Das ProSieben Auswärtsspiel © ProSieben/André Kowalski
DWDL.de-TV-Kritik zur ProSieben-Show

"Auswärtsspiel": Das hat der Papa gut gemacht

 

Am Samstag hat ProSieben ein 4650-Einwohner-Örtchen gekapert und dort nicht nur das Wohnzimmer eines Zuschauers zum TV-Studio umfunktioniert, sondern gleich die ganze Nachbarschaft. Die gute Laune war ansteckend. Außer vielleicht auf Twitter.

von Peer Schader
25.09.2016 - 02:33 Uhr

Damit die vielen Mitarbeiter auch mal rauskommen aus den muffigen Fernsehstudios, den unpersönlichen Mehrzweckarenen und den klammen Hallenbädern, in denen sie sonst arbeiten müssen, hat ProSieben an diesem Wochenende einen Betriebsausflug ins Rheinhessische unternommen und den kurzerhand im Fernsehen übertragen. Einen Ausflug nach Wöllstein im Kreis Alzey-Worms bei Mainz, wo die Stadtreinigung hoffentlich für die kommenden beiden Wochen Urlaubssperre bekommen hat, um den Normalzustand wieder herzustellen, nachdem das Fernsehen mit ordentlich Dampf durch das Örtchen mit 4560 Einwohnern gewütet ist. Um einem von ihnen mit 100.000 Euro dafür zu belohnen, dass er aus sieben Metern Entfernung einen goldenen Luftballon per Dartpfeil zum Platzen brachte.

Also in diesem Sinne für ProSieben-Samstagabend-Verhältnisse eigentlich nichts Ungewöhnliches.

Fürs erste "ProSieben Auswärtsspiel" kaperte der Sender ab 20.14 Uhr nicht nur einen kompletten Straßenzug, sondern auch das bescheidene Vierfamilienhaus des Überraschungskandidaten Markus, in dessen Wohnzimmer der Spaß seinen Lauf nahm. Und auf der Veranda, im Garten, auf dem nahegelegenen Sportplatz – mit unzähligen Kameras, Kränen und Scheinwerferkegeln, einer wahren Technik-Materialschlacht.

Aus über 5000 Bewerbern hatte der Sender zehn in die engere Auswahl für die Wohnzimmershow genommen und dann einen live auf Sendung "überrascht" (siehe auch DWDL.de-Interview mit Entertainment-Chef Hannes Hiller) – sofern man das noch Überraschung nennen kann, wenn tagsüber eine kleine Truck-Karawane in der Provinz einfährt, wo sonst nichtmal gehustet werden kann, ohne dass der Nachbar sich dazu Notizen im Mittagsruhestörungsprotokoll macht.

Glücklicherweise hatte das Moderatoren-Duo aus Palina Rojinski und Elton, die ganz hervorragend harmonierten, nicht nur 300 fleißige Mitarbeiter im Schlepptau, die Flutlicht anschmissen, Spiele aufbauten und Pyrotechnik installierten. Sondern auch richtig Bock, einen Abend zu feiern, der fürs Live-Fernsehen wie gemacht war. Und an dem permanent Leute durchs Bild liefen, die sonst eigentlich hinter den Kulissen verschwinden, von denen es diesmal keine gab. Selbst wenn wegen des Gewusels die Spiele manchmal eher zur Nebensache gerieten.

Gleich neun Mal musste Markus gegen die Gast-Promis Lilly Becker, Guido Cantz und Thore Schölermann antreten, während die Gattin vorsorglich die übriggebliebenen Spaghetti Bolognese vom Mittag aufwärmte. Minifeuerwerke beim Rückwärtsautofahren entzünden, Bälle auf Löffeln in drehenden Säulen balancieren und in ein Netz klettern, das von einem Kran in 20 Meter Höhe gezogen wurde. Trotzdem konnten die sich abwechselnden Herausforderer gerade einmal zwei Siege für sich verbuchen, um die dabei erspielten Sachgewinne – ein Quatschgrill und ein Auto – an Zuschauer weiterzureichen, die live in der Sendung anriefen.

