Es gibt sie also doch noch, die ambitionierte Fiction beim ZDF. Sie blitzte im Hauptprogramm zuletzt nur vereinzelt auf, etwa mit dem gefeierten Biopic „Olivia“ oder drüben bei ZDFneo und in der Mediathek mit dem jungen „Chabos“. Preisgekrönte fiktionale Produktionen - in Film oder seriell drüben im digitalem Spartensender. Natürlich ist heute alles auch im Stream verfügbar, gleichwohl bleibt das ZDF-Programm das größte lineare Schaufenster im deutschen Fernsehen. Und da lief die ARD dem ZDF in der seriellen Fiktion zuletzt den Rang ab. Es steht außer Frage, dass das ZDF deutsche Fikton fördert. Aber wie wäre es mit feiern?
Seit den Ambitionen mit „Der Schwarm“ und dem völlig verkopften „Concordia“ kam nur noch wenig. Da ebbte der Ehrgeiz ab. Es ist nicht so als wenn das ZDF nicht viel investieren würde in Serien - wenn sie jung oder koproduziert sind. Wenn sie gedacht sind, das Hauptprogramm nicht zu stören. Auch „Krank Berlin“ war ein solcher Fall. Einst für Sky entwickelt und dann vom plötzlichen Aus der Auftragsproduktionen dort betroffen, hatte das ZDF das Projekt für ZDFneo gerettet. Später erst sprang zusätzlich AppleTV auf, sicherte sich das erste Verwertungsfenster dieser Ausnahmeserie.
Ausnahmeserie. Was nach Meinung klingt, lässt sich mit Fakten untermauern: Die Serie gewann den Deutschen Fernsehpreis als beste Drama-Serie, noch dazu wurden Tim Kuhn und Jieun Yi für die Kamera-Arbeit ausgezeichnet. Beim Deutschen Schauspielpreis gewann die Serie den Ensemble-Preis, beim Fernsehpreis der Deutschen Akademie für Fernsehen in den Kategorien Produzent*in und Casting und beim Grimme-Preis die Auszeichnung der Studierendenjury. Sie gewann mehr Preise und Anerkennung als Publikum, denn AppleTV gehört zwar zu den ambitioniertesten Streamingdiensten, nicht aber zu den meistgenutzten.
Aber selbst wenn dem so wäre: Wäre das dann ein Grund auf die eigene programmliche Profilierung zu verzichten? Gerade ein öffentlich-rechtlicher Sender könnte eine solche Serie einem Publikum zugänglich machen, das sie sonst womöglich nie entdecken würde. Und seien wir ehrlich: „Krank Berlin“ wurde bislang von der Nische, nicht dem Mainstream entdeckt. Das macht die verschenkte Gelegenheit jetzt so bitter: Sie ist bezahlt, viefach ausgezeichnet und der Beweis dass nicht alle Serien aussehen müssen als seien sie von einer Kommission zur Vermeidung jeglicher Irritation entwickelt worden.
Eine Frage der Haltung
Es geht nicht darum, dass jede ambitionierte Serie zur besten Sendezeit ein Millionenpublikum erreichen muss. Natürlich nicht. Aber seit wann ist das der alleinige Maßstab für einen öffentlich-rechtlichen Sender? Gerade das ZDF müsste doch den Anspruch haben, sein Publikum gelegentlich herauszufordern, statt ausschließlich dessen vermeintliche Erwartungen zu bedienen. Zumal es hier nicht um ein riskantes Experiment mit ungewissem Ausgang geht. „Krank Berlin“ hat längst bewiesen, was in der Serie steckt. Und AppleTV hat mit seinem Last Minute-Einkauf von „Krank Berlin“ nach DWDL-Informationen ohnehin den Löwenanteil finanziert.
Es ist also keine Frage des Geldes, sondern eine der Haltung. Wenn man auf dem Lerchenberg mal alle „inneren Logiken“ für einen Moment durch einen rationalen Blick ersetzen würde, könnte man im oft sehr selbstzufriedenen ZDF erkennen, dass es mitten in einer medienpolitischen Diskussion über den Produktionsstandort Deutschland, seine Leistungsfähigkeit und Nöte nichts anderes als eine Ohrfeige ist, eine Serie wie „Krank Berlin“ als Regelprogramm ins Regal zu stellen statt ihm die große Bühne im Hauptprogramm zu geben. Dort gab es mal eine Phase, in der man für Eventprogrammierungen Platz gemacht hat.
Wer seinen Auftrag ernst nimmt, sollte nicht nur verwalten, was Quote bringt, sondern zeigen, was möglich ist. Die Öffentlich-Rechtlichen sind dafür gerade so etwas wie die letzte Bastion in Zeiten, in denen private Anbieter unter Druck stehen wie lange nicht. Statt den Rückenwind einer preisgekrönten Serie zu nutzen verfährt man nach Vorschrift als könnte Mut die falschen Leute verschrecken. Sieht so der Stolz auf eine der meistdekorierten Serien der letzten Jahre aus? Kann neben "Bergdoktor" nicht auch mal Platz sein für die dreckige Nahaufnahme einer Beriner Notaufnahme? Die ganze Tragweite der Tragik liegt wohl darin, dass sich kaum jemand mehr darüber empören will, dass das ZDF es so macht. Dass man kaum noch überrascht ist, wenn das ZDF so eine Chance liegen lässt.
"Krank Berlin", ab Freitag im Streamingportal und ab dem 25. November mittwochs um 21:45 Uhr bei ZDFneo
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