Ob das Handy beim Anschauen von Videos instinktiv gedreht wird, lässt einen direkten Rückschluss darauf zu, welches Alter die Person vor dem Bildschirm innehat. Vom Röhrenfernseher übers Flachbild bis hin zum Touchscreen, die Art der Nutzung hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. Federführend sind technische Errungenschaften und Branchentrends, die konstant das Medienerlebnis von Milliarden von Menschen prägen.
Die Basis dessen war zunächst ein Kompromiss. Beim Übergang von analogem zu digitalem Fernsehen suchte die Branche nach einem einheitlichen Standard. Dieser sollte breiter als das bisherige 4:3-Maß sein, aber gleichzeitig nicht die üppige Dimension von Kinoleinwänden einnehmen. Dazu lässt sich auch aus einer biologischen Perspektive argumentieren: Das menschliche Sichtfeld ist horizontal deutlich breiter als vertikal. Deshalb wirken längliche Bilder oft natürlicher sowie immersiver – und bieten mehr Platz für relevante Informationen.
Durch die breite Abdeckung, Verfügbarkeit und Beliebtheit von Telemedien verankerte sich mit der Entscheidung eine generationsbasierte Wahrnehmung. In der Konsequenz wurden mit dem Breitbild historisch gesehen vorrangig professionelle Aufnahmen verbunden, Szenen im hochkantigen Format waren zu dieser Zeit stattdessen eher amateurhaft konnotiert.
Wie jede Branche ist aber auch die Medienwelt immer wieder von disruptiven Neuerungen betroffen, die die Annahme und Nutzung von Inhalten massiv verändern. So auch im Falle des Smartphones, mit dem sich der Konsum vom Wohnzimmer und Schreibtisch löste und fortan auch mobil und in kurzer Zeit möglich war. Die hauptsächliche Einführung erfolgte in technischen Wellen von 1994 bis 2008 und teilt sich verschiedene Geräte der Marken IBM, Nokia und Apple/HTC auf. Kommunikation und Spiele, aber auch journalistische Angebote machten das Handy nach und nach zum wichtigsten Mediengerät vieler User.
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Mit der Technologieverschiebung gehen ebenso neue nutzungsbasierte Richtlinien einher, auch physischer Natur: die kleinen "Supercomputer" müssen kompakt designt und vollständig mit Händen getragen sowie bedient werden. Teil dieser Entwicklung ist damit automatisch ein inhärenter Nachteil für das Breitbild: das Drehen des Smartphones ist eine zusätzliche Bewegung – und damit unnötiger Mehraufwand.
Fortan optimierten Anwendungen und Dienste auf Oberflächen in Hosentaschengröße. Etabliert wurde die Standardform des vertikalen Bewegtbilds als Leitformat von der Kurzvideoplattform TikTok, auch wenn andere Projekte wie Vine oder Keek den Grundbaustein legten (und dann scheiterten). Dazu trugen Snapchat und Musically einen wichtigen Part zur allgemeinen Sichtbarkeit bei. Der Ritterschlag erfolgte mit der Konzept-Übernahme durch Social-Media-Giganten wie Instagram und YouTube bis hin zur gesamten Branche.
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Damit endet die Entwicklung von Bewegtbildinhalten jedoch nicht, Ein weiterer Schritt besteht in dem Einfluss algorithmischer Feeds auf die Formatauswahl. Denn während User nun durch endloses Scrollen immer mehr Videos konsumieren, sind Medienschaffende gezwungen, sich inhaltlich noch mehr an die Plattformrichtlinien und Publikumsgewohnheiten anpassen. Das bedeutet: Veröffentlichungen müssen innerhalb weniger Sekunden Aufmerksamkeit erzeugen und binden. Vertikale Formate maximieren damit nicht nur die Bildschirmfläche, sondern auch ihre Wirkung.
Wie ist denn nun der Status Quo? YouGov titelte innerhalb des Media Consumption Reports 2025: "Die Gen Z dominieren Social Media, Millennials hören Podcasts, Boomer schauen TV." Die Erhebung bestätigt, dass immerhin 62 Prozent der Deutschen noch täglich fernschauen. Auch die Medienstudie von ARD/ZDF verdeutlicht eine diverse Mediennutzung, die vom individuellen Alter abhängt.