Mit den Restgeschenken kann die Gastgeberfamilie locker Doppelweihnachten feiern. Und hätte deswegen fast die sozialen Medien zum Implodieren gebracht, wo aufgebrachte Bessertwitterer sich nicht einig wurden, worüber es sich mehr zu schäumen lohnt: dass da ein Kandidat abräumt, dem es sonst auch schon nicht an viel zu fehlen scheint; oder dass die Ortswahl gar keine so große Überraschung gewesen sein kann wie behauptet. Weil da überall schon Trucks standen! Und neugierige Nachbarn! Und Trucks!

Ach ja, herrjeh! Ohne die vielen Wöllsteinis, die artig Straße und Nachbarschaftsauffahrten säumten, wär's halt auch nur halb so lustig gewesen. Und wer hätte sonst fröhlich glucksend aus der rechten oberen Bildschirmecke winken sollen, in der ProSieben während der Werbepausen weiter das Live-Bild aus Rheinland-Pfalz übertrug?

Als spielerische Revolution wird der Betriebsausflug eher nicht in die TV-Geschichte eingehen, dafür war's zu sehr "Schlag den Star on Tour" mit Spielen, die auch in den übrigen ProSieben-Samstagssendungen hätten Platz finden können. Aber die Liebe zum Detail war großartig (der gewonnene Motorroller stand prompt im Vorgarten) und die Entspanntheit, mit der weite Teile der vierstündigen Live-Sendung bestritten wurden, war ziemlich ansteckend. (Außer halt auf Twitter.)

Das ProSieben Auswärtsspiel
© ProSieben/André Kowalski

Als Guido Cantz das Spiel "Fackelauto" für sich (und die Zuschauer zuhause) entschied, stand er wenige Sekunden darauf mit seinen jubelnden Teamkollegen auf dem Fahrzeug und brüllte so begeistert in die rheinhessische Nacht, als hätte ihm gerade jemand eingeflüstert, dass ab morgen jeden Tag Karneval ist. Überall-Kommentator Frank Buschmann, der von Elton in den als Ersatzkabine dienenden Schuppen verfrachtet worden war, lieferte sich eine kleine Lästerfehde mit Thore Schölermann. Und Lilly Becker war beim Promigesichter-Freispritzen ganz aus dem Häuschen, als sie trotz zweimaligen Kreativfehlratens ("Matthäus Schweinsteiger" statt Matthias Schweighöfer) doch noch als Siegerin dastand.

Dass Alleskönner Markus am Ende auch noch die 100.000 Euro einsackte, mag seiner Popularität im Netz nicht geholfen haben; aber ein würdiger Abschluss für die Show war's allemal. "Der Papa hat das gut gemacht", bestätigte Elton im Gespräch mit dem Kandidatennachwuchs und seufzte vor dem Abschlussfeuerwerk erschöpft in die Kamera: "Ich hoffe, wir dürfen das nochmal machen."

Aber gerne doch! Alleine schon, weil's lustig wird, wie sich die Zuständigen der wirklich penibel gut vorbereiteten Produktionsfirma EndemolShine Germany dann überlegen müssen, wie sich das von ihnen geschaffene TV-Ungeheuer nächstes Mal in einer Mini-Studentenbutze wiederholen lässt, um nicht vom Publikum geschlachtet zu werden. Bei der Gelegenheit könnten gleich auch ein paar Schwachstellen der Premiere ausgebügelt werden: Warum tritt denn bloß der Hausherr gegen die Promis an, und nicht auch eins der Kinder, die Gattin oder die Oma? Und so schön das ist, einen Sportplatz in der Nähe zu haben: Noch schöner wär's, wenn die Werbepausen dafür genutzt werden könnten, die Wege dorthin zurückzulegen.

Oder wie Palina Rojinski zwischendurch ihrer drohenden Unterzuckerung Ausdruck verlieh: "Mir ist kalt! Wir ham Hunger! Müssen wir da lang?" Ja, genau: da lang, und dann immer weiter bis zur nächsten verrückten Idee, von denen das Fernsehen noch viel mehr gebrauchen kann.

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