Dark © Stefan Erhard/Netflix
DWDL.de-Serienkritik

Erste deutsche Netflix-Serie "Dark": Grimmig grollt der Wald

 

Das erste deutsche "Netflix Original" holt seine Zuschauer in eine deutsche Kleinstadt, wo zwischen Atomkraftwerk und Düsterwald Kinder verschwinden und die Zeitebenen verschwimmen. "Dark" ist wunderbar ambitioniert erzählt, lässt aber in vielen Szenen zu sehr die Vorbilder durchschimmern.

von Peer Schader
30.11.2017 - 10:03 Uhr

Gleich zwei Expeditionen haben sich diesen Herbst auf den Weg gemacht, das neue Selbstverständnis der deutschen Serie zu ergründen. Die eine watet dafür seit einigen Wochen durch den Morast der Großstadt in den Zwanziger Jahren; die andere stapft in der nahen Zukunft über den regendurchsumpften Boden eines Walds am Rande einer deutschen Kleinstadt. Wobei: So genau lässt sich das mit der Zeitangabe gar nicht sagen, auch wenn „Dark“ seine Zuschauer zu Beginn in den November des Jahres 2019 holt.

Denn mit der zuvor aus dem Off erfolgten Warnung, die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei „nichts als eine Illusion“, ist das eigentlich bereits hinfällig. „Gestern, Heute, Morgen folgen nicht aufeinander“, heißt es da. „Sie sind in einem ewigen Kreis miteinander verbunden.“

Es geht also schon ziemlich geheimnisvoll los bei „Dark“, dem ersten deutschen „Netflix Orginal“, mit dem die zuständige Produktionsfirma Wiedemann & Berg erfreulicherweise noch mal einen völlig anderen Schwerpunkt setzt als viele andere ambitionierte Serienprojekte aus Deutschland, die in den vergangenen zwei, drei Jahren ein zunehmend anspruchsvoller fernsehendes Serienpublikum für sich begeistern woll(t)en.

Vor allem, weil sich die beiden Showrunner Baran bo Odar und Jantje Friese („Who Am I“)  an ein Genre herangetraut haben, das im deutschen Fernsehen bislang nicht geraede überrepräsentiert war, und eine Art Dorfsaga mit konsequentem Mystery-Einschlag erzählen.

Die Serie schildert den durcheinander gewirbelten Alltag von vier Familien im (erfundenen) Örtchen Winden, das voll und ganz in der Novembrigkeit unterzugehen scheint, seitdem der 15-jährige Erik spurlos verschwunden ist. Die Polizeiarbeit läuft eher träge an, viele Bewohner sind zwischen Atomkraftwerk und Düsterwald ohnehin mit ihren eigenen Problemen und Beziehungsgeflechten ausgelastet. Teenager Jonas (toll gespielt von Louis Hofmann) kehrt erstmals wieder an die Schule zurück, nachdem sich sein Vater unter ungeklärten Umständen umgebracht hat, und versucht, gegen seine Albträume anzukämpfen.

Gurgel, knarz, dröhn

Es dauert nicht lange, bis die auf das ganze Dorf abzufärben scheinen. Ein weiterer Junge verschwindet, Tiere sterben unter merkwürdigen Umständen – und in Winden werden Erinnerungen an Ereignisse wach, die die Kleinstadt vor über 30 Jahren schon einmal in Atem gehalten haben.

Sorgsam baut „Dark“ seine Protagonisten auf und deutet ihre Verstrickungen untereinander an. Ziemlich schnell ist klar, dass diese Geschichte nicht nur im Jahr 2019 erzählt werden wird – und dass Zeitebenen sich wie tektonische Platten an- und übereinander schieben, wodurch die bis dahin etablierte Ordnung mächtig ins Beben gerät.

Dark
© Stefan Erhard/Netflix

Das ist einerseits ganz wunderbar ambitioniert erzählt, zumal mit der (Anti-)Atomkraftthematik ein vielversprechender Erzählrahmen gefunden wurde. Auch dass die Inszenierung das, was der Titel verspricht, nicht einhalten würde, kann man „Dark“ wirklich nicht vorwerfen.

Die Penetranz, mit der die unbekannte Bedrohung in den ersten drei von Netflix vorab gezeigten Folgen in Szene gesetzt wird, aber schon: Regen fällt nicht, er donnert. Bedrohlich grollt dazu der Wald, in dem die Windener Höhlen liegen, wo das noch unbekannte Übel seinen Ursprung zu nehmen scheint. Und wenn fertig gegrollt worden ist, gurgelt, knarzt, fiept, dröhnt und röhrt es noch eine ganze Zeit so weiter.

