Die Ketzerbraut © SAT.1 / Dusan Martincek
TV-Kritik zu "Die Ketzerbraut"

"Die Ketzerbraut", oder: Berlin-Mitte-Mittelalter

 

Nach "Die Wanderhure" schlägt das Dreamteam des verfilmten Groschenromans Iny Lorentz und Hansjörg Thun wieder zu: "Die Ketzerbraut" macht heute in Sat.1 aus dem Spätmittelalter ein seifiges Melodram, das in mehrfacher Hinsicht misslingt. Eine Abschalt-Empfehlung.

von Jan Freitag
14.02.2017 - 08:40 Uhr

Das Dasein zur Zeit Martin Luthers muss furchtbar gewesen sein. Am Übergang zur Renaissance wurde das finstere Mittelalter zwar in etwas mehr Licht getaucht. Trotzdem blieb die Existenz fast aller von Unrecht, Ignoranz und Ablasshandel gekennzeichnet, von Elend, Folter, Angst, der Pest geprägt. Als die Reformation ans Wittenberger Kirchentor klopfte, war das Leben also freudlos und kurz – besonders für Frauen, die seinerzeit exakt drei Aufgaben hatten: Arbeiten, Kinderkriegen, Schnauzehalten. Ausnahmen gab‘s nicht. Es sei denn, hinter Klostermauern.

Obwohl, eine findet sich auch davor. Sie heißt Veva, was 500 Jahre später in Berlin-Mitte ein ähnlich lässiger Name wäre wie in München 1517. Als käme sie gerade aus dem Beautysalon, hüpft diese Veva mit laszivem Pressdekolletee durch den Dreck der Residenzstadt und verteilt hier ein Lächeln an Bekannte und dort ein Almosen an Bedürftige. Jeder kriegt ein Scheibchen ihres sonnigen Gemüts, bevor sie es pfundweise an den freigeistigen Maler Ernst verteilt. Noch so eine Figur, die sprachlich, optisch, habituell auch dann nicht auffiele, wenn sie 2017 durch Kreuzberg liefe.

So stellt sich Sat1 eine Kaufmannstochter nebst Verehrer im Spätmittelalter vor, wenn es daraus nach "Pilgerin" und "Wanderhure" die nächste Geschichtsschnulze macht. Wie ihre zwei Quotenqueens stammt schließlich auch "Die Ketzerbraut" von der Geschichtsschnulzenfabrikantin Iny Lorentz alias Klocke, deren Bücher dreizehnmillionenfach verkauft mit historischer Authentizität spielen wie ein Kind mit Bauklötzen: Alles aufeinanderstapeln, lautstark einreißen, jauchzend in die Hände klatschen – fertig ist das Entertainment für Leute, denen viel an Schauwert gelegen ist und wenig an Inhalt.

In diesem Fall sieht das so aus: Die kluge, schöne, selbstbewusste, belesene, emanzipierte, aufsässige, coole, also durch und durch ahistorische Titelheldin (Ruby O. Fee) sieht nicht nur super aus, sondern ist des Lesens mächtig, weshalb sie als wohl einzige Frau ohne Nonnenornat jener bildungsfernen Männer-Ära die renitenten Flugblätter von Martin Luther (Adrian Topol) versteht und zur Religionsrevoluzzerin wird. Das macht sie zum Feind mächtiger Gegner wie dem fiesen Pfarrer von Perlach (Paulus Manker), der Kardinal werden will anstelle des Kardinals. Mithilfe der wesensbösen Rittersfrau Walpurga (Elena Uhlig) lässt er den Glashandel von Vevas Vater zerstören und dessen Tochter schänden. Als "Ketzerbraut" verstoßen, schwört sie Rache, die im Finale (Achtung, Spoiler!) so glückt, dass die Amazone mit dem Schmollmund gar Martin Luther das Leben rettet.

Angesichts dieser eher freien Geschichtsinterpretation könnte man "it’s only entertainment" sagen und sich entspannt zurücklehnen; doch so einfach ist das nicht. Wie schon in seinem Wanderhuren-Zyklus, reklamiert Regisseur Hansjörg Thurn zwar historische Faktentreue für seinen Film. Anders als die Reiter der ersten Mittelalterwelle von Umberto Eco bis Noah Gordon versuchen aber weder Thurn noch Lorentz dieses vielschichtige Zeitalter auch nur im Ansatz zu begreifen. Die Figuren darin sind bloß Platzhalter des anhaltenden Interesses am Thrill einer zugkräftigen Epoche, mit der sich Quote oder Kohle, gern beides machen lässt.

Hatte der Kulturbetrieb vor 1945 gern (und ab 1933 effektiv) im Mittelalter nach Quell und Wesen des nationalen Kollektivs gesucht, dreht die Unterhaltungsindustrie den Aneignungsprozess nun um. Sollte die finstere, aber verlockende Mythologie einst etwas über die Gegenwart erzählen, spielt die Gegenwart nun umgekehrt Mittelalter. Deshalb durfte "Die Wanderhure" ihrem Lover in den Worten von heute mitteilen, "verrückt nach dir" zu sein, als beide nackig im See baden. Deshalb darf Ernst "Die Ketzerin" jetzt "und du stehst rein zufällig hier?" fragen, als er sie mit Dackelblick anbaggert. Deshalb können die Versicherungsangestellten Iny Klocke und Elmar Wohlrath unterm Pseudonym Lorentz mit allerlei Achtelwissen Vorlagen für Fernsehfilme in Reihe basteln. Deshalb steckten in der vierteiligen Adaption von Ken Folletts "Säulen der Erde" zuletzt sagenhafte 40 Millionen Euro.

Gut, ließe sich einwenden: sind halt Märchen vor historischem Hintergrund und damit auch nicht unglaubwürdiger als Actionblockbuster, in denen der Held nach 25 Wirkungstreffern lustig Sprüche klopft. Doch so wie "The Fast and the Furious" sein (vorwiegend männliches) Publikum zu Vollgas und Sexismus animiert, verleiht die Liebe des handelsüblichen Mittelalter-Melodrams zur Optik dem Inhalt dahinter eine Authentizität, die fahrlässig ist. Wenn ein weiblicher Mob im Finale der "Ketzerin" den fiesen Großinquisitor stürzt, entsteht nämlich der Eindruck, Gleichberechtigung sei 1517 erstritten worden, nicht 450 Jahre später. Weil die Sympathieträger in der akribisch dekorierten Kulisse dabei dank weißer Zähne und perfektem Makeup porentief rein sind, wirken die Western der Technikolor-Ära verglichen damit fast dokumentarisch. Und weil kein Protagonist die kleinste Entwicklung durchmacht, ist das Ganze dazu dramaturgisch ein Rückfall in die Zeit der "Schwarzwaldklinik".

Keine Frage: Ruby O. Fee als Hipster-, pardon, Ketzerbraut kann wehklagen wie einst Maria Schell und sieht dabei cooler aus. Der Rest dieses Schmierentheaters jedoch macht sein Thema nichts als lächerlich. Dabei kann uns die fiktionale Betrachtung vergangener Epochen durchaus helfen, unsere eigene zu verstehen. "Die Ketzerbraut" hingegen kann uns bestenfalls helfen, die Zeit bis zum Bett zu überbrücken. Sofern man nicht vorm Fernseher einschläft.

Sat.1 zeigt "Die Ketzerbraut" am Dienstag um 20:15 Uhr.

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