My Brilliant Friend © HBO
DWDL.de-Serienkritik

So dicht, so roh: "Meine geniale Freundin" ist Emotion pur

 

Man muss den Bestseller von Elena Ferrante nicht zwingend kennen, um dessen Verfilmung zu lieben. Die achtteilige Serie von Saverio Costanzo verzaubert mit höchster Erzählkunst, zwei faszinierenden Frauenfiguren und ihrer ultimativen Ode an die Freundschaft.

von Torsten Zarges
03.05.2019 - 16:27 Uhr

Als der Sunset Boulevard zwischen Beverly Hills und Hollywood im Spätherbst des vorigen Jahres mit Lila und Lenù plakatiert war, kündeten die italienischen Mädchen auf den Megapostern von einer kleinen TV-Revolution: Erstmals öffnete HBO seinen heiligen Sonntagabend, an dem sonst "Game of Thrones" oder "Big Little Lies" laufen, für eine Serie, in der kein Wort Englisch gesprochen wird. Genau genommen noch nicht mal Hochitalienisch, denn "L'Amica geniale" oder "My Brilliant Friend", die Verfilmung von Elena Ferrantes Weltbestseller, ist originalgetreu im neapolitanischen Dialekt mit Untertiteln gedreht.

Der amerikanische Pay-TV-Platzhirsch hatte sich mit der öffentlich-rechtlichen Rai aus Italien zusammengetan, um diese Ausnahme-Koproduktion zu stemmen, die die Telekom nun nach Deutschland holt. Über zehn Millionen Bücher hat die literarische Vorlage weltweit verkauft. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die Erzählung bei aller lokalen Verankerung etwas Universelles in sich trägt: Sie feiert die Freundschaft und spiegelt die Erfahrungen einer ganzen europäischen Nachkriegsgeneration wider. Auch die Serie hält sich an dieses Erfolgsrezept.

Lila Cerullo und Elena Greco, genannt Lenù, wachsen in den 50er Jahren in einem Vorort von Neapel auf – in ärmlichen, um nicht zu sagen bedrohlichen Verhältnissen. Beim Wiederaufbau gilt das Recht des Stärkeren, die mafiösen Strukturen der Camorra breiten sich schnell nach dem Krieg wieder aus, was die Serie freilich nur am Rande erzählt. In der Grundschule werden die Mädchen beste Freundinnen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Die schwarzhaarige Lila ist ein echter Wildfang, für jede Mutprobe und jede Rauferei zu haben. Lenù dagegen ist blond, zaghaft und in sich gekehrt; wenn sie sich mal für einen Moment öffnet, dann steckt meist eine Provokation von Lila dahinter.

So eng das Band der Freundschaft auch sein mag, so stark wächst gleichzeitig eine Rivalität zwischen beiden – erst um die besseren Schulnoten, später um die höheren Erwartungen ans Leben. Zwar ist Lila begabter, doch muss sie früh von der Schule abgehen, um in der elterlichen Schusterwerkstatt mitzuarbeiten. Lenù gelingt es gegen alle Widerstände, eine für Frauen in der damaligen Zeit eher ungewöhnliche höhere Bildung zu erlangen. Sie ist die Ich-Erzählerin, die sich 60 Jahre später an diese einzigartige Beziehung erinnert und – ausgelöst vom plötzlichen Verschwinden der Freundin – die Lebensgeschichte beider Frauen zu Papier bringt. Durch Elenas Perspektive erfahren wir, dass sie stets von Lila fasziniert war und ebenso stark, selbstbewusst und selbstbestimmt sein wollte.

Mit einer beispiellosen Liebe zum Detail zeichnet die Serie den engen Kosmos, aus dem die beiden zentralen Mädchen- bzw. Frauenfiguren hervorgehen und auf den sie immer wieder zurückgeworfen sind. Regisseur Saverio Costanzo, der alle acht Folgen der ersten Staffel inszeniert hat, gelingt eine solche Nähe und atmosphärische Dichte, dass man vor dem Bildschirm förmlich den Staub auf dem Marktplatz fühlt, den Schusterleim riecht und gemeinsam mit Lenù und Lila vor manch erhobener Männerhand zusammenzuckt.

Costanzo hat die Drehbücher zusammen mit drei weiteren Autoren geschrieben – unter ihnen auch Elena Ferrante, bekanntlich ein Pseudonym der Romanautorin, deren wahre Identität nur wenige kennen. Ihren Input zur Serie gab sie per E-Mail. Wie harsch auf den Punkt manche Dialoge geschrieben sind, wie verspielt wiederum andere, und wie feine Nuancen die Figurenzeichnung aufweist, all das ist höchste Erzählkunst. Der relativ große Interpretationsspielraum für den Leser, durch den sich die Vorlage auszeichnet, kommt dabei auch in der Verfilmung zum Tragen, weil insbesondere die Figur Lila etliche Rätsel und Widersprüche behält, die von Ich-Erzählerin Elena nicht vollständig aufgelöst werden.

Analog zum sonstigen Aufwand einer in Caserta bei Neapel für den Dreh nachgebauten historischen Kleinstadt erstreckte sich auch das Casting über viele Monate und tausende Kandidatinnen. Mit seinen vier Hauptdarstellerinnen hat Costanzo Volltreffer gelandet: Ludovica Nasti und Elisa del Genio als kindliche Lila und Lenù haben ab der ersten Szene alle Herzen auf ihrer Seite, auch weil sie längst nicht nur süß, sondern ziemlich hintergründig spielen. Gaia Girace verbindet als jugendliche Lila das eigenwillig Distanzierte gekonnt mit dem Verführerischen. Margherita Mazzucco weiß als Teenager-Lenù die suchende Unsicherheit des Erwachsenwerdens zu projizieren.

Während Weltvertrieb Fremantle die erste Staffel in 56 Länder verkauft hat, laufen bereits die Vorbereitungen zur Fortsetzung namens "The Story of a New Name". Schließlich umspannt Ferrantes komplette Saga von Lila und Lenù vier Romane. Magenta TV lässt seine Kunden übrigens zwischen dem italienischen Original mit deutschen Untertiteln und einer deutschen Synchronfassung wählen. Obwohl letztere handwerklich gelungen ist, gilt die klare Empfehlung dem Original für eine volle Dosis an Gefühl und Authentizität. Was die amerikanischen Zuschauer können, können wir auch.

"Meine geniale Freundin" ist ab sofort in der Megathek von Magenta TV, dem SVoD-Angebot der Deutschen Telekom, abrufbar.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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