Ex-TV-Sender ©
Erinnerungen an ehemalige TV-Kanäle

Unsere Top 10: Willkommen im Club der toten Sender

 

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Platz 5
EinsMuXx (1997-2005)
Ja, ja, die Digitalisierung. Macht auch vor dem guten alten linearen Fernsehen nicht halt. Während die großen privaten Sendergruppen sich irgendwann herausgefordert fühlten, ihre Archivware auf immer mehr kleinen Ablegern zu verwerten und so Angreifer von außen durch Selbstkannibalisierung abzuwehren, taten die Öffentlich-Rechtlichen - genau das Gleiche. Im Fall der ARD erblickten auf der IFA 1997 EinsExtra, EinsFestival und EinsMuXx das Licht der TV-Welt.

Während die ersten beiden nach mehr oder weniger logischen Konzepten verschiedenste Sendungen aus dem Reich der ARD-Anstalten neu bündelten, zeigte der Sender mit dem coolen Doppel-X unter dem Motto "Mehr vom Ersten" das Programm des Ersten zeitversetzt. Jüngeren Lesern sei erklärt, dass das damals als Ersatzdienstleistung für noch nicht verbreitete Mediatheken verstanden wurde. Übrigens bildete die ARD im Jahr 2000 zwei Arbeitsgruppen, die Konzepte für die Umwandlung von EinsMuXx in einen Jugend- oder Musikkanal entwarfen. Schon fünf Jahre später wurde es zum Service- und Ratgebersender EinsPlus. Und der muss bekanntlich 2016 dem neuen öffentlich-rechtlichen Jugendangebot weichen. Aber welche noch existierenden Sender wir nicht vermissen würden, ist ein anderes Thema...



Platz 4
Gems TV (2012-2012)
Gems TV© Gems TV
Dass internationale Teleshopping-Anbieter mit Dollarzeichen in den Augen auf den deutschen Markt drängen, um in der Folge ihre ehrgeizigen Umsatzziele doch nicht zu erreichen, ist für uns nichts Ungewöhnliches mehr. Aber den Vogel in Sachen Lebensdauer schießt Gems TV ab. Der Bestellsender mit den Edelsteinen im Namen war 2012 ganze elf Wochen on air. Die britischen Betreiber prüften ihre Zahlen und kamen zu dem Ergebnis, dass die Deutschen offenbar keine Schmuckliebhaber sind - oder ihn zumindest lieber selbst beim Juwelier aussuchen.

"Kauf gegen Gebot" hieß das Prinzip der absteigenden Auktion von Ketten und Ringen. Anders als bei den meisten großen Shoppingsendern konnten sie ausschließlich im Moment der Live-Präsentation gekauft werden. Damit holte sich das in Großbritannien seit über zehn Jahren erfolgreiche Gems TV bereits zum zweiten Mal eine blutige Nase in Deutschland. Der erste Versuch, gestartet 2006, hatte immerhin zwei Jahre gehalten, ehe der Sender verkauft wurde und in Juwelo TV aufging. Ganz ehrlich, liebe Briten: Da würden wir unseren Schmuck noch eher beim netten Händler am Mittelmeerstrand kaufen.

Platz 3
Help TV (2006-2008)
Kein Geringerer als NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers weihte die Zukunft des interaktiven Live-Fernsehens ein - genau in jenem Dortmunder TV-Studio, in dem sich Jahre zuvor schon Onxy TV vergeblich bemüht hatte (siehe Platz 9). Auf die kostenpflichtigen Zuschaueranrufe warteten diesmal keine Moderationsschreihälse mit obskuren Gewinnspielen, sondern Ärzte, Psychologen, Anwälte - und Jürgen Fliege. Sie versprachen Beratung in allen Lebenslagen, die Themenbereiche wechselten im Stundenrhythmus.

Die Qualität der offerierten Lebenshilfe war mitunter nicht so weit vom Niveau eines Astro TV entfernt. Hilfsbedürftig war vor allem Help TV selbst: Es kamen nie genug Anrufe rein, um den teuren Astra-Transponder zu refinanzieren. Während Ex-TV-Pfarrer Fliege schon von der Umbenennung in "Fliege TV" schwadronierte, wurde der Sendebetrieb Anfang 2008 eingestellt und nur seine Sendung "Flieges Welt" als Webstream fortgeführt. Zwei Monate später war auch damit Schluss. Dass es in der Folge zu erhöhter Verzweiflung des Publikums kam, ist uns nicht bekannt.

