Sex Education © Netflix
DWDL-Serienkritik

"Sex Education" mit Gillian Anderson: Jetzt mal Tacheles

 

Wer in einer Serie über Sex endlich auch mal etwas über sich, seinen Körper und die schönste Nebenbeschäftigung der Welt lernen möchte, hat mit "Sex Education" die nächste Serie zum bingen. Gillian Anderson ist die Kirsche auf dem Eisbecher der Liebe.

von Kevin Hennings
12.01.2019 - 15:15 Uhr

Erinnern Sie sich noch an ihre ersten Schamhaare? An die reichlich verwirrten Tage, an denen Sie im puren Gefühlschaos versanken und zusätzlich auch noch Hausaufgaben machen mussten? An die unzähligen Situationen, in denen Sie sich fragten wo zur Hölle all der Schweiß herkommt und wie viele Duschen noch nötig seien, bis das endlich mal aufhört? Hach, die Pubertät. Eine – mit gewissem Abstand – amüsante und aufregende Zeit. Bevor das Erwachsenenleben mit Steuern, Darmspülungen und politischen Diskussionen auf Twitter begann, bestanden die größten Probleme noch daraus, dass man dank seinen Akneproblemen keine Chance bei Isabel von nebenan hat und dass es auch ohne Mitesser nicht viel besser laufen würde, da die Fallhöhe zum perfekten Kuss ohne Übung viel zu gigantisch ist.

 

Viele Filme und Serien haben bereits erkannt, dass dieses Thema enormes Potenzial bietet – wie beispielsweise an der "Eis am Stiel"-Reihe gesehen werden kann, die schon Ende der 70er ins Rollen gebracht wurde. Doch anspruchsvolle Unterhaltung und Aufklärung zugleich konnte kaum ein Projekt in sich vereinen – selbst Filme wie "American Pie" waren durch ihre Fremdscham-Situationen lediglich lustig. Mit der neuen Netflix-Serie "Sex Education" gibt es ab heute allerdings eine weltweit abrufbare Serie, die sich dem Thema mit seiner Plumpheit paradoxerweise so charmant annähert, wie schon lange nichts mehr. 

Diese Plumpheit ist nicht in einem simplen Pipi-Kacka-Ficki-Ficki-Humor begründet, sondern damit, dass das clickbaitträchtige "Sex Education" von Minute eins an mit Geschlechtsteilen aus allerlei Perspektiven prahlt. Hier ein großer Penis, der vor einer ganzen Schule präsentiert wird, dort wackelnde Brüste einer fürsorglichen Freundin, die nichts mehr möchte, als dass ihr Geliebter nun endlich mal kommt. Es geht heißer her, als in jedem "50 Shades of Grey"-Ableger, wo lediglich Silhouetten im Abendlicht angedeutet werden. Zugegeben: All dies mag im ersten Moment ebenfalls nach einer x-beliebigen Teenagerschmonzette klingen. Und auch die Grundstory hilft nicht unbedingt dabei, Argumente für die Gegenseite zu sammeln: Diese dreht sich nämlich um den jungen Otis Thompson (Asa Butterfield, "Hugo Cabret") der nicht nur für Frauen zu schüchtern ist, sondern selbst dafür, um im eigenen Zimmer zu masturbieren. 

Doch anstatt bei der bekannten Erzählung einer zurückhaltenden Jungfrau zu bleiben, ergänzt "Sex Education" das Story-Konzept um etliche ungewöhnliche Punkte. So ist Otis Mutter, die von niemand geringerem als der wunderbaren Gillian Anderson ("Akte X") gespielt wird, eine ausgebildete Sexual- und Beziehungstherapeutin. Mit all ihrer Klasse verkörpert sie eine starke, alleinerziehende Mutter, die mit ihren 50 Jahren mehr Sex hat, als sich Otis je wünschen könnte. Durch einen für Otis ärgerlichen Zufall erfährt ausgerechnet einer der größten Schul-Asis, was für einen Job seine Mutter ausübt, was er prompt der gesamten Schule mitteilt. Doch in all der Scham erkennt eine Person, dass Otis einiges von seiner Mutter gelernt hat und engagiert ihn zum Sextherapeuten, der künftig gegen ein gewisses Taschengeld die Horde pubertärer Schüler berät.

Durch diesen witzigen Twist kann "Sex Education" jeden Skeptiker überraschen und zeigen, dass Serien, in denen Jugendliche und Sex vorkommen, nicht direkt peinlich sein müssen. Die Gag-Qualität in der von Laurie Nunn erdachten Erzählung ist tatsächlich so fein, dass wirklich jeder Charakter ernst genommen werden kann. Schlicht blöd ist nicht einmal der Schul-Asi. Dadurch entsteht eine Dynamik, die nicht nur smart-lustige Situationen begünstigt, sondern auch einen tieferen Einblick in die Seelen der geschlechtsreifen Schüler gibt.

So hängt ein Protagonist nicht nur deswegen seinen Penis in die Kamera, damit der Zuschauer "hö hö, Pimmel!" denken kann, sondern weil er davor tatsächlich einen gewissen Prozess durchgemacht hat, der ihn an diesen Punkt bringt. Und so erzählt "Sex Education", ganz seinem Titel entsprechend und plötzlich gar nicht mehr clickbaitträchtig, immer wieder Geschichten aus der Pubertät und hält sowohl pfiffige als auch philosophische Lösungsansätze für die verschiedensten Situationen parat. Selbst für die erwachseneren Zuschauer unter uns muss sich in diesen Geschichten nicht nur Nostalgie verstecken, sondern im besten Falle auch der ein oder andere Tipp, der das eigene Körperbewusstsein steigert. Diejenigen, die sich momentan in der Pubertät befinden, können in "Sex Education" wahrlich eine Offenbarung erleben, die "Dr. Sommer" nie bieten konnte.

Die achtteilige erste Staffel von "Sex Education" steht ab sofort bei Netflix zum Streaming zur Verfügung. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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