Dogs of Berlin © Netflix/Katja Kuhl
DWDL.de-Serienkritik

"Dogs of Berlin": Hunde, die bellen, reißen nichts

 

All die Coolness allein reicht nicht, um die Schwächen der zweiten deutschen Netflix-Serie zu verzeihen: "Dogs of Berlin" ist so glaubhaft und "gut" wie RTL-Katastrophenfilme früherer Jahre. Unsere Kritik...

von Thomas Lückerath , Berlin
07.12.2018 - 08:14 Uhr

Es dauert keine fünf Minuten und man beginnt den Quatsch zu hinterfragen. Nein, also nicht falsch verstehen bitte: Man kommt schon flott durch die erste Folge der zweiten deutschen Netflix-Serie „Dogs of Berlin“. Aber man erahnt schnell, dass die Serie von Christian Alvart (der auch Til Schweigers Kino-„Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ verantwortete) mit seinem Plot zu flott durch die Hauptstadt rast und dabei links wie rechts Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit ein bisschen zu stark touchiert.

Also, wo sind wir nach fünf Minuten? Felix Kramer in der Rolle des Polizisten Kurt Grimmer trifft spätabends am Tatort eines Verbrechens ein. Im Arm: ein Baby. Das hat er gerade aus der Wohnung mitgenommen. Die Mutter guckt zwar gleich nebenan fern, aber er sah aus dem Kinderzimmer der Hochhaus-Wohnung in Marzahn Blaulicht am Ende der Straße - und verlässt das Haus in Adiletten und nimmt das Baby mit. Wer würde sein Baby schon bei der Mutter lassen, wenn man es mit an den Tatort eines Mordes nehmen kann - ein Drehbuch aus der Hölle.

„Dogs of Berlin“ beginnt mit dem Mord an einem deutschen Fußball-Nationalspieler mit türkischem Migrationshintergrund am Abend vor dem Länderspiel Deutschland-Türkei. Polizist Grimmer wittert am Tatort so gleich eine Chance, drängende Schulden bei zwielichtigen Gestalten loszuwerden, wenn bis zum Spiel niemand vom Tod des Star-Spielers erfährt und er auf Sieg für die Türkei tippt. Sein Ermittlerkollege Erol Birkan (im Rahmen der Möglichkeiten des Buches gut gespielt von Fahri Yardim) wird eingeführt durch eine Drogen-Razzia, die anders läuft als geplant. Das ist wiederum so vorhersehbar wie die Grundkonstellation eines ungleichen Ermittlerpaars in deutschen Krimis ausgelutscht.

Man erwischt sich bei dem Gedanken: Hat es dafür wirklich Netflix gebraucht? „Dogs of Berlin“ ist sehr gewöhnlich, könnte auch woanders laufen. Eigentlich sei die Serie mal mit Blick auf die ARD entwickelt worden, heißt es. Da hat der Herres aber Glück gehabt. Die Geschichte ist leider eine unwirkliche Aneinanderreihung von Inszenierung - eine authentische Atmosphäre wie sie „4 Blocks“ erschaffen hat, fehlt. Stattdessen häufen sich schon in der ersten Folge Zufälle, Klischees und Plattitüden. 

„Ich kann nicht alle auf die Bühne holen, sonst sitzt keiner mehr im Publikum“, scherzt Showrunner Christian Alvart am Donnerstagabend bei der Premiere im Berliner Kino International. Es kommen dann trotzdem mehr als 50 Leute nach vorne - und im Publikum sitzen noch weit mehr Macher. Das erklärt die Begeisterung im Saal nach der gezeigten ersten Folge von „Dogs of Berlin“. 

Es ist ja ganz flott erzählt und sieht cool aus, wenn auch nicht halb so außergewöhnlich wie man es sich hätte erhoffen können für den zweiten Netflix-Aufschlag in Deutschland. Nach einem Meisterwerk wie „4 Blocks“ von TNT Serie wirkt „Dogs of Berlin“ wie die Aldi-Variante dessen. Nix gegen Aldi, ist auch gut. Kennt jeder; wird man auch gut satt von. Aber man ahnt, es gibt alles auch in besser. Und es wirkt komisch, wenn die selbsternannte Boutique des Besonderen, Netflix, so etwas auftischt. Zu Aldi gehen, geht auch ohne Netflix. 

Es wäre als flottes Abenteuer auch insgesamt leichter verdaulich, wenn man sich nicht am ganz großen Rad verheben würde (Rassenkrieg, gesellschaftliche Spaltung etc), wie ein dramatischer Einstieg in die Serie andeutet - bevor man nach dem wirklich ja noch nie gesehenen Kniff „Sieben Tage zuvor...“ erzählt. Es fehlt die Vorstellungskraft, dass die dafür nötige Eskalation und Story-Entwicklung in den weiteren Folgen glaubwürdiger rüberkommt als mancher RTL-Katastrophenfilm der Vergangenheit. 

Überhaupt: „Dogs of Berlin“ wirkt als hätte sich das RTL von vor zehn Jahren daran probiert. Das hätte damals auch irgendwie seine Fans gefunden, aber heute taugt „Dogs of Berlin“ dank besserer Berlin-Serien eher als Motivation für Wettbewerber: Netflix kocht auch nur mit Wasser. Dass deren Serien - so auch diese - gleich allen Abonnenten weltweit zugänglich ist, wirkt plötzlich weniger verheißungsvoll als besorgniserregend. Dem Image deutscher Serien hilft das nicht. 

Also wirklich: Dass dem Kommissar später in der Nacht irgendwo in Berlin zufällig ein Hund vors Auto kommt, er voll in die Bremsen geht und den Hund aufnimmt, um schnell vor Ende der ersten Folge aus dem Off die Titel-gebende Küchenphilosophie von sich zu geben, ob wir Menschen eigentlich anders als Hunde eine Wahl hätten oder uns auch dem Schicksal ergeben, ist schon gestelzt genug. Dass der Hund dann in Folge Zwei auch noch den Finger auskotzt, der - halten Sie sich fest -  dem ermordeten Fußballspieler fehlt, ist fast schon einen Goldenen Günter wert. Ziemlich ui-jui-jui.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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