des deutschen Publikumskinos. Mit Schweiger, Schweighöfer und vielen anderen verband das Unternehmen lokale Marktkenntnis und kreative Beziehungen mit der Schlagkraft eines Hollywoodstudios. Hinter dem berühmten Wappen standen Menschen, die an Filme glaubten und sie groß machen konnten. Die Zukunft für lokales deutsches Kino scheint mir heute indes ungewiss. Dabei wäre ein durchgehender kreativer Niedergang ebenso die falsche Erzählung. Auch zuletzt gelangen Warner große Erfolge, etwa „Dune“, „A Minecraft Movie“ oder „Sinners.“ Gerade das macht die Geschichte irgendwie so bitter. Gute Filme und deren Erfolg konnten die dauernde Unruhe im Konzern nie beenden. Nun übernehmen Ellison und Kreiz einen gewaltigen kreativen Schatz und ein tonnenschweres, historisches Erbe. Man darf gespannt sein, ob sie ihm die Kontinuität und den Freiraum geben, die das Filmgeschäft braucht. Denn nach all diesen Eigentümerwechseln braucht es jetzt vor allem eines: verlässliche Führung, die länger hält als bis zur nächsten Transaktion.
Zaslavs Abschiedsbotschaft gibt es bei "Variety" und eine Einordung zu Warner vom "Wall Street Journal"
Warum lässt sich mit einem uralten Nutzungsbedürfnis heute offenbar besser Geld verdienen?
An Heiligabend 1966 zeigte der New Yorker Fernsehsender WPIX ein brennendes Kaminfeuer, begleitet von Weihnachtsmusik. „The Yule Log“ wurde zur Tradition. Keine Handlung, keine Stars, kein Spannungsbogen. Dafür etwas, das Fernsehen schon damals liefern konnte: Atmosphäre. Wer heute von „Ambient TV“ spricht, beschreibt also keine neue Erfindung. Kaminfeuer, Aquarien und Landschaftsbilder gehören längst zum bewegten Bildschirmmobiliar. Und auch jenseits dieses Genres lief Fernsehen schon immer nebenbei: als Gesellschaft beim Bügeln, Kochen oder Alleinsein. Man musste nicht ständig hinsehen, um etwas davon zu haben. Neu sind die Möglichkeiten, daraus ein dauerhaftes Geschäft zu machen. Eine Filmschleife braucht heute keinen kostbaren Platz im Programm eines Broadcasters. Sie kann auf YouTube oder einem kostenlosen, werbefinanzierten Streamingkanal rund um die Uhr verfügbar sein. Ohne Übersetzung, mit langer Haltbarkeit und überschaubarem Produktionsaufwand. Aus einer weihnachtlichen Sonderprogrammierung wird damit ein weltweit abrufbares Angebot.
Wie groß die Nachfrage sein kann, zeigt eine Zahl von YouTube. Der Kanal „Soothing Relaxation“ hatte bis Dezember 2025 mehr als 4,8 Milliarden Aufrufe gesammelt. Eine Größenordnung, von der viele aufwendig produzierte Inhalte nur träumen können. Samsung hingegen plant laut „The Ankler“ mit „Fireside Interactive“ ein individuell einstellbares Entspannungsumfeld: Umgebung, Wetter, Musik und Lautstärke des Knisterns lassen sich wählen. Der Fernseher soll so auch außerhalb des klassischen Fernsehens einen festen Platz im Alltag behalten.
Ob jemand deshalb tatsächlich einen neuen Fernseher kauft bzw. Samsung einem Wettbewerber vorzieht, wissen wir nicht. Geräte mit solchen Funktionen zu verkaufen, belegt noch keine durch diese Funktionen ausgelöste Nachfrage. Aber es scheint dennoch so, dass Menschen den Fernseher eben auch einschalten, um endlich ihre Ruhe zu haben. Und wir den Bedarf des Publikums vielleicht gelegentlich falsch einschätzen. Wir optimieren Einstiege, beschleunigen Geschichten, setzen Cliffhanger, versuchen bestes Storytelling und kämpfen um jede Sekunde Aufmerksamkeit. Ein Teil des Publikums möchte aber offenbar gerade nichts verfolgen, verstehen oder zu Ende schauen. Es möchte, dass etwas einfach nur angenehm da ist. Das ist ein hübsches Paradoxon der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie. Vielleicht sollten wir neben „Wie fesseln wir unser Publikum?“ uns gelegentlich öfter fragen: „Wie entlasten wir es?“ WPIX hatte darauf schon vor sechzig Jahren eine ziemlich gute Antwort.
Den Artikel von „The Ankler“ gibt es hier hinter der Bezahlschranke
Was ist richtig gute Re-Eventisierung und Marketing gleichermaßen?
Wenn Menschen dafür bezahlen, sich auf den nächsten Film zu freuen. Disney und Marvel führen gerade vor, wie das geht. Sie haben den sieben Jahre alten „Avengers: Endgame“ als „Endgame: Encore“ zurück ins Kino gebracht. Mit exklusivem Zusatzmaterial und einer klaren Zusatzaufgabe: die Begeisterung für den nächsten Avengers-Film „Doomsday“ anzuheizen. Das funktioniert zunächst einmal ausgesprochen gut. Die Wiederaufführung spielte am ersten Wochenende weltweit geschätzte 86 Millionen US-Dollar ein, inzwischen sind es rund 126 Millionen. Damit steht „Endgame“ bei insgesamt 2,9255 Milliarden US-Dollar und wieder knapp vor „Avatar“ an der Spitze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, gemessen am nominalen Einspiel. Auch in Deutschland gelang der Sprung auf Platz eins: 124.689 Besucher kauften am Startwochenende ein Ticket. Für einen Film, der seit Jahren im Streaming verfügbar ist, durchaus bemerkenswert.
