Altered Carbon & Absentia © Netflix & Amazon
TV-Kritik zu neuen Netflix- und Amazon-Serien

"Altered Carbon" & "Absentia": Keine gewöhnlichen Krimis

 

Nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen stocken das eigene Inventar regelmäßig mit Krimis auf, auch Netflix und Amazon tun es. Heute gehen mit "Altered Carbon" und "Absentia" jedoch zwei Serien online, die nicht mit gewöhnlichen Krimifällen verglichen werden können.

von Kevin Hennings
02.02.2018 - 16:32 Uhr

Pünktlich zum Wochenendstart warten sowohl Amazon als auch Netflix mit neuem Serienstoff auf, der im ersten Augenblick nicht das große Seherlebnis zu versprechen scheint. Die ursprünglich für AXN konzipierte und nun auch auf Amazon gelistete Thriller-Packung "Absentia" sucht einmal mehr in gewohnter Krimi-Manier nach einem Mörder, ebenso wie Buchadaption von "Altered Carbon", die nun bei Netflix anläuft. Doch beim genaueren Hinschauen wird deutlich, dass es sich hier nicht nur um Portfolio-Füllstoff handelt. Beide Serien heben das Krimi-Genre auf ein neues Level und zeigen, wie das moderne Detektivfernsehen auszusehen hat.

"Altered Carbon": Sci-Fi-Schnitzeljagd mit teurer Optik 

Es ist immer wieder bewundernswert, mit welcher Intensität Netflix Serien bis zu ihrem Limit pusht. So hat der SVoD-Dienst in den letzten Jahren Projekte wie "Stranger Things", "Orange Is the New Black" oder das deutsche “Dark” ermöglicht. In der Tat wäre die Liste aller qualitativ erfolgreichen Serien extrem lang, auch wenn sich natürlich auch Netflix Ausrutscher leistet. Doch die Riege hochrangiger Produktionen hat ihren Preis und für diesen nahm Netflix laut der "Los Angeles Times" bis 2017 mehr als 20 Milliarden US-Dollar Schulden auf. Nichtsdestotrotz bleibt der Kompass bestehen und so werden die Zuschauer auch bei "Altered Carbon" zu sehen bekommen, wie eine Serie mit viel Geld und Hingabe auszusehen hat.

Hätte einer dieser Faktoren gefehlt, wäre das Projekt sowieso kläglich untergegangen. Bei "Altered Carbon" handelt es sich nämlich um eine Adaption der im Heyne-Verlag erschienenen Roman-Trilogie von Richard Morgan, der in seiner Cyberpunk-Welt des 25. Jahrhunderts von einer dystopischen Geschichte erzählt, die in vielen Zügen an den Klassiker "Blade Runner" erinnern lässt. Jeder Buchfan weiß, dass nur ein Fan selbst die nötige Hingabe mitbringen kann, um den Geist des Autoren korrekt zu vermitteln. Und das eben dieser gerade für eine Sci-Fi-Story ein entsprechendes Budget parat haben muss. Bei "Altered Carbon" ist dieser Fan Showrunnerin Laeta Kalogridis, die bereits bei Filmen wie "Alexander", "Avatar" oder "Shutter Island" ihre Finger im Spiel hatte.

Was sie in Hollywood gelernt hat, führt sie hier fort. Denken Sie an irgendeinen Sci-Fi-Meilenstein: Ob eben genannter "Blade Runner", "Deus Ex", "Ghost in the Shell" oder "Matrix": "Altered Carbon" darf sich in so vielen Belangen zu dieser Reihe gesellen. Die Vorarbeit dafür hat natürlich Autor Richard Morgan selbst gegeben. In seiner spannenden Erzählung geht es um die Frage, welche Bedeutung der Tod in einer Welt der Unsterblichen hat. Dafür schickt er seinen Protagonisten Takeshi Kovacs (verkörpert vom überragenden Joel Kinnaman, "House of Cards") in eine Wirklichkeit, in der längst alles digital abläuft. Selbst der menschliche Geist kann wie ein Programm in einen neuen Körper heruntergeladen werden. Trotz dieser Tatsache muss der ehemalige Elitesoldat Kovacs nun, nachdem er selbst in einen neuen Körper transferiert wurde, den Mord am reichsten Menschen der Welt aufklären. Dieser lebt ironischerweise aber weiter – ebenfalls in einem anderem Körper (James Purefoy, "Rom").

