Schau in meine Welt © Screenshot Kika
Kommentar zur Empörung über die Kika-Doku

Das deutsche Mädchen, der Flüchtling und die Liebe

 

Eine Kinderkanal-Dokumentation über die Beziehung zwischen einem deutschen Mädchen und einem syrischen Flüchtling sorgt dieser Tage für reihenweise Empörung. Leider geht dabei völlig unter, wie wunderbar der Film von der Liebe erzählt.

von Alexander Krei
10.01.2018 - 19:00 Uhr

Tanja Nadig wundert sich. Sie ist verantwortliche Redakteurin beim Hessischen Rundfunk und hat einen Film für den Kinderkanal gemacht. In 24 Minuten und 9 Sekunden geht es um die Liebe, genauer gesagt um "Malvina, Diaa und die Liebe". So nennt sich der Film aus der Reihe "Schau in meine Welt", die vor allem deshalb besonders ist, weil im Mittelpunkt jeder Folge junge Menschen stehen, die den Zuschauern aus ihrer persönlichen Perspektive einen Einblick in ihr Leben gewähren – ungewöhnlicherweise ganz ohne Kommentare aus dem Off.

So wie im Fall des zwölfjährigen Jon. Er ist Autist und kennt in Frankfurt sämtliche Haltestellen einer Buslinie auswendig. Oder das vietnamesische Mädchen Vi, das beschließt, endlich schwimmen zu lernen, weil sie sich zwar vor dem Wasser fürchtet, aber alle Häuser in ihrem Dorf auf Flößen gebaut sind. Und dann sind da eben Malvina und Diaa, ein deutsches Mädchen und ein Flüchtling aus Aleppo - zwei, die sich kennen - und lieben gelernt haben und die nun im Zentrum einer Debatte stehen, in die sie nicht hineingehören.

Da werden Parallelen gezogen zum Mord an einer 15-Jährigen im rheinland-pfälzischen Kandel. Sie, ein deutsches Mädchen und er, ein Afghane, der womöglich älter ist, als man dachte. Auch um das Alter von Diaa gibt es nun Verwirrung, weil der Kinderkanal in einem Begleittext auf seiner Website schrieb, dass er 17 sei, obwohl er zum Zeitpunkt des Drehs schon 19 war – und jetzt angeblich bereits 20 ist. Weil Diaa in einer anderen Kika-Sendung, die inzwischen „zum Schutz der Protagonisten“ leider aus dem Netz verschwunden ist, plötzlich Mohamed hieß, was offenbar lediglich ein weiterer Vorname Diaas ist, stiftete der Sender zusätzliche Verwirrung. 

Aus diesem Grund regen sich nun "Bild", AfD-Politiker und Stammtische über die Dokumentation auf – und die HR-Redakteurin Tanja Nadig kann den plötzlich aufgekommenen Ärger nicht so recht nachvollziehen. Als der Film im November erstmals ausgestrahlt wurde, habe es schließlich nicht eine Reaktion gegeben. Sie spricht von einem Missverständnis der Redaktionen und verweist darauf, dass im Film selbst nichts geschönt wurde, weil sich ja Malvinas Eltern besorgt und kritisch äußern über so manche Ansichten, die der Freund ihrer Tochter äußert.

Schau in meine Welt
© Kika

Diaa stört sich daran, wenn andere Männer seine Freundin umarmen oder sich diese in knapper Bekleidung zeigt. Malvina wiederum gibt ihm klar zu verstehen, dass sie kein Kopftuch tragen möchte. Die Kika-Dokumentation zeigt das Spannungsverhältnis, in dem die beiden ihre Liebe ausloten. Auf der einen Seite der junge Mann, der möglichst schnell heiraten möchte. Auf der anderen Seite das Mädchen, das sich Zeit lassen möchte. Umso beeindruckender, wie sich die beiden vor der Kamera öffnen und über all die Differenzen sprechen, die sie zu überwinden haben. 

Mag sein, dass diese Gegensätze für die ganz junge Zielgruppe schwer zu verstehen sind, an die sich der Film wendet; und es mag auch sein, dass der Film besser aufgehoben wäre bei funk, dem öffentlich-rechtlichen Angebot, das sich an Jugendliche richtet. Doch all jene, die sich jetzt daran stören, sind ganz sicher in einem Alter, in dem man der Dokumentation problemlos folgen kann. Doch leider werden Malvina und Diaa nun mancherorts dazu verwendet, um einen weiteren Keil in die Gesellschaft zu treiben; um Rechts und Links gegeneinander auszuspielen.

Die HR-Redakteurin mahnt, man solle sich mal fragen, wie es Malvina und Diaa dabei geht. Tatsächlich kann es nicht schaden, den Film als das zu sehen, was er ist – als einen Film über die Gefühle zweier Menschen. Sie glaube, der Duden habe keine Worte für ihre Gefühle, sagt Malvina. Das gilt auch für so manchen Blödsinn, der dieser Tage über die Dokumentation geschrieben wird.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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