Bruder - Schwarze Macht © ZDFneo
TV-Kritik zum Vierteiler

"Bruder": ZDFneo hetzt durch die Radikalisierung

 

Was muss geschehen, damit sich ein junger Mensch dem Salafismus zuwendet? Diese Frage stellt sich auch die ZDFneo-Serie "Bruder - Schwarze Macht" und die darin spielende Sibel Kekili, die ihren Serienbruder langsam aber sicher an die Islamisten verliert.

von Kevin Hennings
29.10.2017 - 13:05 Uhr

Islamisierung, Radikalisierung, Terrorismus. Themen wie diese beherrschen seit geraumer Zeit nicht nur unsere Politik. Es fragen sich auch immer mehr Filmemacher, wie man diese Anliegen mit dem Unterhaltungselement einer Serie vereinen kann. So zeigte zuletzt erst die dänisch-deutsche Produktion “Countdown Copenhagen”, wie man angemessen eine intensive Geiselnahme darstellen könnte, während das britische “The State” vier junge Leute unverblümt dabei begleitet, wie sie sich langsam dem IS anschließen. Nun kommt mit “Bruder – Schwarze Macht” eine ZDFneo-Serie auf die Bildschirme, die sich explizit anschaut, wie ein junger Türke in Deutschland seinen Weg zum Salafismus findet. Doch wie verständlich lässt sich solch ein komplexes Thema in einer schnell erzählten, vierteiligen Miniserie umsetzen?

Die kurze Antwort wäre: Sehr mühsam. Auch Regisseurin Randa Chahoud, die sich dank ihrer Sci-Fi-Produktion “Ijon Tichy: Raumpilot” bereits mit dem Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises schmücken kann, hatte damit ihre Probleme. Das Drama "Bruder", das vom jungen Deutschtürken Melih (Yasin Boynuince) erzählt, der langsam aber sich vom sympathischen Abiturienten zum ultrakonservativen Islamisten mutiert, wirkt irgendwie unvollständig. In den insgesamt drei Stunden werden nämlich allerhand Charaktere eingeführt, die auf jeden Fall allesamt eine Daseinsberechtigung besitzen, aber gar keine Chance bekommen, sich zu entfalten. 

So ist beispielsweise Sibel Kekilis Charakter, die ebenfalls Sibel heißt und Melihs Schwester darstellt, von Anfang bis Ende eine komplett integrierte Türkin, der nichts über ihre Position als Polizistin geht. Tatsächlich erinnern nur ihre gelegentlichen Ausflüge in die türkische Sprache an ihre eigentliche Herkunft. Natürlich muss hier nicht mit öden Klischees gespielt werden und es ist erfrischend, dass das mit ihrer Figur eben nicht getan wird, doch ist ihre Charakterentwicklung derart flach, dass sie für die Hauptstory in der Tat kaum eine Rolle spielt. Die Frau, die in der vergangenen Saison noch im Borowski-”Tatort” auftrumpfte und etliche Filmpreise im Regal stehen hat, wirkt hier fast eher wie ein Accessoire. 

Genauso verhält es sich mit dem restlichen Cast, der entweder gar keine Entwicklung durchmacht, oder eine derart abrupte, dass man sich als Zuschauer fragt, ob man in den letzten fünf Minuten etwas verpasst hat. So ist Melihs bester Freund Tobi in der einen Szene noch rumhängender Kiffer und in der nächsten der deutsche Vorzeigeislamist schlechthin. Als ob er über Nacht eine Scientology-artige Gehirnwäsche verpasst bekam. Yasin Boynuince stellt mit seiner Rolle als Melih zum Glück die wichtige Ausnahme dar. Sein Prozess wird zwar ebenfalls nicht immer so detailliert erzählt, wie Chahoud es hätte tun sollen, doch dafür mit einer derartigen Intensität, dass man als Zuschauer stellenweise wirklich nachvollziehen kann, warum er sich von seiner Familie abwendet und zu den Islamisten flüchtet.

Bruder - Schwarze Macht

An dieser Stelle muss leider gesagt werden, dass die Serie durch die Stationen einer Radikalisierung leider eher springt, statt tief in die Materie einzutauchen. Boynuince schafft es jedoch, das Bestmögliche aus dieser abgehetzten Erzählung rauszuholen und vor Augen zu führen, dass man sich als Deutschtürke zurecht oft falsch behandelt fühlen kann und Menschen wie Salafisten, für die es keine Landesgrenzen und Hautfarben gibt, Geborgenheit bringen können. “Als Türke bist du immer der Nigger”, sagt er am Anfang der Serie noch mit einem Augenzwinkern, kurz bevor er durch einen aggressiven deutschen Polizisten zu unrecht niedergeschlagen wird. Mehr Blickwinkel wie diese hätten “Bruder – Schwarze Macht” gut getan. 

Chahouds Ambition, eine Serie über ein wichtiges Thema wie dieses zu machen, das in Deutschland pausenlos im Diskurs steht, ist löblich. Jedoch ist es trotz ihrer teilweise mutigen Ansätze ebenso schade, wie viel unverbrauchtes Potenzial sie links liegen gelassen hat. Mit einem derartigen Können, dass der junge Schauspieler Boynuince zu Genüge in sich trägt, wäre ein tiefer Blick in die Psyche eines potenziellen Terroristen möglich und überaus interessant gewesen. Auch Kekilis Rolle als Parade-Integrierte, bei der man merkt, dass die Leute sogar ein Problem damit bekommen, wenn jemand zu gut integriert ist, hätte eine viel wichtigere Facette einnehmen müssen.

So bleiben dem Zuschauer am Ende vor allem Dinge im Kopf, die tatsächlich nicht einmal viel mit der Grundthematik zu tun haben: Bjarne Mädel als herausragender Nebendarsteller, der den Schwager von Melih mimt und den nötigen Charme reinbringt, ein “Diggah”-Counter, der sogar “4 Blocks” gesprengt hat und die wohl stimmungsschwankendste Mutter aller Zeiten: “Ich hätte besser einen Stein als dich gebären sollen”, blafft sie Sibel an, nur um kurz darauf wieder gemütlich mit ihr am Küchentisch zu sitzen. Ein Sinnbild für die Serie.  

ZDFneo zeigt "Bruder - Schwarze Macht" ab dem heute immer sonntags um 21:45 Uhr. Alle Folgen werden zudem auf einen Schlag in der Mediathek veröffentlicht.

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