Was passiert, wenn selbst Fox-News-Zuschauer müde werden?
Dann spricht Lachlan Murdoch von „viewer fatigue“. Am Montag präsentierte der CEO der Fox Corporation glänzende Quartalszahlen: 4,57 Milliarden US-Dollar Umsatz, 22 Prozent mehr als im Vorjahr, und ein um 54 Prozent gestiegenes bereinigtes EBITDA. Fußball-WM, politische Werbung und die Streamingplattform Tubi sorgten für hervorragende Geschäfte. Nur bei Fox News gibt es ein Problem. Die Primetime-Reichweite brach im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 28 Prozent ein. Murdoch erklärte das im Earnings Call mit Nachrichtenmüdigkeit. Nach Jahren außergewöhnlich intensiver Berichterstattung seien die Zuschauer erschöpft. Sie wechselten auch nicht etwa zur Konkurrenz, sondern sähen insgesamt weniger fern. Das sei schon bei den Midterms 2006 während der zweiten Amtszeit von George W. Bush so gewesen. Nur passt dazu nicht ganz, dass CNN und MS NOW, das frühere MSNBC, im Oktober gegenläufige, zweistellige Primetime-Zuwächse verzeichneten. Und seit Dienstag hat Murdochs Erklärung eine zusätzliche, durchaus ironische Dimension. Denn bei den Midterms haben die amerikanischen Wähler Trump und seinen Republikanern bekanntermaßen eine bemerkenswerte Niederlage beschert. Die Demokraten eroberten nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern auch den Senat und gewannen selbst in republikanischen Hochburgen wie Texas, Kansas und South Carolina.
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion bei Fox News selbst. Ich habe am Mittwochmorgen auf die Website geschaut. Dort wird keineswegs versucht, das Wahldebakel schönzureden. Von einem „blue tsunami“ ist die Rede, konservative Kommentatoren sprechen von einer „catastrophic night.“ Der konservative Publizist Matt Walsh macht Trumps Iran-Krieg und die gestiegenen Lebenshaltungskosten verantwortlich. Fox-Kolumnist Doug Schoen bezeichnet Trump ausdrücklich als den großen Verlierer der Wahl. Und Kommentatorin Liz Peek vergleicht die Niederlage mit Barack Obamas verheerenden Midterms 2010. Natürlich beweisen weder Wahlergebnisse noch Zuschauerverluste, dass sich das konservative Amerika geschlossen von Trump abwendet. Fox News bleibt mit großem Abstand Marktführer bei den Kabelnachrichtensendern. Und politische Enttäuschung führt nicht zwangsläufig zum Abschalten. Aber vielleicht hat Murdoch mit seiner „viewer fatigue“ mehr recht, als ihm lieb sein kann. Vielleicht sind Teile seines Publikums nicht einfach nachrichtenmüde, sondern zunehmend erschöpft von der permanenten politischen Erregung, die Fox News über Jahre selbst mitproduziert hat. Für einen Sender, dessen wirtschaftlicher Erfolg wesentlich auf der Emotionalisierung politischer Konflikte und der Bestätigung seines Publikums beruht, wäre das eine unangenehme Erkenntnis. Was, wenn nicht die Nachrichten an sich müde machen, sondern die eigene Erzählung?
Wer organisiert künftig unseren Fernsehabend?