Der strategische Trick steckt dabei in der Verbindung von Vergangenheit und Zukunft. „Endgame“ war der emotionale Abschluss einer über viele Filme aufgebauten Geschichte. „Encore“ öffnet diesen Abschluss wieder. Neue Szenen führen unter anderem Doctor Doom ein und zeigen eine Bedrohung durch zusammenbrechende Paralleluniversen. Sie schaffen einen direkten erzählerischen Anschluss an „Doomsday“, in dem die Avengers, Fantastic Four und X-Men erstmals zusammenkommen. Robert Downey Jr. kehrt zurück, diesmal als Doctor Doom statt als Iron Man. Und auch die Russo-Brüder führen wieder Regie. Disney verkauft also erneut das gemeinsame Erlebnis eines geliebten Films und macht daraus zugleich Werbung für die Fortsetzung.
Ob daraus tatsächlich zusätzliche „Doomsday“-Besuche entstehen, wissen wir noch nicht. Wie groß die Vorfreude bereits ist, zeigt aber der deutsche Vorverkauf: Laut Disney wurden innerhalb der ersten 24 Stunden 118.000 Tickets für „Doomsday“ verkauft. Das sind rund zwölf Prozent mehr als seinerzeit für „Endgame“ und ein neuer Vorverkaufsrekord für das Unternehmen hierzulande. Angesichts des finanziellen Risikos dürfte Disney aber auch jede Unterstützung brauchen. „Doomsday“ startet weltweit in der Woche vom 16. bis 18. Dezember, in Deutschland am 16. Dezember. Das Weihnachtsgeschäft bietet die Bühne für ein großes Kinoereignis. Aber es werden eben auch Produktionskosten von rund 400 Millionen US-Dollar, teilweise sogar 400 bis 500 Millionen kolportiert. Dazu könnten mehr als 300 Millionen US-Dollar für weltweites Marketing kommen. Offiziell bestätigt sind diese Budgetzahlen nicht. Sollten diese Größenordnungen stimmen, muss „Doomsday“ in jedem Fall die Milliarde US-Dollar weltweit übertreffen. Die Re-Eventisierung von „Endgame“ ist damit auch eine Investition in einen Erfolg, den Disney dringend braucht.
Mehr zu „Avengers Endgame Encore“ lest ihr bei "The Wrap"
Und was kann eine neue „Carrie“ uns noch erzählen, wenn die alte uns bis heute nicht loslässt?
Es gibt Filme, an die man sich erinnert. Und es gibt Filme, deren Bilder man einfach nicht mehr loswird. Brian De Palmas „Carrie“ (1976) gehört für mich zur zweiten Kategorie. Sissy Spacek, das Blut, der Abschlussball. Wer diesen Film als junger Mensch gesehen hat, dürfte verstehen, was ich meine. Man musste weder an Telekinese glauben noch ein ausgesprochener Horrorfan sein, um sich vor dem zu fürchten, was dort geschah: die Angst nicht dazuzugehören. Von anderen gedemütigt zu werden. Sich nach Anerkennung zu sehnen und gerade dann besonders verletzlich zu sein, wenn sie endlich zum Greifen nahe scheint. „Carrie“ traf einen dort, wo man als Jugendlicher ohnehin wenig Schutz hatte. Die übernatürliche Eskalation setzte dann nur noch einen obendrauf.
Nun hat Mike Flanagan Stephen Kings Geschichte als Serie für Prime Video neu adaptiert. Mit „The Haunting of Hill House“ und „Midnight Mass“ (beide Netflix) steht Flanagan für einen Horror, dessen Schrecken tief in seinen Figuren wurzelt und eine visuell eindrucksvolle, atmosphärisch dichte Bildsprache. Das macht ihn für „Carrie“ zu einer äußerst vielversprechenden Wahl. Alle acht Folgen sind seit dem 7. Oktober verfügbar, Summer H. Howell spielt Carrie White, King ist als Executive Producer beteiligt. Die Handlung rückt dabei in die Gegenwart: Jugendkultur, Social Media und ein viraler Mobbingskandal gehören zur neuen Erzählung.
Natürlich kann man fragen: Schon wieder ein Reboot? Dem Mediengeschäft mangelt es wahrlich nicht an Versuchen, die Bekanntheit alter Titel ein weiteres Mal zu monetarisieren. Doch hier könnte die Aktualisierung einen nachvollziehbaren erzählerischen Grund haben. Prime Video tönt zum Trailer: „If you think you know her story, you’re dead wrong.“ Die Grausamkeit unter Jugendlichen musste niemand neu erfinden. Ihre Dimension hat sich allerdings radikal verändert. Eine Demütigung auf dem Schulflur kann heute gefilmt, geteilt, kommentiert und immer wieder hervorgeholt werden. Man verlässt die Schule, aber die Schule verlässt einen nicht mehr. Das reicht tief in den Kern dieser Geschichte. Auch das Serienformat eröffnet Möglichkeiten. Die Menschen um Carrie herum könnten mehr sein als Täter, Zuschauer oder spätere Opfer. Acht Folgen bieten Raum, ihre Motive und ihr Wegsehen genauer zu betrachten. Sie bergen allerdings ebenso das Risiko, eine konzentrierte Geschichte so lange auszudehnen, bis ihre Wucht verloren geht. Ich habe die neue Serie noch nicht gesehen, werde das aber bald nachholen. Aber genau daran würde ich sie messen: Was macht die zusätzliche Zeit sichtbar? Und trifft diese „Carrie“ Jugendliche von heute so unmittelbar, wie die alte uns getroffen hat?
Den eindrucksvollen Trailer seht ihr hier:
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