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DWDL-Kommentar

Courage? Ein Bambi für einen gefährlichen Verführer

 

Mit der Unschuldigkeit eines jungen Rehs hat der Medienpreis von Hubert Burda Media in diesem Jahr so wenig zu tun wie nie zuvor. Geehrt wurde am Abend Tom Cruise, einer der besten Schauspieler aber auch gefährlichsten Verführer Hollywoods ausgerechnet für seine Courage. Eine unverantwortliche Entscheidung - findet DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath.

von Thomas Lückerath
29.11.2007 - 13:28 Uhr

Logo: Hubert Burda MediaWas ist schwieriger als heute Abend bei der Bambi-Verleihung einen Prominenten zu finden, der die Auszeichnung für Tom Cruise und seine Courage öffentlich kritisiert? Einen Prominenten zu finden, der sich vor oder nach dem heutigen Abend positiv über Scientology äußert. Und was ist das wiederum? Absurd. So wie die Auszeichnung von Tom Cruise in der Kategorie Courage. Ein Mysterium, dass schlimmstenfalls noch mit Standing Ovations zelebriert wird. Bei der B- und C-Prominenz, die die wenigen deutschen Stars heute Abend zahlenmäßig überragt, weiß man ja nie. Überhaupt wirft die Auszeichnung für Cruise viele Fragen auf.

Courage. Wahlweise auch durch Beherztheit, Schneid oder Mut zu ersetzen. Es definiert gemeinhin den Einsatz für eine gute Sache. Doch wofür hat sich Cruise eingesetzt? Für die Hollywood-Verfilmung eines bislang vergleichsweise selten verfilmten Teils der deutschen Geschichte jener dunklen Jahre? Herzlichen Dank, aber wir waren schneller: Teamworx hat mit "Stauffenberg" bereits einen hervorragenden Film zum Thema Hitler-Attentat geliefert, der inzwischen in über 80 Länder verkauft wurde - ohne dafür einen Bambi zu erhalten.

Ist also die Aufarbeitung deutscher Geschichte durch Deutsche kein Akt von Beherztheit, keinen Preis wert? Stattdessen ehrt man einen Hollywood-Schauspieler für den Mut, einen Film zu machen, über dessen Qualität sich kaum etwas sagen lässt, da er längst nicht fertig gestellt ist. Die Presse für "Walküre" - so der deutsche Titel - ist bislang dominiert von Negativschlagzeilen. Immer wieder gab es aus Politik und der Familie des Hitler-Attentäters Stauffenberg Kritik an Cruise' Scientology-Aktivitäten. Dazu kamen ein immer noch nicht völlig geklärter Unfall am Set sowie Pannen bei der Nachbearbeitung.

Auch ist fraglich wieviel Courage Cruise für "Walküre" wirklich aufbringen musste. Denn neben der Hauptrolle des Hitler-Attentäters Stauffenberg ist er auch als Produzent an Bord. Ein Schelm wer glaubt als solchem ginge es ihm nicht auch um die Wirtschaftlichkeit des Films oder direkter gesagt: Den Gewinn. Nein, wirkliche Beherztheit zeigt Cruise bei ganz anderen Themen, wie Scientology oder Narconon, einer Scientology-Tochter zur Rehabilitierung von Suchtkranken. Als Scientology-Anhänger ist er ein prominentes Aushängeschild über das sich nur schwerlich urteilen lässt ob nun Scientology euphorischer über Cruise' Hilfe ist oder Cruise über die Organisation. Zumindest lässt er keine Gelegenheit aus, sie zu preisen - und Kritik im Keim zu ersticken. Auch an den Sets seiner Filme, wo Scientology-Vertreter der Crew zur Seite stehen.

Aber nein, über Scientology wurde schon zu viel geschrieben und es wäre ohnehin ein ganz eigenes Kapitel, wollte man sich der Organisation selbst widmen, um sich ein Urteil zu erlauben. Man kann aber so weit gehen und sagen, dass die Absichten von Scientology ungeklärt sind. Das macht Cruise' Einsatz für Scientology nicht besser: Er verbreitet als einer der prominentesten Vertreter umstrittene Ansichten zu weltlichen Themen und dazu die ungehemmte Begeisterung für diese eben zumindest fragwürdige Organisation, wo immer man ihn dazu reden lässt.

Foto: Flickr/kballardEine Kostprobe? In einem der neueren Interviews mit deutschen Medien sagte Cruise dem Hamburger "Spiegel" vor zweieinhalb Jahren: "Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon." Genau diese Organisation steht aber selbst in den Scientology-freundlichen USA in der Kritik aus der Fachwelt und machte mit zwei Todesfällen von kranken Patienten Schlagzeilen, denen bei Narconon Berichten zufolge nicht fachgerecht geholfen wurde. Der "Spiegel" konfrontierte Cruise mit dieser Kritik und bekam als Antwort: "Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt." Keine weitere Diskussion.