Netflix möchte uns die Antwort auf eine der schwierigsten Fragen erleichtern: Was schaue ich heute? Seit dieser Woche testet der Dienst in den USA „AI Discover“. Eine kleine Gruppe englischsprachiger Nutzer kann auf unterstützten Fernsehern Themen auswählen: etwas Leichtes, einen Familienfilm oder etwas für die kurze Pause. Danach lässt sich die Auswahl verfeinern. Unerwünschte Empfehlungen kann man aussortieren. Das System soll dazulernen. Das klingt hilfreich. Allerdings kann man zunächst weder frei mit der Suche sprechen noch einen beliebigen Wunsch eintippen. Man wählt aus vorgeschlagenen Themen aus. Ob die Empfehlungen tatsächlich besser funktionieren, muss der Test zeigen. Die Zukunftsforscherin Amy Webb denkt bereits weiter. Auf LinkedIn beschreibt sie „systems that understand who’s on the couch and what kind of day they’ve had“: Später könnten Körperdaten aus Wearables sogar Tempo, Ton und Schnitt einer Geschichte beeinflussen. Ihre strategische Warnung: Wer das Publikum besser versteht, könnte künftig den Zugang zu ihm kontrollieren.
Im Wirtschaftsmagazin Inc. kommt Amy Zwagerman aus einer anderen Richtung zu einem ähnlichen Machtproblem: „People don’t want to be shown what Netflix has - they want to be shown what to watch.“ Netflix durchsucht dafür aber natürlich nur den eigenen Katalog. Wer unseren gesamten Fernsehabend organisiert, müsste auch empfehlen können, heute lieber einen anderen Dienst zu öffnen. Gerätehersteller und Aggregatoren hätten dafür bessere Voraussetzungen, argumentiert Zwagerman. Mich beschäftigt an Webbs Zukunftsvision noch eine andere Frage: Ist meine gegenwärtige Stimmung überhaupt ein verlässlicher Programmauftrag? Wenn ein Thriller meinen Puls erhöht, macht er möglicherweise gerade alles richtig. Wenn mich ein Drama traurig stimmt, brauche ich deshalb keine automatisch aufgehellte Fassung. Vielleicht möchte ich mich von einer Geschichte gerade aus meiner Stimmung herausführen lassen. Unterhaltung soll Gefühle schließlich auch erzeugen. Und selbst wenn Netflix zuverlässig erkennen könnte, wie es mir geht, wäre damit noch nicht geklärt, welchem Zweck dieses Wissen dient. Soll es mir einen guten Abend ermöglichen oder mich möglichst lange vor dem Bildschirm halten? Beides kann zusammenfallen. Ich finde es wünschenswert, dass Netflix meine Wünsche besser versteht, aber es sollte mich schon danach fragen. Ob es dafür meinen körperlichen Zustand erfassen muss und ob der Film dann auch noch verstehen muss, wie mein Tag war, glaube ich eher nicht.
Was ist nun nur scheinbar bewiesen?
Dass die Leute keine KI-Filme sehen wollen. In China ist „Sanxingdui: Future Past“ gestartet, ein hundertminütiger Science-Fiction-Film, dessen Bilder vollständig mit künstlicher Intelligenz erzeugt wurden. Die Geschichte handelt passenderweise von einer Menschheit, die ihre Entscheidungen einer übermächtigen KI überlassen hat. Zum Start waren mehr als 10.000 Vorstellungen angekündigt. Das zunächst berichtete Einspiel: rund 180.000 US-Dollar. Auch wenn die Angaben über den genauen Auswertungsumfang auseinandergehen, bleibt das Ergebnis eindeutig: ziemlich leere Säle. Damit wäre also bewiesen, dass KI im Kino nicht funktioniert? Langsam. Ein konventionell hergestellter Science-Fiction-Flop beweist schließlich auch nicht, dass niemand mehr Science-Fiction sehen möchte. Zunächst hat ein bestimmter Film sein Publikum nicht gefunden. Ob Geschichte, Figuren, Inszenierung oder Vermarktung dafür verantwortlich waren, muss man an diesem Werk beurteilen. Berichte über eine fragmentierte Handlung, unbeholfene Dialoge und ein verwirrender, cheesy Trailer liefern jedenfalls konkretere Anhaltspunkte als die pauschale Diagnose einer Technologieverweigerung.