Menschen, die in der heutigen Gesellschaft aufwachsen, erleben Medien häufig zuerst über das Smartphone. Vertikale Inhalte sind damit für sie kein Sonderfall, sondern Normalität. Klassische Fernsehgewohnheiten verlieren im Gegensatz dazu in dieser Zielgruppe eher an Bedeutung. Die aktualisierte Erwartungshaltung inkludiert eine sofortige Verfügbarkeit, interaktive Formate und individualisierte Inhalte.
Damit transformieren sich Sehgewohnheiten in eine Richtung, die nicht mehr ohne schnelle Schnitte und hohe Informationsdichte auskommt. Auch die Aufmerksamkeitsspanne ist komprimiert, Videos werden tendenziell in kürzeren Sequenzen konsumiert. Dazu nähert sich ebenfalls der Blickwinkel und Erzählgedanke an den Zeitgeist des Influencer-Hype an: anstelle von weiten Bildkompositionen liegt der Fokus vermehrt auf Einzelpersonen, ihr Innenleben und private Ansichten.
Die Veränderungen gehen nicht spurlos an der Branche vorbei. Während aufwändige Filmprojekte früher erst nach der Veröffentlichung überzeugten, werden Inhalte in aktuellen Zeiten vermehrt durch ausgeklügelte Marketing- und PR-Aktionen beflügelt und “social first” gedacht. Die Anpassung bestehender Inhalte an mehrere Formate ist nicht nur eine zusätzliche Spezialisierung, sondern verlagert auch den Arbeitsaufwand der zuvor monozentrierten Produktionen.
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Wo kurzlebige Nutzungsgewohnheiten wie Schatten auf eine prestigeträchtige Industrie fallen, gibt es aber auch Licht: mit jedem innovativen Trend entstehen auch neue Handlungsfelder. So beispielsweise die Entwicklung der Creator Economy, des Influencer Marketings und nun auch durch die Umsetzung von Mikro-Dramen. Bei dem neuen Medienblend werden seit Kurzem die Erfahrungen der Kinowelt und die Vorzüge der Kurzvideos vereint und in neuen Diensten oder auf bestehenden Plattformen gebündelt.
Ob daraus der nächste Run werden kann? Die Tagesschau erklärt: “Bislang haben fiktionale Inhalte auf dem Smartphone nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Das liegt nicht nur am Bildformat, sondern auch an der typischerweise begrenzten Aufmerksamkeit beim mobilen Streamen. Das lässt wenig Raum für Zwischentöne und Subtilitäten.” Nun sind die Umsetzungen allerdings “minimal portioniert” und “maximal snackbar”. Für die Zukunft der Gattung ist nun entscheidend, wie die langfristige Annahme auf dem Markt aussieht.
Der Umstieg oder die Konkurrenz durch Vertikalstrategien führt für Filmschaffende aber ohnehin zu einem Anpassungsdruck. Zwischen den Rahmenbedingungen der unterschiedlichen Ausspielungsmöglichkeiten und den Vorgaben der Plattformen müssen sie sich entscheiden, welcher Standpunkt aus dem mittlerweile riesigen Repertoire für eigene Produktionen gewählt wird – und ob sie damit wirtschaftlich optimal handeln.
Im Umkehrschluss stehen User einer Vielzahl von Angeboten gegenüber, die inhaltlich und technisch noch nie so divers waren. Die kulturelle Norm aus Fernseher, Computerbildschirmen und Kinos ist für das heutige Publikum (im Kontrast zu früheren Generationen) nicht mehr der universelle Standard. Damit löst sich nicht nur die Fixierung auf ein Seitenverhältnis, sondern es entsteht ein situatives Formatverständnis. Entsprechend entscheidet immer stärker der Nutzungskontext, welcher Bildschirm für den nächsten Programmstart richtig ist. Breitbild verschwindet also nicht, es verliert lediglich seinen Status als einzig legitime Bildsprache.
Bisher bei »Vertical Drama – Megatrend oder Strohfeuer?«
von 