Diese bereits packende Prämisse wird vom "Altered Carbon"-Team in einer Optik serviert, die einem schon mal die Kinnlade herunterfallen lassen kann. Sie hat den genau richtigen Grad an Düsternis und eine Coolness, die ansteckt. Verantwortlich dafür ist unter anderem die deutsche Kamerafrau und Regisseurin Uta Briesewitz, die an Folge fünf und acht beteiligt war. So steckt also auch ein wenig Heimat in Netflix' neuem Prestige-Projekt, das so manchen Kinofilm alt aussehen lässt.

"Absentia": Erfrischend, wenn der Krimi zur Nebensache wird

Die erste Szene: Eine Frau wacht halbnackt in einem großen Glaskasten auf und wird plötzlich von Wasser umschlossen, das in das Konstrukt fließt. Panik macht sich breit, irritierende Flashbacks blitzen auf. Das von Sony Pictures entwickelte Thriller-Drama startet mit dem dritten Gang in ein Szenario, das sich nicht nur an dieser Stelle wie ein Psychofilm á la "Saw" anfühlt. Wenig später wird erklärt, warum die Frau sich in dieser Situation befindet: Der Serienmörder, den sie als FBI-Agentin einst verfolgte, hat sie gefangen genommen. Für sechs Jahre. In der Zwischenzeit wurde dieser Mörder zwar gefasst, sie selbst jedoch für tot erklärt. All die Jahre später bekommt ihr Ehemann (Patrick Heusinger, “Jack Reacher”) einen mysteriösen Anruf, mit dem Verweis, wo sich seine verschwundene Frau befindet. 

Und plötzlich steht Agentin Emily Byrne (ehemalige “Castle”-Hauptdarstellerin Stana Katic) wieder mitten im Leben. Problem: Ihr Mann hat eine neue Frau gefunden, ihr gemeinsamer Sohn wurde von eben jener großgezogen. Bevor sie sich aber erst einmal an diese Situation gewöhnen kann, wird sie auch schon wieder in den Job geschmissen: Ein neuer Fall tritt auf den Plan, der erschreckende Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen hat. Doch kommt es nun nicht zum gängigen Krimi-Gedöns, sondern zu dem Grund, warum "Absentia" größer als eben dieses ist. Die Frage, was mit einer Person im Innersten passiert, wenn sie nach all der Zeit wieder in die Gesellschaft geworfen wird, wird nämlich mit beiden Händen aufgegriffen und feinfühlig behandelt. 

So ist "Absentia" zur einen Hälfte ein tatsächlich nicht sonderlich origineller, aber doch ungemein packender Thriller, der modernste Gruselelemente mit pfiffigen Wendungen verpackt. In der anderen, markanten Hälfte verfolgen wir als Zuschauer einen Menschen, der sechs verlorene Jahre kompensieren muss. Der verstehen muss, warum sein Sohn eine andere Frau Mutter nennt und warum der einstig geliebte Ehemann das Bett nun mit einer fremden Frau teilt. Das neue Leben, das Emily Byrne geschenkt wurde, ist so nur ein Schatten von dem, welches sie einst hatte.

Mrs. Katic wird hier also einiges abgefordert und umso schöner ist es, das sie dem auch gerecht wird. Eine Emmy-Nominierung für diese Leistung wäre verdient. Doch ganz gleich, ob es nun dazu kommen wird oder nicht, so hat sie mit "Absentia" zumindest gezeigt, dass die Fernsehbranche immer noch gute und vor allem ungewöhnliche Krimis parat haben kann. 

Die zehnteilige erste Staffel von "Altered Carbon" ist ab sofort komplett bei Netflix zu finden, während "Absentia" bei Amazon bereitgehalten wird

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