Zu den sich überlagernden Soundeffekten kommen Fahrten, mit denen sich die Kamera langsam, ganz langsam an mysteriöse Orte und Protagonisten heranschiebt, wie jemand, der mit einer zusammengerollten Zeitung eine Fliege erschlagen will (wie das bei Mystery-Produktionen seit längerem modern ist).

Ganz schön strange, manche things

Und nur zu gerne wüsste man, ob es eine sorgfältig aus Abonnentenvorlieben errechnete Vorgabe des Auftraggebers war, derart auffällig 80er-Jahre-Devotionalien in die Folgen zu drapieren, dass es fast schon ein bisschen peinlich wirkt. Kurz nachdem ein Sony-Walkman als stummer Zeitzeuge im Wald aufgetaucht ist, kriegt der 11-Jährige aus dem Jahr 2019 einen Zauberwürfel in die Hand, den er aber gleich wieder beiseite legen muss, um ohne Probleme ein Wählscheibentelefon zu bedienen, das er in seinem Leben zuvor noch nie gesehen haben dürfte.

Im Hintergrund laufen Achtziger-Hits von Nena und ABC. Und die Vermutung liegt nahe, „Dark“ solle zumindest einen Teil des Erfolgsrezepts der Netflix-Produktion „Stranger Things“ auf deutsche Verhältnisse übertragen.

Auch „Stranger Things“ wird schließlich zu einem großen Teil von seiner 80er-Nostalgie getragen, gleich zu Beginn verschwindet ein Kind, und die von Winona Rider gespielt Mutter glaubt wahnsinnig zu werden, weil ihr offensichtlich in einer Paralleldimension verschluckter Sohn durch das flackernde Licht mit ihr zu kommunizieren scheint. In „Dark“ würde sie sich prima zurecht finden: Da flackert die Elektronik als Signal dafür, dass die Windener Normalität bis auf Weiteres ausgesetzt ist.

Die Autoren sagen: nee, war alles länghst geschrieben, bevor „Stranger Things“ zum Hit wurde. Aber auch sonst sieht vieles im ersten deutschen „Netflix Original“ so aus, als hätten die Verantwortlichen vorher mit großer Genauigkeit wesentliche Elemente aus Serienproduktionen der vergangenen Jahre studiert.

Jeder ist verdächtig

Jeder Kleinstadtbewohner scheint ein in der Vergangenheit begründetes Geheimnis mit sich herum zu tragen und wirkt durch sein Schweigen zunächst auf eigenartige Weise verdächtig – wie in der TNT-Mysteryserie „Weinberg“.

Der Windener Wald röhrt und gurgelt als sei er vorher bei seinen Forstkumpeln aus der Mysteryserie „Jordskott“ des schwedischen Senders SVT zur Baumschule gegangen.

Und Vögel in Massen vom Himmel fallen lassen hat zuvor schon die apokalyptische Mysteryserie „The Fades“ von BBC Three.

Das ist nicht weiter tragisch, zumal „Dark“ sich große Mühe gibt, diese Elemente in seine eigene, durchaus Sogwirkung entfaltende Erzählung hinein zu komponieren. Es ist nur nicht ganz so fortschrittlich, wie sich Produktion und Auftraggeber bei der Premiere in Berlin in der vergangenen Woche gegenseitig versichert haben. „Jeder sollte auf euch schauen und von euch lernen“, lobte Showrunner Baran bo Odar die amerikanischen Netflix-Kollegen überschwänglich – „you really believe in film makers“.

Das mag ja auch stimmen, ändert aber nichts daran, dass sich „Dark“ von den zahlreichen Inspirationen freischwimmen müsste, um eine Tonalität zu etablieren, bei der man sich nicht ständig an vermeintliche Vorbilder erinnert fühlt. Und das bedeutet eben nicht, einfach noch ein bisschen lauter weiterzugurgeln.

Netflix zeigt alle zehn „Dark“-Episoden ab diesem Freitag.

Über den Autor

Peer Schader arbeitet als freier Journalist in Berlin. Schrieb seine erste TV-Kritik 2000 über eine RTL-II-Fahrschuldokusoap (und danach noch ein paar mehr). Mag Fernsehen vor allem dann, wenn es sich richtig viel Mühe gibt, sein Publikum zu fesseln.

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