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Der Versuch eines Kommentars

Der verhältnismäßige Journalismus, ein Opfer

 

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Das ist es auch, was in den sozialen Medien die meisten Kritik erzeugte. Weil diese Taktlosigkeit keine Frage eines Lehrbuchs ist, Herr Diekmann. Der „Bild“-Chefredakteur konterte Kritik an der Veröffentlichung unverpixelter Bilder mit dem Hinweis auf andere internationale Medien, die es nicht anders machen würden. Dabei hoffen wir einmal, dass auch ein Kai Diekmann eine Erziehung genießen durfte, die lehrt, dass Dinge nicht allein deshalb richtig sind, weil auch andere sie tun. Aber vielleicht muss man so argumentieren, wenn man den eigenen inhaltlichen Kompass bei „Bild“ schon am Empfang abgeben muss. Leider endet die Trauer um den verhältnismäßigen Journalismus noch lange nicht bei "Bild". So schlimm die Spekulationen und unverpixelten Trauernden sind, so nahm der Wahnsinn weiter seinen Lauf.

Am Nachmittag überschlugen sich Fernsehsender mit Ankündigungen von Sondersendungen. Wenn dabei Privatsender, die sonst den Informationsanteil auf das notwendige Minimum reduzieren, diese Gelegenheit nutzen wollen, um sich zu profilieren, dann ist auch das irgendetwas zwischen erbärmlich und einfach traurig. Gelegenheitsjournalismus kann man das nennen. Inzwischen wurde bekannt: Eine Schulklasse aus Haltern ist unter den Opfern des Germanwings-Flug 4U9525. Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Kamera-Teams und Journalisten vom Düsseldorfer Flughafen nach Haltern im Norden des Ruhrgebiets aufmachten. Nichts emotionalisiert und personalisiert schließlich noch perfider als eine ganze Schulklasse, die verunglückt ist. Via Twitter werden kurzerhand Freunde der verunglückten Schüler angesprochen.

Man muss da doch einmal innehalten und fragen, was man sich bloß davon erhofft. Die Absturzursache wird sich kaum im trauernden Freundeskreis der Schüler aus Haltern finden lassen. Aber darum geht es ja leider längst nicht mehr. Die Verhältnismäßigkeit ist weg. Die Faktenlage ist mau, also braucht es Geschichten, weil die Einen die Aufmerksamkeit derer nicht verlieren, die einmal eingeschaltet haben. Sie müssen eine hungrige Sendestunde nach der anderen mit 60 Minuten füllen ohne zu wissen womit. Die Anderen wiederum räumen eine Sondersendung nach der anderen ins reguläre Programm - und wissen diese doch ebenso nicht zu füllen.

Am Nachmittag ist es noch beinahe kurios, dass DasErste eine Sondersendung genau für die Uhrzeit ansetzt, zu der sich Germanwings in einer Pressekonferenz erstmals erklären will - um diese dann als einziger Sender, der sich gerade mit dem Thema befasst, nicht live zu zeigen und stattdessen mit Schalten zu Korrespondenten und Experten informiert. Dafür wäre später noch reichlich Zeit gewesen. Am Abend geben die Öffentlich-Rechtlichen dem verhältnismäßigen Journalismus dann den Rest: Die nachmittags angekündigten Sondersendungen und verlängerte Nachrichten waren zu große Gefäße für zu wenig Inhalt. Sie waren - auch, aber längst nicht nur durch die Verwendung von Bildern der trauernden Angehörigen - kaum von dem zu unterscheiden, was private Sender und Online-Medien den Tag über schon anboten.

Am Ende dieses Tages bleibt also nur die Ohnmacht und Trauer. Der verhältnismäßige Journalismus ist von uns gegangen, weil sich Medien jeder Art an der Emotionalisierung berauscht haben und in einer formatierten Medienwelt nicht mehr die tatsächliche Nachrichtenlage vorgibt, wie viel es zu berichten gibt. Der Inhalt hat der Form zu folgen.

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