Fernseher © Photocase
Debatte über ARD-Doku

Die falsche Debatte über das "Lügenfernsehen"

 

Am Donnerstagabend zeigte Das Erste eine Reportage über das "Lügenfernsehen. Doch wer anhand von Scripted Reality am Nachmittag den Zustand des Informationsprogramms der Privatsender kritisieren will, vergleicht allenfalls Äpfel mit Birnen.

von Uwe Mantel
07.07.2011 - 16:52 Uhr

Im Mai zeigte das NDR Fernsehen im Rahmen seiner Reihe "Panorama - Die Reporter" schon einmal eine Reportage über das "Lügenfernsehen", am Donnerstagabend schaffte es die noch einmal aktualisierte Sendung nun sogar auf recht prominentem Sendeplatz um 21:45 Uhr ins Erste. Kritisiert wird darin die Tatsache, dass die im Fernsehen vermeintlich gezeigte Realität häufig gescriptet ist - sei es in inszenierten Dokusoaps oder im Rahmen der komplett von Laiendarstellern gespielten Scripted Reality-Formate.

Nun kann man es tatsächlich für eine wenig wünschenswerte, womöglich sogar schädliche Entwicklung halten, dass das, was am Nachmittag als Realität dargestellt wird, durch Autoren derart überzeichnet ist, dass man mit unspektakulären echten Geschichten gar nicht mehr dagegen ankommen kann. Dass das Publium dadurch vielleicht zunehmend abstumpft und nach immer skurrileren Geschichten schreit, weil es sich sonst langweilt. Man kann auch darüber streiten, ob nicht noch deutlicher gekennzeichnet werden sollte, wann Geschichten gescriptet sind und wann nicht. Doch aus all dem den Vorwurf zu konsturieren, die Privatsender würden ihrem gesellschaftlichen Auftrag oder ihrer Informationspflicht nicht nachkommen, erscheint dann doch reichlich an den Haaren herbei gezogen.

Doch der NDR zitiert bereits in der Vorabmeldung den medienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen mit den Worten: "Wir können es uns nicht leisten, nur durch ein Schlichtprogramm zu informieren." Der ehemalige Bundesminister Christian Schwarz-Schilling, in dessen Amtszeit das Privatfernsehen eingeführt wurde, darf sich "entsetzt" darüber zeigen, wie Information in Teilen des Privatfernsehens aussehe und fordert eine "klare Kennzeichnung von Fiktion im Informationsprogramm".

Die geschätzten Politiker tun hier gerade so, als wären die Scripted Reality-Formate die Informations-Aushängeschilder von RTL und Co. Doch mal ehrlich: Niemand behauptet, dass RTL oder ein anderer der Privatsender am Nachmittag ein Informationsprogramm bieten würde, auch RTL oder ProSiebenSat.1 selbst nicht. Beim NDR will man das nicht gelten lassen und zieht als "Kronzeugen" Prof. Hans-Jürgen Weiß heran, der mit seinem Göfak-Institut Programmanalysen für die Medienanstalten erstellt. Selbst er tue sich schwer, zu unterscheiden, was Information und was Unterhaltung sei. NDR-Sprecher Gartzke entgegnete dem Einwurf von RTL-Sprecher Christian Körner, der darauf verwiesen hatte, dass die Sendungen am Nachmittag klar als Unterhaltung ausgewiesen würden, wie sich auch in den Programmlisten der AGF nachlesen ließ: "Prof. Weiß betrachtet alle Sendungen durch die Brille des Zuschauers, der auch nicht anhand von AGF-Tabellen entscheiden kann, ob etwas Unterhaltung oder Information ist."

