Wo ist nur mein Schatz geblieben? © Radio Bremen/ARD Degeto-Christine Schroeder
Letzter Fall für Postel und Mommsen

Abschied vom Bremer "Tatort": Am Ende war es Erlösung

 

Seit 20 Jahren ermittelt Sabine Postel im "Tatort", die meisten davon an der Seite von Oliver Mommsen. Doch jetzt ist Schluss - und das ist nicht wirklich schlimm, findet Hans Hoff, denn mit der Zeit passte im Bremer "Tatort" nur noch selten etwas zusammen.

von Hans Hoff
22.04.2019 - 10:01 Uhr

„Halt dich einfach raus, dann wird alles wie früher.“ Das sagt Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) irgendwann zu seiner Mit-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), aber natürlich wird nichts wie früher. Weil sie sich nicht raushält, weil sie das gar nicht kann, weil es halt, man weiß das aus der Programmpresse, der letzte Fall dieses nordischen Ermittlerpärchens ist, der 34. gemeinsame, der 39. für Lürsen. Seit Ende 2001 sind die beiden ein „Tatort“-Paar, aber damit ist nun Schluss. Notfallmediziner würden das sachgerecht nüchtern über die Bühne bringen: „Zeitpunkt des Todes: Ostermontag 2019, 21.45 Uhr.“ Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erst recht, wenn es inhaltlich schon ein bisschen streng riecht.

Auch der Inhalt des Bremer „Tatort“ steht mittlerweile in keinem Verhältnis mehr zu seiner 20-jährigen Geschichte. Oder erinnert sich jemand an einen Bremer Fall der jüngsten Zeit, über den man am Montag danach unbedingt mal mit den Kollegen reden wollte, weil man ihn so großartig fand?

Doch, ja, es wird sich der eine oder andere finden lassen mit einer Vorliebe für Inga Lürsen und ihren Nils Stedefreund. Besonders Menschen im Norden pflegen ja einen sehr eigenen Geschmack. Ich sage nur Labskaus mit Rollmops.

Aber auch den Bremen-Fans sei gesagt, dass der Tod ein sehr guter Freund des Fortschritts ist, auch und gerade im Fernsehen. Wo nichts geht, geht irgendwann nichts mehr. Wo nichts geht, kann nichts kommen.

Die letzten drei Absätze sind nicht neu. Sie stammen von diesen Seiten, aus dem Jahre 2017, aus einem Plädoyer fürs Aufhören. Damals hatte gerade die Meldung die Runde gemacht, dass es mit den Bremern nun bald zu Ende gehen werde. Verbunden war die damalige Beschreibung mit der Forderung, dass allen künftigen „Tatort“-Pärchen schon bei der Premiere ein Maximalhaltbarkeitsdatum umgehängt werden möge, das unterschritten werden darf, wenn deutlich wird, dass die Protagonisten vorzeitig altern.

Man könnte dann vermeiden, dass es zugeht wie bei den Bremern, wo man schon früh mit dem Experimentieren begann, weil sich aus dem Pärchen selbst zu wenig Stoff saugen ließ. Das wurde ansatzweise schon 2013 deutlich, als Lürsen kurz einen Lover an die Seite gestellt bekam. Das aber geschah nur, damit dieser schon früh in der Folge auf dem Polizeiklo sein Lover-Leben aushauchen konnte. Man schläft nicht mit einer Fernsehkommissarin. Merke!

Damals kehrte Stedefreund gerade von einem Afghanistan-Einsatz zurück und brachte ein gehöriges Kriegs-Trauma mit. Das war jedenfalls die Geschichte, die vor sechs Jahren erzählt wurde.

Dass irgendetwas an dieser alten Geschichte nicht ganz stimmen kann, wird nun in der letzten Folge ein gewichtiges Thema. Als unter einer frisch gegossenen Straßendecke die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt wird, kommt mit zu Tage, dass Stedefreund ein düsteres Geheimnis in sich trägt. Was verheimlicht er seiner Partnerin, der er irgendwann den Eingangssatz zuschleudert? „Halt dich einfach raus, dann wird alles wie früher.“ Und welche Rolle spielen die dubiosen BKA-Ermittler, die unbedingt wollen, dass Lürsen und Stedefreund ihre Ermittlungen einstellen, weil sie sonst einen verdeckten Ermittler gefährden würden?

Wo ist nur mein Schatz geblieben?© Radio Bremen/ARD Degeto/Christine Schroeder

Es geht wild durcheinander, und am Ende gibt es einen Showdown aus der Til-Schweiger-Klasse. Viel Krawumm, wenig Inhalt. Spannung gleich null. Bis dahin darf man den Kommissaren und dem sonstigen Personal beim Austausch von Stanzen zuschauen und wird das Gefühl nicht los, dass Regisseur Florian Baxmeyer, der mit Michael Comtesse auch das Buch schrieb, irgendwann die Verzweiflung gepackt haben mag, weil er die ganzen losen Enden, die er irgendwo ausgelegt hat, am Schluss nicht mehr zusammenbekam.

Nach dem Schluss ist es dann wie mit dem Opa, der sehr lange mit dem Krebs gekämpft hat und dafür sehr viel erdulden musste. „Am Ende war es Erlösung“ steht dann in der Todesanzeige, und das passt auch auf diesen „Tatort“, was ein bisschen schade ist, denn wenn man mal genau in die Archive schaut, dann stellt man fest, dass es allen schlechten Erinnerungen zum Trotz durchaus Zeiten gab, in denen die Bremer veritable Ergebnisse vorweisen konnten. Es gab da tatsächlich Folgen, die sich sehen lassen konnten, die man ohne Probleme ins Schaufenster öffentlich-rechtlicher Qualitäten hätte stellen können.

Da waren tolle Bilder zu sehen, überragende Nebenfiguren und feine Geschichten, denen man aber immer weniger zutraute, weshalb viel zu oft alles mit einer gewissen Tragiksoße überbacken werden musste. Mit der Zeit passte da immer weniger immer seltener zusammen. Ja, es gab noch Lichtblicke, aber sie wurden halt immer häufiger schon kurz nach ihrem Entstehen von einer Art Schwarzem Loch verschluckt.

Hätten Lürsen und Stedefreund ihren Abgang vor fünf Jahren absolviert, wäre vielleicht noch ein Hauch von Trauer geblieben, weil man da noch eine Ahnung hatte von einer Größe, die nicht nur auf ansehnlichen Quotenbilanzen beruhte, sondern auf inhaltlicher und formaler Qualität.

Aber den Zeitpunkt hat man verpasst, weshalb der Text der Traueranzeige dann doch zwingend ist: Am Ende war es Erlösung.

Das Erste zeigt "Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben?" am Ostermontag um 20:15 Uhr.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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