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Ein merkwürdiges Show-Konzept

"Deutschland sucht den Superstar": Der Bus ist abgefahren

 

Am Samstagabend lief die erste "Event-Show" der aktuellen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". Ans Ende der voraufgezeichneten Sendung setzte RTL für die Zuschauerentscheidung eine halbe Stunde Live-Show aus Köln-Ossendorf. Aber was für eine.

von Thomas Lückerath
26.04.2015 - 00:58 Uhr

Es ist spätabends. Oliver Geissen steht vor einem Reisebus auf einem Parkplatz eines Gewerbegebiets am Rande von Köln. Hinter ihm steht groß geschrieben „Die größte Show ever“. Herzlich willkommen bei „Deutschland sucht den Superstar“ 2015. Die „Live-Entscheidung“ steht an. In diesem Jahr spart sich RTL bei seiner einstigen Castingshow die lästigen Live-Shows und produziert an wechselnden Locations vor. Weil dennoch das RTL-Publikum über das Schicksal der besten zehn Kandidaten entscheiden soll, braucht es nach der Ausstrahlung einer zusammengeschnittenen Fassung der schon vor zwei Wochen in Ischgl aufgezeichneten „Event-Show“ eine „Live-Entscheidung“.

Sie kommt vom Parkplatz des Coloneum vor den Toren Kölns - jenem Studio-Komplex in dem mehr als zehn Jahre lang bei jeder Live-Show von „Deutschland sucht den Superstar“ hunderte Fans ihren Favoriten im Studio die Daumen drückten und am Abend zuvor auch noch „Let’s dance“ live gesendet hat. Für „DSDS“ reicht inzwischen der Parkplatz davor. Da steht also Oliver Geissen an diesem Abend in Mitten von Fans. Es sind nur weniger als früher. Deutlich weniger. Sehr viel weniger. So manche Kamera-Perspektive lässt erahnen, dass man das ein bisschen kaschieren wollte.

Sie beobachten ein kurioses Schauspiel: Oliver Geissen begrüßt die TV-Zuschauer zur „Live-Entscheidung“. Diese hatten bis eben noch die Aufzeichnung der „Event-Show“ aus Ischgl gesehen, bei der sich Geissen mit dem Aufruf zum Anrufen und einer Anmoderation des Schnelldurchlaufs verabschiedet hatte. War es in Ischgl gerade noch taghell, so steht er plötzlich im dunklen Kölner Westen. „Hinter mir steht der Tour-Bus“, sagt er. Der käme "direkt aus Ischgl.“ Was für ein Quatsch. Zwei Wochen liegen zwischen dem, was das Publikum zuvor als Aufzeichnung sah und der halben Stunde live aus Köln. Auch unter Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann hält RTL sein Publikum offenbar zu allererst für eins: Dumm.

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Im Vorfeld dieser „DSDS“-Staffel fragte sich so mancher in der Branche wie Produzent UFA Show & Factual und RTL wohl die Zuschauer-Entscheidung am Ende einer längst aufgezeichneten Show einbinden würden. „Sie werden ja hoffentlich nicht so tun als ob…“, hieß es dabei mehr als einmal. Jetzt wissen wir: Doch, sie tun so als ob. RTL und UFA Show & Factual sprengen die Dimensionen von Zeit, Raum und Logik. Unter dieser Prämisse kann man dann natürlich auch die 10 Kandidaten in exakt den Outfits aus dem Bus steigen lassen, die sie vor zwei Wochen bei der Aufzeichnung der Show in Ischgl getragen haben. Ganz nach dem Motto der Bus kommt ja "direkt aus Ischgl“.

Nur die Jury ist „direkt aus Ischgl“ irgendwie verloren gegangen. Bei dem halbstündigen Quatsch auf dem Parkplatz in Köln-Ossendorf fehlen Dieter Bohlen, Mandy Capristo, DJ Antoine und Heino. Nach belanglosen Talk, Schnelldurchlauf und Werbung steht das Voting der RTL-Zuschauer fest und acht der zehn Kandidaten steigen wieder in den Bus. Sie sind weiter und dürfen zur nächsten Event-Show fahren. Während Oliver Geissen noch den Gewinner des Telefon-Gewinnspiels verliest, fährt hinter ihm die Kulisse weg. Der Bus gibt den Blick auf vier beleuchtete Buchstaben frei, die vor der Dunkelheit des Parkplatzes stehen. Die kleine Menschenmenge löst sich auf. Die Plakate werden eingesammelt. Für „Deutschland sucht den Superstar“ ist der Bus abgefahren.

Jahrelang rühmte man sich bei RTL der erfolgreichen Formatpflege bei „Deutschland sucht den Superstar“. In der Tat war die Castingshow über mehrere Staffeln und damit Jahre hinweg eine sichere Bank für den Kölner Sender. Doch das ist lange her. Längst hechelt man von Jahr zu Jahr mit neuem Konzept den sinkenden Einschaltquoten hinterher. Von einer Castingshow hat sich „Deutschland sucht den Superstar“ dabei längst entfernt. Mit der Siegprämie von 500.000 Euro hat man sich freigekauft von der Erwartungshaltung, dass diese Freakshow ein musikalisches Talent findet. Freaks werden übrigens längst gezielt angesprochen in den Casting-Aufrufen. Talent ist optional.

Weil die Live-Shows im vergangenen Jahr von RTL als Schwachpunkt von „Deutschland sucht den Superstar“ ausgemacht wurden, hat man sie in dieser Staffel gestrichen. Ersetzt werden sie durch „Event-Shows“ in wechselnden Locations, die mit besonderer Atmosphäre punkten sollen. Doch durch Kürzung, Schnitt und Nachbearbeitung kam bei der Ausstrahlung zu keinem Zeitpunkt das Gefühl einer Show auf. Das muss man erstmal schaffen: Eine große Bühne und ihre Konzertatmosphäre im Keim zu ersticken. Stattdessen also Dokutainment: Ein bisschen Dschungelprüfung hier und etwas Pseudo-Drama unter den Kandidaten dort - wichtiger als die Musik waren die überinszenierten Geschichten.

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Das ist natürlich keine neue Entwicklung bei „Deutschland sucht den Superstar“, aber bislang wandelte sich die Castingshow noch in jeder Staffel um 180 Grad, wenn es vom Dokutainment in die finale Phase der Live-Shows ging. Weil genau diesen Wandel in den vergangenen Jahren aber zu wenige Zuschauer mitgemacht haben, bleibt man in diesem Jahr einfach beim Dokutainment. Man kann das konsequent nennen. Kurios ist nur, dass „DSDS“-Produzentin Ute Biernat, Geschäftsführerin der RTL-Tochter UFA Show & Factual, einige Jahre lang Vorsitzende der FRAPA (Format Recognition and Protection Association) war.

Mit dem eigentlichen Format hat „Deutschland sucht den Superstar“ im Jahr 2015 nichts mehr zu tun. Von Formatpflege kann keine Rede sein. Hier wird eine internationale Formatidee regelrecht missbraucht. Von einer ernsthaften Castingshow ist „DSDS“ weit entfernt. Von guter Unterhaltung ebenso. Die letzte halbe Stunde war unfreiwilligerweise das lustigste. „Die größte Show ever“. Auf  einem Parkplatz! Mit Oliver Geissen!

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