Richtig, das kann der normale Zuschauer nicht. Aber wer die in der Reportage aufgeführten und angeprangerten Formate wie "Entscheidung am Nachmittag", "Mitten im Leben" oder "Unterm Hammer" schon einmal gesehen hat, dem dürfte auch ohne AGF-Tabelle aufgefallen sein, dass er in einem Format gelandet ist, das unterhalten soll und nicht gerade der Information über die politische Weltlage dient. Genau in diese Ecke rückt man die Formate aber. Die "Panorama"-Reportage - zumindest die Version, die im NDR schon zu sehen war - beginnt beispielsweise damit, dass Michael Born interviewt wird, der einst Beiträge für Magazine und Nachrichtensendungen oder ganze Dokus gefälscht hat und dafür ins Gefängnis musste. "Wenn ich sehe, was heute so läuft, verstehe ich nicht, warum ich verurteilt wurde", sagt er in die Kamera. Wer keinen fundamentalen Unterschied zwischen gescriptetem Familienstreit am Nachmittag und gefälschten Beiträgen über den Ku-Klux-Klan oder Anschläge der PKK entdecken kann, dem ist wohl nicht zu helfen.

Dass man den Privaten nun anhand der gescripteten Dokus vorwirft, nur durch ein "Schlichtprogramm zu informieren" und ihre "Funktion in der Demokratie" nicht wahrzunehmen, ist abwegig. Denn gerade RTL, das als Hauptbeispiel herhalten muss, bietet Information an. Mit der Nachrichtensendung "RTL aktuell" informiert man mittlerweile mehr Zuschauer als "heute", liegt immer wieder gar auf Augenhöhe mit der "Tagesschau" im Ersten. RTL leistet sich zudem beispielsweise das "Nachtjournal" und die Mediengruppe RTL einen Nachrichtensender. Und am Nachmittag - also der Zeit, die im Mittelpunkt der Kritik steht - findet man auch bei ARD und ZDF vorwiegend Telenovelas, Kochshows und Zoodokus, die ebenfalls kaum dazu geeignet sind, eine wie auch immer geartete Aufgabe in einer Demokratie zu erfüllen.

Warum also diese aufgeregte Art, über die Scripted Reality zu berichten? Bei ProSiebenSat.1 bleibt man gelassen und sieht andere Gründe für die Kritik: "'Panorama' hätte auch gern ein paar junge Zuschauer. Das klappt aber nicht so gut. Deshalb unterziehen sie wieder einmal das Programm der Privaten einer 'kritischen Analyse', was öffentlich-rechtlicher Jargon ist für 'Wir drehen so lange, bis wir unsere Vorurteile mit starken Bildern illustrieren können'. Im Grunde ist das die Taktik von Leuten, die sich in einem Restaurant über das Essen beschweren, weil sie dort keinen Platz mehr bekommen haben", so ProSiebenSat.1-Sprecher Julian Geist.

Auch RTL-Kollege Christian Körner wundert sich ein wenig über die öffentlich-rechtliche Konkurrenz, wo sich jüngst etwa der designierte ZDF-Intendant Bellut pauschal über das Programm von RTL am Beispiel von "DSDS" aufgeregt habe, nachdem zwei Tage zuvor noch Dieter Bohlen und die DSDS-Sieger zu "Wetten, dass..?" eingeladen wurden. Körner: "Mit markigen Worten zum RTL-Programm hat sich auch ARD-Programmdirektor Volker Herres vor einiger Zeit hervorgetan, jetzt schickt er bei der ARD 'Das Lügenfernsehen' in die Wiederholungsschleife. Zumeist jahrealte Sendungen aus dem Nachmittagsprogramm müssen dafür herhalten, ein vermeintlich aktuelles Bild vom "Lügenfernsehen" der Privaten zu zeichnen. Zufall dabei ist sicher, dass  ausgerechnet der NDR sich intensiv mit dem Genre auch fürs eigene Programm beschäftigt hat, zumindest bis die Süddeutsche darüber schrieb. Richtig ist: Wir sind mit Shows erfolgreich, wir sind es am Nachmittag - und vor allem auch mit unseren Nachrichten. Insbesondere Letzteres muss ARD und ZDF nicht gefallen. Solange sie sich weiter öffentlich an uns abarbeiten, werden sie von eigenen Problemen vielleicht ablenken, sie aber kaum lösen. Nur zu."

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