Bei Anruf Liebe © RTL / Marco Bräunig
DWDL.de-TV-Kritik

"Bei Anruf Liebe": Der erste Arsch nach fünf Minuten

 

Mit der neuen Nachmittags-Show "Bei Anruf Liebe" will RTL die Zahl der Singles im Land verringern. Schwer vorstellbar, dass das auf diese Weise funktionieren wird. Die Höhepunkte der Premiere: Ein nackter Hintern und zwei "Bachelor"-Blondinen.

von Alexander Krei
25.08.2014 - 16:23 Uhr

Mehr als 18 Millionen Menschen wohnen in New York City und dem Umland - genügend Stoff also für viele tolle Lebensgeschichten. Sollte man meinen. Bei RTL hielt es man es aber dennoch für die bessere Idee, eine Hand voll mittelmäßig begabter Schauspieler aus Deutschland in die Stadt einzufliegen, um sie eine von deutschen Autoren erdachte Quatsch-Geschichte nachspielen zu lassen. "My Life in New York" nennt sich das Format, das als Teil des neuen Nachmittagsprogramms von RTL seit dieser Woche zu sehen ist. Ganz ohne Scripted Reality will man also auch weiterhin nicht auskommen, doch zumindest bei der neuen Kuppelshow "Bei Anruf Liebe", die im Vorfeld der kruden USA-Geschichten läuft, ist angeblich alles echt.

Das alleine macht jedoch noch lange keine gute Show. Als Zuschauer wünscht man sich in diesem Fall beinahe, dass bei so manchem der vorgestellten Singles doch ein Drehbuch-Autor nachgeholfen hat. Zu groß ist der Fremdschäm-Faktor schon nach wenigen Minuten. Da wäre etwa Sven, der gleich zu Beginn der Show preisgibt, meistens nackt zu sein und auf Mäuse zu stehen. "Er präsentiert sich gern, wie Gott ihn schuf", lernt das Publikum daraufhin vom Sprecher eines Einspielfilms - und als würde das noch nicht an Information genügen, öffnet Sven dem Kamerateam splitterfasernackt die Tür und hält seinen voluminösen Hintern bildausfüllend in die Kamera. "Mir ist irgendwie nichts peinlich", sagt er dann und wer ihm jetzt noch nicht glaubt, dem ist vermutlich ohnehin nicht mehr zu helfen.

Überspitzt ließe sich also sagen, dass RTL seinem Publikum schon nach fünf Minuten zeigt, wo der Hammer hängt. Spannend ist der Nachmittags-Neustart letztlich eigentlich nur aus einem Grund: Fünf Mal pro Woche soll die Datingshow fortan live auf Sendung gehen und damit ein Gegengewicht bilden zu all jenen Billig-Formaten am Nachmittag, die in den vergangenen Jahren völlig ohne Studio auskamen. In Einspielern wie jenem von FKK-Fan Sven oder kurzen Talk-Elementen sollen Singles in der Hoffnung vorgestellt werden, dass sich vor dem Fernseher irgendein Zuschauer erbarmt, zum Hörer zu greifen und sich nur einen Tag später auf ein Blind Date einzulassen. Bei Sven klappte das schon mal nicht: Anstelle der erhofften Herzdame meldete sich ein Mann zu Wort, um dem Single zu seiner Offenheit zu gratulieren.

Bei Anruf Liebe? Erst mal Fehlanzeige. Oder in diesem speziellen Fall: Für den Arsch. Kurios auch, dass sich eine "Bachelor"-Kandidatin danach allen Ernstes darüber beklagt, manche Männer würden sich nur deshalb bei ihr melden, weil sie ins Fernsehen kommen zu wollen - um dann zusammen mit einer weiteren "Bachelor"-Kollegin erneut in einer Fernsehshow nach der vermeintlich großen Liebe zu suchen. Und dann wäre da auch noch der ziemlich von sich selbst überzeugte Tom, der nach einer Frau zum Heiraten sucht und wenige Sekunden lang vorführen darf, wie sehr sein Tanzstil angeblich doch jenem vom Michael Jackson gleicht. Einer Frau gefiel das einige Tage zuvor beim Vorstellungsfilmchen in "Punkt 12" so gut, dass sie gleich ins Studio kommen wollte, um neben einer Art "Herzblatt"-Wand sitzend über ihre Arbeit als stellvertretende Studioleiterin eines Fitnessstudios zu berichten.

Das wiederum ist ganz nach Toms Geschmack, der zuvor schon aussagen durfte, mit seiner potenziellen Frau fürs Leben gerne regelmäßig trainieren gehen zu wollen. Als die junge Dame schließlich auch noch beiläufig erwähnt, gerade High-Heels zu tragen, entfährt es ihm regelrecht: "Hauptsache, du hast die dann auch im Bett an!" Weitere Informationen über das Gegenüber braucht es allem Anschein nach nicht mehr, weshalb sich wenige Sekunden später die "Herzblatt"-Wand hebt und sich beide auf ein Date einlassen, dessen Ausgang der geneigte Zuschauer angeblich am nächsten Tag in der Show erfahren soll. So oder so ähnlich geht das eine Stunde lang. Im türkischen Fernsehen funktioniert das Format schon seit Jahren erfolgreich; angeblich sollen auf diese Weise über 300 Ehen entstanden sein. Schwer zu glauben, dass hierzulande eine ähnliche Erfolgsgeschichte bevorsteht.

Zu RTL will das Format jedenfalls bislang noch nicht so recht passen - auch, weil es für einen Sender, der seine Zielgruppe gerade erst erklärtermaßen bis 59 ausgedehnt hat, viel zu aufgedreht daherkommt. Da hilft es auch nicht, dass Hannelore, genannt Hanni, im Alter von 50+ erst ein paar Standard-Fragen aus dem Stichwort-Katalog von Angela Finger-Erben beantworten muss und schließlich einem 22-jährigen Anrufer eine Absage erteilt. Sie steht zwar eigenen Aussagen zufolge auf junge Kerle, ist vom Alter des Interessenten dann aber doch überrascht: "Man kann's auch übertreiben", lacht sie, während sie in einem goldfarbenen Irgendwas neben der Moderatorin im von Herzchen überladenen Kölner Studio steht - umgeben von 19 weiteren Singles, die ebenfalls auf Anrufe hoffen. Viel Raum für charmante Momente bleibt da nicht.

Und so sehnt man sich vor dem Fernseher der ersten Werbepause entgegen, die dann auch nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde tatsächlich kommt. Offensichtlich wollte RTL zum Start also alles daran setzen, die Zuschauer der neuen Show so lange wie möglich am Abschalten zu hindern. Wer nach der Pause zurückkehrte, wurde dann noch Zeuge eines weiteren Blind Dates und der Ankündigung einer ganz lustigen Bewerbung des "schrillen Vogels" Wesley. Die bekam man allerdings nicht mehr zu sehen, weil ja bekanntlich die frei erfundenen Geschichten aus New York auf ihre Ausstrahlung warteten. Bei so viel Nachmittags-Quatsch weiß man gar nicht, worauf man eher verzichten möchte.

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