Platz 2
BTV4U (2003-2004)
Wir geben es zu: Auch wir haben über den durchgeknallten Senderchef Thomas H. gelacht, haben die unzähligen YouTube-Filmchen verschlungen, in denen er wahlweise sich selbst, seine Mitarbeiter, Gäste oder Zuschauer unmöglich machte ("Ich will Krieger, mit denen ich Millionen verdiene!"). Angesichts reihenweiser Vorwürfe von Einschüchterung, Gehirnwäsche und sektenähnlichen Zuständen war es für die Betroffenen sicher nicht halb so witzig. Der als Porno-Unternehmer zum Millionär gewordene H. übernahm 2003 den insolventen baden-württembergischen Regionalsender B.TV und baute ihn zum halbseidenen Call-in- und Esoterik-Kanal um.

Nach knapp zwei Jahren war der Spuk vorbei. BTV4U endete spektakulärer als jeder andere Ex-Sender auf unserer Liste - mit einer gerichtlichen Zwangseinstellung wegen mehrer Verstöße gegen das Medienrecht. Laut Verwaltungsgericht Stuttgart hatte H. den Sender für persönliche Zwecke missbraucht. Zuvor hatte es bereits Ermittlungen wegen Betrugsverdachts in 1,5 Millionen Fällen durch falsche Angaben zu den Gewinnchancen gegeben. Auf seiner eigenen Online-Videoseite treibt H., der sich inzwischen "Prinz Thomas" nennt, weiter sein Unwesen. Im TV dürfte er ein für alle Mal ausgewütet haben.

Platz 1
9Live (2001-2011)
9Live© 9Live
Als tm3 ging (siehe Platz 6), kam 9Live und wir lernten, dass eine Automarke mit O auch Baudouin sein kann oder ein weiblicher Vorname mit S auch Shjendije. Unser Blickwinkel wurde enorm erweitert - und das oftmals über mehrere Stunden hinweg mit einem einzigen zu erratenden Begriff, bis der "Hot Button" zuschlug. Möglicherweise hielt Sendergründerin Christiane zu Salm (heute Kofler) dies für das bessere pädagogische Konzept als die viel zu kurzen deutschen Schulstunden, die immer schon nach 45 Minuten enden. Möglicherweise ging es ihr und ihren 9Live-Nachfolgern bei ProSiebenSat.1 auch nur ums Geld von leichtgläubigen, minderbeschäftigten Anrufern.

Kurz vor der Komplettübernahme der 9Live-Mutter Euvia Media durch ProSiebenSat.1 im Juli 2005 vermeldete diese 102 Millionen Euro Umsatz und 28 Millionen Euro Betriebsgewinn. In einer Zeit der flächendeckend eingebrochenen Werbemärkte hatte sich Transaktions-TV als robustes Geschäftsmodell erwiesen. Zur Belohnung durfte 9Live das gesamte Mehrwertdienste-Geschäft der Unterföhringer Sendergruppe steuern. Andererseits rissen die Betrugs- und Verschleierungsvorwürfe nie ab, der Sender bekam ein Bußgeld von der Medienaufsicht aufgebrummt.

Das Problem regelte sich irgendwann von allein, weil immer weniger Anrufer bei den unsäglichen Telefonspielchen mitmachen wollten und die Umsätze ins Bodenlose stürzten. Zur Stelle war mit Thomas Ebeling ein Vorstandschef, der nicht nur auf die Zahlen schaute, sondern auch seine Abneigung gegenüber dem Schmuddelkind der Sendergruppe öffentlich äußerte. Vor vier Jahren, am 31. Mai 2011, musste sich die 9Live-Crew in ihrer allerletzten Live-Sendung verabschieden. Das Beste an 9Live finden wir bis heute seine Hinterlassenschaft: Das Schmuddelkind machte die Frequenzen frei für den schönen Schwan Sixx, der mit klarem Profil einen dynamischen Wachstumskurs startete.

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