Das Publikum braucht einen eigenen Grund, sich den Film anzusehen. Es möchte lachen, mitfiebern, staunen, berührt werden. Ob dafür eine Kamera durch die Wüste getragen oder eine Wüste errechnet wurde, beantwortet diese Frage zunächst überhaupt nicht. Günstigere Herstellung ist für den Produzenten erfreulich. Der Zuschauer hat davon erst etwas, wenn daraus ein besseres oder überhaupt erst mögliches Erlebnis entsteht. Plausibel finde ich allerdings eine Beobachtung, die Marc Mensch bei The Spot beschreibt: Viele KI-Filme leiden an der Versuchung, alle verfügbaren Möglichkeiten gleichzeitig auszuschöpfen. Wenn praktisch jedes Bild erzeugbar wird, gewinnt die Entscheidung an Bedeutung, welches die Geschichte tatsächlich braucht. Eine Welt wird nicht überzeugender, weil in jeder Ecke noch ein Monster herumsteht. Und eine Inszenierung nicht aufregender, weil sie permanent ihre eigene Machbarkeit vorführt. Kreative Führung verlangt Auswahl, Gewichtung und Verzicht. Der Flop ist deshalb weder ein Anlass zur Entwarnung für die Branche noch ein Beleg für die Aussichtslosigkeit der Technik. Er erinnert vielmehr an eine ziemlich alte Branchenwahrheit. Zwischen der Fähigkeit, einen Film herzustellen, und der Fähigkeit, Menschen dafür zu begeistern, liegt die eigentliche Arbeit. KI kann die Bedingungen dieser Arbeit grundlegend verändern. Einen Grund, sich den Film anzusehen, muss weiterhin jemand erfinden.
Bei was bin ich mir sicher schaut die DFL gerade sehr genau hin?
Die Entwicklung der französischen Ligue 1. Dort lässt sich gerade beobachten, wie aus einer Krise der Sportrechtevermarktung eine Krise des gesamten Profifußballs werden kann. Am Dienstag hat die französische Liga ihre nationalen Übertragungsrechte für fünf Spielzeiten von 2027 bis 2032 neu ausgeschrieben. Interessenten können entweder sämtliche Rechte erwerben oder exklusiver Vertriebspartner des erst 2025 gestarteten, eigenen Streamingdienstes Ligue 1+ werden. Die Liga sucht also möglicherweise schon wieder jemanden, der ihr das wirtschaftliche Risiko der Plattform abnimmt. Die Vorgeschichte? 2018 feierte die Liga einen Milliardenvertrag mit Mediapro, einem ein etablierten spanischen Produktions- und Sportrechtespezialist. Der Anbieter konnte seine Verpflichtungen nicht erfüllen, der Vertrag platzte 2020. Der langjährige Partner Canal+ zog sich zunehmend zurück. 2024 übernahmen DAZN und beIN Sports (der katarische Pay-TV-Anbieter, dessen Mutterkonzern vom zugleich als PSG-Präsident amtierenden Nasser Al-Khelaïfi geführt wird) die Rechte für rund 500 Millionen Euro jährlich. Doch auch DAZN konnte sein Geschäftsmodell nicht erfolgreich refinanzieren. 2025 folgte die vorzeitige Trennung. Die Konsequenzen für den französischen Fußball waren verheerend. Mit Ligue 1+ wollte die Liga schließlich ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Statt die Rechte an Medienunternehmen zu verkaufen, wurde sie selbst zum Streaminganbieter.
