Dschungelcamp 2018 © MG RTL D/Stefan Menne
DWDL.de-TV-Kritik

Das Dschungelcamp ist zurück: Wie gebraucht gekauft

 

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist in die zwölfte Staffel gestartet und schnell wird deutlich, wie gewöhnlich die Abläufe des Show-Hits von RTL inzwischen wirken. Spektakulär wirkt am Auftakt fast nichts. Doch noch besteht die Hoffnung auf Besserung.

von Hans Hoff
20.01.2018 - 00:33 Uhr

Als um kurz vor zwei am Freitagmittag die Pressevorabmeldung von RTL im E-Mail-Fach landete, blieb die Frage des zu erwartenden Niveaus bei den diesjährigen Australian Open in der Klasse der Verhaltensauffälligen mit Geldproblemen nicht lange unbeantwortet. Die entscheidenden Buzzwords waren alle vorhanden.

Als da wären: Stars, übergeben, Herausforderung, Ratten, blutiger Kamelschädel, Schleim und Kakerlaken, Fotomodell, Zitzen, Mehlwürmer und Emu-Blut. Dazu kamen gewohnt anzügliche Zitate aus der Herrenwitzecke. „Sie knabbert den Penis an. ‚Schmeckt gar nicht schlecht – hab‘ schon schlimmere gehabt‘“, gefolgt von „Rechtzeitig vor Ende ihrer 90 Sekunden hat sie den Penis geschluckt.“ Bezieht sich natürlich auf den Krokodilpenis, den Natascha Ochsenknecht essen musste. Falls es einer noch nicht kapiert hat: SIE HAT DEN PENIS GESCHLUCKT. Niveaufrage geklärt. Willkommen beim RTL.

Dazu war noch von ekligen Fleischabfällen die Rede, und für einen Moment keimte die Frage, ob da jemand die Bezüge mutwillig durcheinander bringt und die Bezeichnung auf die Kandidaten bezieht. Aber nein, so gemein ist selbst RTL nicht. Runterputzen kann man die zwölf Gestalten im zwölften Camp ohnehin nicht, denn diese armen Aufmerksamkeitshascher mit Existenzangst und galoppierender Realitätsverweigerung verfügen leider durch die Bank über so wenig Profil, dass Zweifel angebracht sind, ob sich hier jemals die für einen ordentlichen Sturz nötige Fallhöhe ergeben wird. Da ist diesmal tatsächlich so wenig Star drin, dass man ebenso gut das brüllende Personal der Scripted-Dokus vom Nachmittag rekrutieren könnte. Käme billiger.

Es wirft schon ein bezeichnendes Licht auf die aktuelle Camp-Besetzung, deren Durchschnittsalter aufgrund der vielen verbauten Ersatzteile bei 39 Jahren liegt, dass die Moderatoren und Autoren der Dschungelschau inzwischen mehr Chancen haben, auf einen roten Teppich geladen zu werden als jene Wesen, die nun im Wald so tun müssen, als hätten sie Spaß an zwei Wochen sozialem Overkill.

Obwohl Overkill schwer übertrieben ist, denn zum Start fällt erst einmal auf, wie gewöhnlich die Abläufe down under langsam wirken. Die üblichen Höhenängste der Delinquenten, die ewigen Hubschrauberflüge, die Fallschirmsprünge, der lange Marsch ins Camp, die Schwäche der Ältesten, alles schon mal gesehen. Die Schnitte in angstvoll geweitete Augen wirken wie gebraucht gekauft, und selbst ein Bungeesprung ins Dunkle bringt optisch nicht den wohl von den Machern erhofften Thrill. Weil man halt im Dunkeln wenig bis nichts sieht.

Als spektakulärster Moment bleibt am Ende der drei Stunden schließlich jener in Erinnerung, in dem ein Ranger einen eingeschmuggelten Schokoriegel kraftvoll tottritt und sich dann die schmierigen Überreste wie Scheiße vom Stiefel putzt. Das alles hat viel von einem Urlaubsort, in den man seit Jahren fährt, wo man aber langsam merkt, dass man sich das Ganze entweder in den vergangenen Jahren zu oft schöngesoffen hat, oder es ist wirklich alles noch ein bisschen ranziger geworden.

Die Moderatoren hinken ihrer Form hinterher

Aber vielleicht kriegen sie das ja noch hin, wenn sie erst einmal ihr blasses Personal ausgiebig vorgestellt und die üblichen Rollen verteilt haben. Noch deutet sich wenig an, was für ein veritables Drama taugen könnte. Zu sehr sind die Insassen damit beschäftigt, ihre verbalen Trademarks in die Landschaft zu entlassen. Der Fußballer sagt immer „Ich bin Chef von niemand, und niemand ist Chef von mir.“ Der DSDS-Veteran trumpft mit der handelsüblichen Großmäuligkeit. „Auf ner Skala von eins bis zehn bin ich sowas von on fire“, prahlt er. Hübsch auch: „Ich bin Sandra und ich stinke nach Rattenpippi.“

Dazwischen packen die Moderatoren alles, was gerade günstig auf dem Grabbeltisch in der Wortspielhölle zu haben war, von „in Maden baden“ über „das kleine Latrinum“ bis zur Nagetierklassifizierung „Bacheloratte“. Gähn. Ihrer bewährten Form hinken sie damit noch weit hinterher. 

Höchstleistung liefern derweil allerdings die Ton- und Musikausstatter, die im Gegensatz zu dem von vielen anderen Produktionen gewohnten Akustik-Einerlei jede Menge Überraschendes im Köcher haben, wenig Naheliegendes platzieren und eine feine Soundtrack-Atmosphäre kreieren. Davon kriegen die drinnen im Camp aber nichts mit. Die funktionieren erst einmal nach dem von der einstigen Top-Model-Bewerberin ausgegebenen Motto: „Kopf abschalten und mein Programm durchziehen.“

Ob das für die Gesamtproduktion ausreicht, darf angezweifelt werden. Aber vielleicht sollte man es einfach halten wie der Fußballer, der kurz vor Schluss der Show unzufrieden mit sich selbst spricht: „Mecker mal nicht so viel. Das ist hier ne Show.“

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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