Annica Hansen - Der Talk © Sat.1/Benedikt Müller
Eine Stunde Schwachsinn zur Mittagszeit

Talkshow-Test in Sat.1: Augen zu und lächeln

 

Talks nach Drehbuch sind nicht neu, doch das, was Sat.1 seit dieser Woche zur Mittagszeit zeigt, ist an Belanglosigkeit und Oberflächlichkeit kaum zu überbieten: Herzlich willkommen in der Welt von "Annica Hansen - Der Talk". Eine TV-Kritik...

von Alexander Krei
09.07.2012 - 18:40 Uhr

Man muss Annica Hansen Respekt zollen. Nicht etwa weil sie so sensationell moderierte - nein, Respekt hat sie schon alleine deshalb verdient, weil sie es geschafft hat, knapp eine Stunde lang den Schwachsinn, der sich vor ihren Augen abspielte, mit einem Lächeln zu überstehen. Doch worum geht es eigentlich? Viele Jahre nach dem Ende des Talkshow-Booms wagt sich Sat.1 in diesen Tagen zur Mittagszeit wieder an ein fast schon tot geglaubtes Genre, das zuletzt einzig noch von Britt Hagedorn aufrecht erhalten wurde.

Doch "Annica Hansen - Der Talk" unterscheidet sich in einem Punkt deutlich von dem, was man seit Jahren Tag für Tag bei "Britt" zu sehen bekommt: Die Gäste sind allesamt Schauspieler. Wer das nicht schon den Protoganisten anmerkt, erkennt das spätestens an den kruden Geschichten, die dem Publikum dargeboten werden. Das erste Thema: "Marmor, Stein und Eisen bricht - Du zerstörst unsere Liebe nicht". Der erste Gast: Eine besorgte Mutter, die sich einfach nicht damit abfinden möchte, dass ihr Sohn eine Beziehung mit einer Rockerbraut führt.

Während Mama Sabine bedeutungsschwanger erzählt, warum sie etwas gegen die Liebe zwischen ihrem Söhnchen Ferdinand und der ausgeflippten Mary hat, sieht man die Schwiegertochter in spe bereits im Hintergrund eingeblendet - stilecht bekleidet mit einer Lederjacke. Und wie es sich für eine waschechte Rockerin gehört, fährt sie wenig später standesgemäß mit dem Motorrad ins Studio, was die Ferdinands Mutter natürlich noch weiter auf die Palme bringt. Wie kann sie nur? Lederjacke und Motorrad - das ist doch kein Umgang für den Sohnemann. Und so wird also munter über Oberflächlichkeiten gestritten - so laut, dass Moderatorin Annica Hansen mehrfach damit droht, die Mutter aus dem Studio zu werfen.

Gut, dass sie es nicht gemacht hat, sonst hätte das schrecklich banale Drehbuch ja keinen Sinn mehr ergeben. Weil Mary plötzlich die Motorradkluft gegen ein blaues Kleid tauscht, ist die Welt für Mama mit einem Schlag in wieder in Ordnung. Charakter? Egal. Hauptsache die Lederjacke ist weg. Dass sich das Problem so einfach lösen ließ, verdutzte dann sogar für einen kurzen Moment die Moderatorin, die sich aber schon um neue Problemfälle kümmern musste. Bäuerin Leoni hat für ihre Helga schon drei stramme Kerle ausgesucht, von denen sich die 20-Jährige einen aussuchen soll. Wenig später will eine 9-Jährige ihren Papa unter die Haube bringen. Dem Irrsinn sind eben keine Grenzen gesetzt.

Es ist nur schwer auszuhalten, was Sat.1 seit Montag zur Mittagszeit testet - zunächst zwei Wochen lang mit Annica Hansen, danach dann mit dem früheren "Fernsehgarten"-Moderator Ernst-Marcus Thomas. Schlimmer als das, was mitunter am Nachmittag in diversen Scripted-Reality-Formaten zu sehen ist, ist der Fake-Talk in Sat.1 natürlich nicht. Das alleine macht den Testlauf, der ganz bewusst provozieren und laut sein soll, aber natürlich keineswegs zu einem sehenswerten Format. Im Gegenteil: Wer den lächerlichen Geschichten mehr als nur eine viertel Stunde folgt, dürfte sie als Beleidigung der eigenen Intelligenz betrachten.

Doch offensichtlich gibt es ein ausreichend großes Publikum für solche Formate, die sich jene Programm-Macher, die sie in Auftrag geben, vermutlich niemals selbst freiwillig ansehen würden. Schade eigentlich. Sie sollten es mal tun. Oder aber man hält es mit Annica Hansen: Augen zu und lächeln. Geht schon irgendwann vorbei.

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