Rund 1,1 Millionen Abonnenten sind durchaus ein respektabler Anfang. Doch die für 2026/27 erwarteten Ausschüttungen an die Clubs von etwa 150 Millionen Euro liegen dramatisch unter früheren Rechteerlösen. Und genau hier sollte die DFL aufmerksam werden. Die Idee, durch eigene Distribution die gesamte Wertschöpfung selbst zu kontrollieren, klingt verführerisch. Ich bin mir sicher, darüber wurde auch in Frankfurt bereits immer mal wieder nachgedacht. Aber ein Rechteinhaber wird nicht automatisch zum erfolgreichen Medienunternehmen. Abonnentenakquisition, Kundenbindung, Technologie und Marketing kosten Geld und erfordern Expertise. Vor allem übernimmt die Liga plötzlich selbst das Risiko, das zuvor bei DAZN oder anderen Rechtekäufern lag. Natürlich ist die Bundesliga nicht die Ligue 1. Bei der nächsten Rechtevergabe ab 2029 dürfte zudem RTL/Sky alles daransetzen, die Bundesliga zu behalten. Frankreich zeigt jedoch, dass die Unabhängigkeit von Medienunternehmen eben nicht zwangsläufig zu höheren Erlösen führt. Die französische Liga wollte sich von den Rechtekäufern unabhängig machen. Gut ein Jahr später fragt sie den Markt, ob nicht doch wieder jemand bereit wäre, das wirtschaftliche Risiko zu übernehmen. Die DFL kann daraus lernen. Die Kontrolle über die Distribution ist noch lange keine Garantie für ein besseres Geschäftsmodell.
Und welche deutsche Serie ist absolut sehenswert?
„Breitscheidplatz 19/12.“ Die sechsteilige ARD-Miniserie erzählt die Vorgeschichte des islamistischen Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember 2016. Im Mittelpunkt stehen ein Staatsschützer, eine junge Polizistin und ein Informant, die sich durch ein Geflecht aus islamistischen Netzwerken, konkurrierenden Sicherheitsbehörden und widersprüchlichen Interessen bewegen. Das Ende kennen wir alle. Die Serie erzählt das Unfassbare, was davor geschah. Produziert wurde „Breitscheidplatz 19/12“ von NeueSuper („Hindafing“, „Luden“), inszeniert von David Nawrath, der gemeinsam mit David Marian auch das Drehbuch schrieb. Auftraggeber sind ARD Degeto, RBB, NDR und HR. Die Serie verbindet dokumentierte Ermittlungspannen und reale Personen - darunter den Informanten Murat Cem - mit erfundenen Figuren und dramaturgischen Verdichtungen. Ein Mix, der sich offensichtlich gelohnt hat. Selten war sich die deutsche Fernsehkritik in ihrem Urteil so einig.
Die Produktion wird überall geradezu euphorisch besprochen. Ich schließe mich ausdrücklich an. Was mich begeistert, ist die Konsequenz, mit der diese Serie ihren eigenen Ton findet und durchhält. Ihre Bilder haben eine fast körperlich spürbare Unmittelbarkeit. Dazu kommen für mich herausragende schauspielerische Leistungen. Albrecht Schuch spielt den fiktiven Ermittler Frank Laudin mit einer beeindruckenden Mischung aus Entschlossenheit, Erschöpfung und wachsender Ohnmacht. Noch stärker hat mich allerdings Tamer Trasoglu als Murat Cem gefesselt. Seine Figur ist gleichzeitig selbstbewusst und verängstigt, berechnend und verletzlich, Täter und Getriebener. Dass die linearen Quoten eher schwach ausfielen, überrascht mich wenig. Eine konsequent horizontal erzählte Miniserie, die mit vielen vertrauten deutschen Fernsehkonventionen bricht, wird ihren tatsächlicher Publikumserfolg in der Mediathek nachweisen. Degeto-GF Christoph Pellander formuliert bei Veröffentlichung treffend und voller Stolz auf LinkedIn: „(D)er Wert öffentlich-rechtlicher Fiktion bemisst sich nicht allein an Reichweiten. Sondern auch an ihrer Relevanz. An ihrem Mut. Und an dem, was sie in unserer Gesellschaft bewegen kann. Genau dafür machen wir Programm. Und genau deshalb brauchen wir solche Serien.“ Dem kann ich mich nur anschließen.
Kommentar von




