Quicksand © Netflix
DWDL.de-Serienkritik

"Quicksand" auf Netflix: Schulmassaker mit Lernkurve

 

Mit "Quicksand" startet heute die erste Netflix Original Serie aus Schweden. Zum Thema hat sie sich einen Amoklauf in einer Stockholmer Hochschule genommen, der das gleiche Gefühl vermittelt wie die vielen echten. Eine Serie, aus der jeder etwas lernen kann.

von Kevin Hennings
05.04.2019 - 16:38 Uhr

"Diese Serie könnte Ihr Empfinden verletzen". Mit schwarzen Texttafeln, die mit Warnungen wie diesen bestückt sind, gewann "Tote Mädchen lügen nicht" an flächendeckender Aufmerksamkeit. Das Netflix Original um Hannah Baker, die durch Suizid ihr Leben verlor, war dementsprechend ein äußerst kontroverses Gesprächsthema. Nun schlägt das erste schwedische Original "Quicksand" in die gleiche Kerbe: In einer High School in Schweden fallen Schüsse, mehrere Schüler sterben. Inmitten einer Blutlache sitzt die 18-Jährige Maja Norberg (Hanna Ardéhn), die keinerlei emotionale Regung zulässt, bis auf vereinzelte Tränen, die ihr die Backe hinunterlaufen.

In einer unangenehm ruhigen Kamerafahrt wird Bild für Bild ergründet, was sich neben ihr abgespielt hat. Starre Körper umzingeln sie, leere Patronenhülsen dazwischen. Szenen, wie es sie in den vergangenen Jahren viel zu oft in der Realität gab. In Winnenden, Parkland, Jokela und zahlreichen anderen Bildungseinrichtungen. Die Liste von Amokläufen an Schulen ist in der Tat eine erschreckend lange, die zu allem Übel seit den 90ern auch immer länger geworden ist. "Quicksand" musste also vor allem eines werden, um nicht der plumpen Aufmerksamkeitserhaschung bezichtigt zu werden: Einfühlsam.

Ein derart schweres Thema braucht Raum, um erzählt zu werden. Während viele andere Serien die Gunst der Gnade haben, könnte einem Projekt wie "Quicksand" bereits ein schlecht geschriebener Nebencharakter zum Verhängnis werden. Glücklicherweise waren die Schöpfer um Headwriterin Camilla Ahlgren ("Die Brücke") in ihrem vorherigen Leben wohl Uhrenmacher. Anders ist es kaum zu erklären, wie behutsam alle Elemente der Drama-Serie zusammengesetzt wurden.

"Quicksand" ist eine schlicht beeindruckende Produktion. Mit Maja als Protagonistin, die für die Mordreihe in Stockholm verantwortlich gemacht wird, sich selbst aber gar nicht genau erinnern kann, wie es dazu kam, wird in angemessener Zeit zusammen mit ihr ergründet, was vor sich ging. Es wird zwar schnell klar, dass sie absolut Mitschuld an der Tragödie trägt. Verurteilend inszeniert wird vor allem zum Anfang jedoch nichts. Im Fokus der Kamera steht lediglich ein junges, verwirrtes Mädchen, mit dem geredet werden muss.

Damit wird gleichzeitig auch die größte Stärke von "Quicksand" angesprochen. Es wird versucht, zu verstehen, was in den Köpfen der Akteure vor sich geht. Es wird tief in die Flashback-Kiste gegriffen, um all die Facetten dieser Geschichte aufzudröseln. Dabei schwingt nicht nur einmal die Aussage mit, dass es zu den Aufgaben der Erwachsenen gehört, bereits vor einem Amoklauf mit ihren Kindern zu reden. In den insgesamt sechs Episoden wird eindrucksvoll gezeigt, welche Macht Worte besitzen.

Während "Quicksand" mit seinem Drehbuch glänzt und kaum Schwachstellen offenbart, geht die allgemeine Optik etwas tölpelhafter in seinen Erklärungen vor. So sind die positiven Rückblenden äußerst farbenfroh, während die düsteren Amoklaufbilder in eine graue Masse getunkt werden. Selbst der Hinterletzte erkennt in dieser Serie, was eine bestimmte Szene mit dem Zuschauer vor hat. Das ist vor allem deswegen so schade, weil der komplette Rest der Geschichte derart harmoniert, dass diese Bildsprache oft aus der detaillierten Erzählweise herausreißt.

Ein anderer Punkt wirkt anfangs etwas erzwungen, macht im Laufe der Serie aber immer mehr Sinn: Die für den Amoklauf verantwortlichen Teenager kommen aus guten Elternhäusern, in denen auch Geld keine Rolle spielt. Neben Maja wäre da noch ihr neuer Freund Sebastian (Felix Sandman). Sein Vater ist sogar so absurd reich, dass die beiden in ihrer anfänglichen Turtelphase einfach mal für ein paar Wochen auf seiner Yacht herumschippern. Das Geld jedoch kein Lebensglück kaufen kann, beweist Sebastians Verhalten sehr schnell: Trotz all den Vorzügen, die er dank seines Vaters erleben darf, hat er mit schweren Depressionen zu kämpfen.

Und so wäre es zu leicht, zu sagen, dass "Quicksand" lediglich mit schönen Bildern um sich werfen möchte. Es ist vor allem der Kontrast, der aufgebaut wird, der zum Finale hin immer wichtigere Ausmaße annimmt. Menschen jeder Lebensschicht können Depressionen erleiden und sich und anderen Menschen etwas antun. Dafür schafft die Adaption des Romans "Im Traum kannst du nicht lügen" ein wundervolles Verständnis.

Die erste Staffel von "Quicksand" steht ab sofort bei Netflix zum Streaming zur Verfügung. 

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