Lost in Space © Netflix
DWDL-Kritik zur Netflix-Serie

"Lost in Space": Wenn der Roboter am sympathischsten ist

 

Netflix setzt die von 1965 bis 1968 erstmals ausgestrahlte Serie "Lost in Space" neu auf. Optisch macht die Produktion einiges her, doch inhaltlich weiß das Remake nur bedingt zu überzeugen - vor allem, weil die Charaktere deutlich verändert wurden.

von Kevin Hennings
15.04.2018 - 12:16 Uhr

1812 erlitt Familie Robinson dank Autor Johann David Wyss den ersten Schiffbruch auf einer tropischen Insel. Das Ziel: Mit vereinten Kräften überleben. 1962 erging  es Familie Robinson nicht besser. Dieses Mal strandeten sie im ganz großen Comic-Stil – auf einem fremden Planeten, weit weg von der Erde. 1965 wurden sie von Regisseur Irwin Allen in “Lost in Space” zum ersten Mal auf den Bildschirm im Wohnzimmer geholt. Nun mussten sie in einer drei Jahre anhaltenden Fernsehserie um ihr Überleben kämpfen. Sie blieben nicht verschont: 1998 ging es in der Verfilmung mit William Hurt und Gary Oldman in die Lichtspielhäuser. Und einmal mehr auf eine Reise ins Weltall, die unglücklich endet. Vom Buch, über zum Comic, zur Fernsehserie und zum Kinofilm folgt jetzt die logische Konsequenz: Eine Produktion eines Streaming-Dienstes. Nun sorgt also Netflix dafür, dass die Familie Robinson einmal mehr alle Überlebensfähigkeiten demonstrieren muss.

 

So düster sich die Prämisse für die Robinsons auch anhört, die wenig überraschend durch “Robinson Crusoe” überhaupt erst inspiriert wurde: Das Ziel des mittelmäßigen Films und vor allem der launigen Serie war es durchgehend, ein leicht verdauliches Familien-Abenteuer zu servieren, das auch mal zum Lachen einlädt. Vor wenigen Wochen stimmte Showrunner Zack Estrin im Gespräch mit der Zeitschrift Empire darauf ein, dass sich das bei seinem Projekt nicht ändern wird. “Die Serie hat einen optimistischen Grundton und wird mehr 'Star Wars' als 'Star Trek' sein", sagte er und meinte natürlich die neuen “Star Wars”-Filme, die dank Disney zu wahren Familien-Filmen wurden.

Wer einen spaßigen, leicht gelaunten Serienabend auf dem heimischen Sofa veranstalten möchte, sollte aber nicht nur Estrins Worten vertrauen, sondern zusätzlich folgende Punkte überprüfen: Möchte ich, dass meine Kinder sehen, wie einer Frau in der ersten halben Stunde mittels Skalpell das Bein aufgeschnitten wird? Möchte ich, dass meine Kinder sehen, wie ein kleines Mädchen langsam in einem See eingefroren erstickt? Oder wie ein anderer Junge in einem brennendem Wald von einem bedrohlichen Roboter ins Visier genommen wird? Sollten Sie einen der Punkte als bedenklich ansehen, sollten Sie “Lost in Space” von Netflix womöglich doch lieber ohne die Kleinen schauen. Dann kann die Weltraum-Odyssee genossen werden. Jedenfalls in einer Hinsicht. 

Einmal mehr beweist der Streaming-Dienst nämlich, wie viel Vertrauen und Geld in die eigenen Produzenten gesteckt werden. In einer filmischen Anfangssequenz wird der Zuschauer in Hollywood-ähnlichen Bildern par excellence in eine Geschichte geschmissen, die von Sekunde eins an schön anzuschauen ist. Die hohen Anforderungen an die Visualisierung wurden auch zu keiner Zeit vernachlässigt. Geliefert werden also wunderschöne Welten, ein hochdetaillierter Roboter und filmische Spielereien, die ein gewisses Kleingeld gekostet haben dürften.

Traurigerweise wurde aber vergessen, auch noch etwas Geld ins Autorenteam zu stecken, das aus Matt Sazama (“The Last Witch Hunter”) und Burk Sharpless (“Power Rangers”) besteht. Beide kommen aus der Ecke des höherwertigen Trash-Films und lassen das die Zuschauer durchaus spüren. In der Branche kann oft gehört werden, wie viele Freiheiten Streaming-Anbieter wie Amazon und Netflix ihren Machern lassen. Doch in Produktionen wie diesen zeigt sich, dass sich der Geldgeber auch gerne mal etwas genauer angucken kann, wo das Budget endet. In einem Panorama mit wunderschönen Bildern? Geschafft. In einem vernünftigen Drehbuch? Ganz und gar nicht. Ihr Storytelling vermiest ein Remake, das ein großartiges für Netflix hätte werden können.

Diese Enttäuschung haben Sazama und Sharpless hinbekommen, indem sie die Vorlage mit Füßen getreten haben. Dass “Lost in Space” nun ernster ist als die Vorgänger, kann noch verschmerzt werden. Jedoch wurden die Charaktere der Familie Robinson einmal durch den Fleischwolf gedreht und zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Nicht nur, dass sie ihren Vorgängern somit nicht mehr ähneln, machen sie so auch keinen Sinn. Die Familie wirkt nicht wie eine Familie, sondern wie eine Gruppe Einzelgänger, die sich irgendwie miteinander arrangieren muss. Damals hatte der Zuschauer noch das Gefühl, dass er, wenn er auf einem fremden Planeten stranden würde, das gerne mit den Robinsons täte. Nun würde er wohl lieber einsam auf eigene Faust losziehen. 

Ein großes Plus sind immerhin die Darsteller. Allen voran Molly Parker als Mrs. Robinson, die bereits in Serien wie “Deadwood”, “Dexter” und “House of Cards” gezeigt hat, was für eine Bereicherung sie ist. Doch auch sie trösten nicht darüber hinweg, dass der eigentliche Sinn hinter “Lost in Space” nicht mehr aufgegriffen wird. Die Geschichte wurde als Familienabenteuer erfunden, in dem all die Dynamiken aufgezeigt werden sollen, die solch ein Ereignis für die Gruppe mit sich bringt. Dabei ging es auch um Empathie und Selbstreflexion. Beides Dinge, die in dieser Serie ausgerechnet ein Roboter am besten in sich vereint.

Die zehn Folgen der ersten Staffel von "Lost in Space" stehen ab sofort bei Netflix zum Abruf bereit.

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