Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit ihren Eltern auf der Couch und schauen zum Ausklang der Woche einen Film. Die Atmosphäre ist entspannt, es wird über dieses und jenes gelacht. Bis die Protagonisten plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, damit beginnen, sich auszuziehen. Niemand greift zur Fernbedienung, um umzuschalten. Sie können es vermutlich erahnen, dieses Gefühl der unbändigen Peinlichkeit, die den Raum von der einen auf die andere Minute erfüllt - neben all dem Stöhnen, das aus dem Fernseher kommt. Es ist ein nicht enden wollender Augenblick. Und eben dieser Augenblick ist die neue Sex-Drama-Comedy "Wanderlust", die neuerdings bei Netflix zu sehen ist. Passenderweise mit sechs Episoden à 60 Minuten.

Die mit der BBC koproduzierte Geschichte über das langjährige Ehepaar Joy (Toni Collette, "Hereditary") und Alan (Steven Mackintosch, "Luther"), bei denen es im Bett nicht mehr so recht klappen mag, macht schnell deutlich, warum Sie "Wanderlust" auf keinen Fall mit der ganzen Familie schauen sollten: Die ersten zehn Minuten drehen sich ohne große Einführung um zwei Menschen, die in genierlichen Situationen beim Masturbieren erwischt werden. Einmal ist es Mutter Joy selbst, während ihr Sohn hereinplatzt, in einer anderen Situation sieht man einen Arbeitskollege von Alan. Beides unfassbar unangenehme Momente, die die Atmosphäre für die komplette Restlaufzeit festsetzen. Die zweite Hälfte der Folge zeigt schließlich auf, wie sich besagtes Ehepaar gegenseitig betrügt. Dies geschieht nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem Schmunzeln und einer Leichtigkeit, die bei dem Thema ungewohnt wirkt.

Womöglich spricht es für die eigene Unreife, wenn während des Schauens solcher Sexszenen ein Unwohlsein aufkommt. Das wäre jedenfalls ein Argument. "Wanderlust" ist jedoch der filmische Beweis, dass es auch schlicht daran liegen kann, dass es die miteinander rumtreibenden Hauptdarsteller in einer Art darstellen, in der man sich selbst nicht wiedersehen möchte. Es geht um das Erwischtwerden und um das Ausleben sexueller Fantasien, die eine Partnerschaft belasten können. So stellen Joy und Alan nach der Beichte ihrer Seitensprünge fest, dass es so nicht weitergehen kann. Sie haben partout keine keine Lust mehr darauf, miteinander zu schlafen. "Dann hören wir eben auf damit!", schlägt Joy vor und bietet ihrem Mann sogleich an, dass sie doch einfach mit anderen Leuten schlafen können. Die Ehe soll aber intakt bleiben.

Ein mutiger Ansatz, der "Wanderlust" schnell von einer typischen RomCom zu einer überaus erwachsenen Dramedy wachsen lässt, die ihre Zielgruppe jedoch nicht ganz fokussiert. Denn neben der besonderen Ehe werden leider auch Nebenstränge wie die des Sohnes eingeflochten, der in seinen jungen Jahre seine ersten Schritte in Richtung des weibliches Geschlecht wagt. Leider, weil der Fokus dadurch verlorengeht. Wo die Story ihre Spannung aus der Entwicklung der offenen Beziehung entwickelt, mischen sich immer wieder Teenager-Probleme unter, die es so oder so ähnlich bereits in unzähligen anderen Produktionen zu sehen gab. Die Floskel "weniger ist mehr" trifft hier ganz gut zu.

"Wanderlust" basiert auf Nick Paynes 2010 entworfenem Theaterstück und kommt nun acht Jahre später zum richtigen Zeitpunkt auf die ganz große Bühne. Denn in einer Welt, die sexuell immer offener wird, ist es schlussfolgernd richtig, auch über Polyamorie zu reden. Joy und Alan entscheiden sich nämlich dazu, mit anderen Personen zu schlafen, was aber nichts daran ändert, dass sie scheinbar noch Gefühle für einander haben. Nicht jeder kann sich das leicht vorstellen. In diesem speziellen Fall ist es sogar so, dass Joy und Alan erstmal keinen Sex mehr miteinander haben und somit eher wie verheiratete Freunde wirken. Glaubwürdig wird es aber vor allem dadurch, dass Collette und Mackintosh das Ehepaar so darstellen, als handle es sich um die lieben Nachbarn von nebenan.

Doch ganz gleich, ob man dem gezeigten Ehe-Modell nun etwas abgewinnen kann oder nicht, so appelliert die Serie zumindest daran, sich öfter mal mit dem Partner zu unterhalten. Nicht nur darüber, wie der Tag war und wie schlimm es derzeit im Büro ist. Sondern vor allem darüber, was man eigentlich selbst möchte und von seinem Gegenüber erwartet – in jeder Hinsicht. Fehlende Kommunikation führt dazu, dass Dinge mit der Zeit unangenehmer werden und schließlich ganz zerbrechen können. Die Regisseure Luke Snellin ("Mixtape") und Lucy Tcherniak ("The End of the Fucking World") haben dies erkannt und in ebenso verständlichen wie ehrlichen Bildern zusammengefasst. Ein gemeinsamer Binge-Watching-Abend mit Kind und Kegel kann dennoch nicht empfohlen werden.

Die erste Staffel von "Wanderlust" kann ab sofort bei Netflix gestreamt werden.