Grüße aus 1976 © ZDF/Martin Valentin Menke
DWDL.de-TV-Kritik

"Grüße aus 1976": Nostalgie-Show ohne Green-Screen

 

In dem neuen Format "Grüße aus..." lässt das ZDF Promis und ihre Familien im wahrsten Sinne des Wortes in die Vergangenheit reisen. Der Erkenntnisgewinn ist kaum höher als bei früheren Retro-Shows, doch unterhaltsam ist das originelle Konzept allemal.

von Alexander Krei
11.07.2019 - 23:47 Uhr

Es ist schon eine Weile her, dass das Fernsehen auf einer Nostalgie-Welle ritt. Inzwischen liegen Formate wie "Die 70er"- und "Die 80er-Show" derart lange zurück, dass die Sender gut beraten wären, den Retro-Shows in neuen Retro-Shows gedenken. Vermutlich säßen dann Promis vor Green-Screens und erinnerten sich daran, wie es damals so war, als sie vor Green-Screens saßen und sich daran erinnerten, wie das Leben früher war, als es noch keine Green-Screens gab. 

Dass eine Retro-Show auch ohne Green-Screens funktionieren kann, hat jetzt das ZDF unter Beweis gestellt. "Grüße aus..." nennt sich das neue Format, das seinen Ursprung in Belgien hat und hierzulande von der noch jungen Produktionsfirma Fabiola hergestellt wird. Die Idee ist simpel: In jeder Folge bestimmt der Sender ein Jahr, in das ein Prominenter zusammen mit seiner Familie reist. Weil Zeitreisen jedoch noch immer schwer umsetzbar sind, ziehen sie einfach in ein Haus, das im Stile der damaligen Zeit eingerichtet wurde; natürlich gänzlich ohne Smartphones.

Zur Premiere darf Schauspieler Thomas Heinze nebst Lebensgefährtin Jackie Brown und den drei Kindern ein Wochenende im Jahr 1976 verbringen, was aus Sicht des Senders den positiven Nebeneffekt hat, dass fast alles im Haus im typischen ZDF-Orange gehalten ist. Doch bevor sich die Tür öffnet, steht zunächst eine Fahrt im alten Audi an – und natürlich dröhnen standesgemäß "Hotel California" und "Movie Star" aus den Lautsprechern des blauen Gefährts. Keine Zweifel, das ZDF lässt kein Lebensgefühlt aus.

Im Bungalow angekommen, gibt Heinze wenig später zu Protokoll, das Design der 70er sei eigentlich "nie mein Geschmack" gewesen – wobei ihm seine Farbenblindheit den quietschbunten Overkill zumindest ein Stück weit erspart. Dann wird erst mal erkundet, was die Redaktion so alles ausgegraben hat: Vom Wählscheiben-Telefon bis hin zum grünen Schleim, den sich Heinze gleich mal zielsicher aus der Nase laufen lässt, ist alles dabei. "Grüße aus 1976" wirkt wie ein gelungener Museums-Besuch, Anfassen inklusive.

Grüße aus 1976© ZDF/Martin Valentin Menke

Das Konzept geht auf, auch wenn sich der der Erkenntnisgewinn freilich in Grenzen hält. Im Schnelldurchlauf wird pflichtgemäß abgehakt, was in besagtem Jahr angesagt war: Röhrenfernseher, Rollerblades, "Der große Preis", dazu "Rocky" und ABBA – stets lachend und bisweilen ungläubig kommentiert von der Familie Heinze, die eben nicht vorm Green-Screen sitzt, sondern in einer liebevollen Kulisse, der man als Zuschauer entnehmen kann, dass die Einrichter großen Spaß bei der Arbeit hatten. 

Wenig begeistert ist Tochter Lucille vom Tabak-Konsum, der 1976 noch weit mehr angesagt war als heute. "Dann stinkt unser Essen doch nach Rauch", merkt sie kritisch an, als es ums Rauchen in der Küche geht. Mit dem Toast Hawaii kann sie wenig später allerdings ebenso wenig anfangen, ob mit oder ohne Quarz-Aroma. Bei der Bewertung am Ende des Wochenendes werden die Essensbräuche aber zumindest mit gnädigen fünf Punkten von ihr bedacht. 

Wer eine genaue Chronik des Jahres 1976 erwartet, ist bei "Grüße aus..." gewiss fehl am Platze. Dafür ist das Format zu spielerisch und unterhaltend angelegt. Wirklich tragisch ist das nicht, vor allem wenn die Familie derart viel Freude an der Zeitreise hat wie Thomas Heinze und seine Bande – bestens zu erkennen am Umstyling, das insbesondere Sohnemann Sam erstaunlich ernst nahm. Sein modischer Pagenschnitt wird ihn jedenfalls auch noch weit nach Drehschluss an die 70er erinnern. Immerhin: Die Smartphones gab's nach erfolgreicher Rückkehr ins Jahr 2019 wieder zurück.

Das ZDF zeigt zunächst drei Folgen von "Grüße aus..." donnerstags um 23:00 Uhr.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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