Inside Borussia Dortmund © Amazon
DWDL.de-TV-Kritik

"Inside Borussia Dortmund": Nur dabei statt mittendrin

 

Über eine Saison hinweg durfte der Filmemacher Aljoscha Pause bei Borussia Dortmund durchs Schlüsselloch blicken und die Mannschaft des Bundesligisten hautnah begleiten. Trotzdem bietet seine Amazon-Doku leider zu selten die erhoffte Nähe.

von Alexander Krei
15.08.2019 - 09:38 Uhr

Vermutlich gibt es in der Fußball-Bundesliga kaum einen Verein, der derart emotional aufgeladen ist wie Borussia Dortmund. Insofern ist es nicht die schlechteste Idee, ausgerechnet den BVB in den Mittelpunkt einer Doku-Serie zu stellen. Wenn mehr als 80.000 Fans im Stadion Siege bejubeln oder Niederlagen betrauern, dann entsteht ein Gefühl, das hierzulande seinesgleichen sucht. Erst recht, wenn die Serie von einer Saison handelt, in der aus neun Punkten Vorsprung am Ende zwei Punkte Rückstand werden und die sicher geglaubte Meisterschaft doch noch aus der Hand gegeben wird. Ein dramatischeres Drehbuch hätte vermutlich kein Autor schreiben können.

Doch gerade weil es eben keine Fiktion ist, sondern bittere Realität, gewinnt "Inside Borussia Dortmund" an Tiefe – und obwohl man den Ausgang des vierteiligen Films kennt, so fällt es schwer, nicht mit den Borussen mitzufiebern, selbst wenn man es sonst nicht unbedingt mit dem BVB hält. Das sprichwörtliche Wechselbad der Gefühle, es wird plötzlich greifbar, wenn man in einem Moment in strahlende Gesichter blickt und im nächsten bodenlose Enttäuschung und unendliche Leere spürt. So nimmt das Drama seinen Lauf.

Sowohl Amazon als auch Aljoscha Pause, der Mann hinter "Inside Borussia", bringen einige Erfahrung mit im Bereich der Fußball-Dokumentationen. Mit "All or Nothing" ist es dem Streamingdienst Prime Video in der Vergangenheit gelungen, das Innenleben des sonst so abgehobenen Premier-League-Klubs Manchester City auf beeindruckende Weise zu zeigen. Pause wiederum zeichnete für grandiose Filme wie "Tom meets Zizou: Kein Sommermärchen" oder "Being Mario Götze" verantwortlich. Es konnte also eigentlich nicht viel schiefgehen, wenn sich beide zusammentun, um hinter die Kulissen von Borussia Dortmund zu blicken. 

"Wir spielen wie kleine Kinder"

Leider erfüllt sich der Wunsch nach einem schonungslosen Blick in die Seele der Mannschaft nur bedingt. Zu oft fühlt sich "Inside Borussia Dortmund" an wie ein zu lang geratener "Sportstudio"-Beitrag, weil die Spieler unmittelbar nach Abpfiff auch dem Amazon-Team nichts anderes sagen als den Reportern, denen sie sonst Rede und Antwort stehen, und die Tür in die Kabine zu oft verschlossen bleibt. Besonders deutlich wird das in der zweiten Folge, die Amazon am Mittwochabend als Weltpremiere vor 1.500 Fans im Dortmunder Signal-Iduna-Park zeigte. Gleich mehrfach ist da von einer beeindruckenden Ansprache des Trainers die Rede; zu sehen bekommen die Zuschauer sie leider nicht.

In den besseren Momenten kommt "Inside Borussia Dortmund" dem eigenen Versprechen deutlich näher. "Wir spielen wie kleine Kinder", hört man den Mittelfeld-Youngster Julian Weigl nach der herben 0:5-Niederlage in München sagen. Ähnlich intensiv ist der Film aber meist vor allem dann, wenn es gar nicht um die Spiele geht; wenn etwa Marco Reus im Training schuftet, um nach dem erlittenen Muskelfaserriss so schnell wie möglich wieder fit zu werden oder er beim Besuch des Mannschaftsarztes auf die erlösende Nachricht wartet, wieder auf dem Platz stehen zu können. Sehenswert auch, wie sich Axel Witsel und Paco Alcacer beim Deutschunterricht schlagen.

Davon hätte man gerne mehr gesehen – und noch besteht zumindest die theoretische Chance auf intimere Einblicke, immerhin ist "Inside Borussia Dortmund" mit derart heißer Nadel gestrickt, dass Filmemacher Aljoscha Pause am Mittwochabend nicht mal die Zeit fand, um persönlich bei der Premiere seiner Produktion zu erscheinen, weil er noch an den restlichen Folgen arbeitet. In ihnen wird er auch die wechselvolle Geschichte des Vereins weitererzählen. In besagter zweiter Folge etwa spannt Pause der Bogen vom Abstieg in den 70er Jahren bis hin zum teuer erkauften Champions-League-Triumph 1997. Hier zeigt sich, wie die "echte Liebe" entstehen konnte, die sich der BVB heute auf die Fahnen und Trikots schreibt.

Die glühenden Anhänger des Vereins werden zweifelsohne zufrieden sein mit der Dokumentation, die Prime Video von diesem Freitag an in wöchentlicher Dosierung veröffentlichen wird. Wer jedoch auf die Tiefe von "All or Nothing" gehofft hat, dürfte womöglich ein Stück weit enttäuscht sein, weil den Kameras der erhoffte Blick durchs Schlüsselloch trotz der stattlichen Zahl von 70 Drehtagen leider doch etwas zu häufig verwehrt worden ist und sie oft nicht mittendrin sind, sondern nur dabei. Die Emotionen, die Borussia Dortmund ausmachen - sie bleiben erstaunlich oft auf der Strecke. 

"Inside Borussia Dortmund" ist ab Freitag bei Prime Video zu sehen.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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