Genau das dachten sich vor gut einem Jahr auch Geschäftspartner von Cruise. Das US-Filmstudio Paramount Pictures beendete nach 14 Jahren die Zusammenarbeit mit Cruise. Der Chef des Mutterhauses Viacom, Sumner Redstone, verkündete die Entscheidung im September 2006 im "Wall Street Journal" sehr direkt: "So sehr wir ihn persönlich schätzen, wir hielten es für falsch, den Vertrag zu verlängern", sagte Redstone. "Sein Verhalten in letzter Zeit war für Paramount nicht hinnehmbar." Hintergrund der Entscheidung sei, so wurde berichtet, Cruise' aggressive Werbung für Scientology, seine Kritik an der Behandlung von Depressionen mit Medikamenten und seine peinlichen Liebesbeweise für Katie Holmes u.a. bei einem Auftritt in der US-Talkshow von Oprah Winfrey.

Von seinem Einsatz für Scientology brachte ihn das nicht ab. Und seiner Karriere schadete es auch nicht. Zwei Monate nach der Meldung über die Trennung von Paramount wurde bekannt, dass Cruise zusammen mit seiner langjährigen Geschäftspartnerin Paula Wagner die Führung des zwischenzeitlich stillgelegten Filmstudios United Artists (UA) übernehmen. UA ist auch der Produktion von "Walküre", dem zweifelhaften Wagnis, für das Cruise heute Abend in Düsseldorf mit dem Bambi ausgezeichnet werden soll.
 


"Tom Cruise sucht die künstlerische Herausforderung und ist bereit, für seine Projekte auch Risiken einzugehen", heißt es in der Bekanntgabe seiner Auszeichnung und die Jury des Bambi befindet: "Tom Cruise, einer der großen Hollywoodstars unserer Zeit, setzt seine Leidenschaft und Entschlusskraft dafür ein, ehrgeizige und mutige Filmprojekte zu verwirklichen, die ohne ihn nicht zustande gekommen wären. Sein neuester Film 'Walküre' thematisiert das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg initiierte Attentat auf Adolf Hitler. Damit macht Tom Cruise ein internationales Publikum mit einer Geschichte bekannt, die nie zuvor Thema einer großen Hollywood-Produktion war: der deutsche Widerstand während des Dritten Reichs."

Gedankt wird also schon einmal eilig im Voraus, obwohl niemand sagen kann, ob der Film nicht noch am eigenen Anspruch scheitern wird. Anzeichen dafür gibt es - trotz vieler Pannen während dem Dreh - noch nicht. Der Punkt aber ist eben: Ins Kino kommen soll "Walküre" erst am 10. Juli des nächsten Jahres. Bis zuletzt wurde noch gedreht und die Nachbearbeitung des Films ist gerade erst in ihren Anfängen. Lässt man Cruises gefährliches Werben für einen Augenblick beiseite, scheint die Notlösung der Auszeichnung in der Kategorie Courage fast schon wie eine clevere Entscheidung der Jury. Ihn ohne Kenntnis des Werkes für seine schauspielerischen Leistungen auszuzeichnen, wäre im Zusammenhang mit "Walküre" noch kühner, wenn auch grundsätzlich weitaus weniger kritikwürdig gewesen.

Foto: Flickr/AveragemanDenn: Ein schlechter Schauspieler ist Tom Cruise sicher nicht. Er spielte große Rollen und war nicht unverdient bereits dreimal für einen Oscar nominiert und hat seinen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. Doch einen gefährlichen Verführer heute Abend ausgerechnet mit dem Bambi für Courage auszuzeichnen, bescheinigt der Jury und dem Veranstalter genau das Gegenteil: Die Gelegenheit mit Tom Cruise und Katie Holmes zusätzlichen Hollywood-Glamour nach Düsseldorf zu holen, war offenbar zu reizvoll um sie nicht zu nutzen. Und die Begründung der Auszeichnung, das generelle Lob für Leidenschaft, Entschlusskraft und Risikobereitschaft ist so inhaltsleer wie Cruise' schlechteste Werke. "Krieg der Welten" zum Beispiel. Dieser Film oder auch "Mission: Impossible 3" waren allenfalls Popcorn-Kino der kurzweiligen Sorte, für die es weder Leidenschaft noch Entschlusskraft bedarf. Das einzige Risiko bei diesen für Cruise weitaus eher charakteristischen Blockbustern lag allenfalls im Finanziellen. Doch das gehen auch - auf niedrigerem Niveau - jährlich tausende junge Nachwuchsfilmer in aller Welt ein, um sich den Traum vom ersten Film zu erfüllen.

Hinter diesen Projekten der unzähligen Namenlosen steckt mehr Leidenschaft, Entschlusskraft und Risikobereitschaft - und auch ein Gewinn für uns als Filmfans. Denn Einige dieser Nachwuchsfilmer sind vielleicht die Hollywoodregisseure und -stars von morgen. Auf den roten Teppich der Bambi-Verleihung passen die allerdings nicht. Wenn sich doch einmal einer hin verirrt, dann gehört dieser zu der Sorte von Gala-Gästen, die ohne Gebrüll der Fotografen fast unbemerkt über den Roten Teppich schreiten, der für manche eben die Welt bedeuten. So wird Tom Cruise sich heute Abend im Blitzlichtgewitter wiederfinden. Was für einen gefährlichen Verführer sie da fotografieren, interessiert die Fotografen nicht. Denn auch eins ist wahr: Storys über Cruise werden gelesen, seine Filme geschaut. Sie sind offenbar trotz aller Kritik von Interesse. Da müssen sich also letztlich Leser, Kinogänger und Journalisten kollektiv an die eigene Nase packen. Auch der Autor dieses Textes.

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