23 Morde © Joyn/Volker Roloff
DWDL.de-Serienkritik

"23 Morde": Mit solchen Serien wird Joyn zur Resterampe

 

Jahrelang wartete "23 Morde" auf die Ausstrahlung, nun hat der Streamingdienst Joyn die ursprünglich für Sat.1 produzierte Serie geerbt. Und plötzlich wird klar, weshalb der Sender derart lange zögerte: "23 Morde" ist schlicht nicht sehenswert.

von Alexander Krei / Kevin Hennings
19.08.2019 - 15:34 Uhr

Man kann nicht gerade behaupten, Sat.1 habe in letzter Zeit ein glückliches Händchen mit seinen Serien bewiesen. Nach dem "letzten Bullen" und "Danni Lowinski" sorgte allenfalls noch "Einstein" für ein kurzes Strohfeuer, doch streng genommen war aus dem Schmunzelkrimi mit Tom Beck schon nach der ersten Staffel die Luft raus. Der etwas düsterer angelegte Krimi "23 Morde" schaffte es gar nicht erst auf Sendung, obwohl H & V Entertainment bereits vor rund vier Jahren sechs Folgen produzierte - damals noch unter dem international anmutenden Arbeitstitel "23 Cases".

Aber weshalb bekam das Publikum die Serie bis heute nicht zu Gesicht? Offiziell hieß es, Sat.1 suche noch nach einem geeigneten Sendeplatz. Doch wer sich die zahlreichen Programm-Baustellen des Senders vor Augen führt, kann erahnen, dass es für die Zurückhaltung noch andere Gründe gegeben haben muss. Der gravierendste: "23 Morde" ist einfach unanschaubar – trotz des Hauptdarstellers Franz Dinda, der kürzlich in der Neuauflage von "Das Boot" brillierte. Bei "23 Morde", inmitten einer lustlosen Aneinanderreihung uninspirierter Szenen, wirkt selbst er wie ein Schatten seiner Selbst.

Dabei versprach die Serie im Vorfeld durchaus interessant zu werden, hatte Sat.1 doch eine Produktion in Auftrag gegeben, die sich auf dem Papier wie eine Mischung aus "Das Schweigen der Lämmer" und dem smart durchdachten "Heavy Rain" las. Franz Dinda bekam für seine Performance als Maximillian Rapp eine Hannibal-Lecter-Schablone aufgesetzt, die ihn zum verurteilten Psychoverbrecher machte. Der Polizei soll er bei den Ermittlungen über einen anderen irrsinnigen Killer helfen, der biblische Morde für sich reklamiert. Im Gegensatz fordert Rapp - ebenfalls ganz hannibalesk - Freigang, Frischluft und ein Essen seiner Wahl. Leider führt Dindas Overacting dazu, dass seine Rolle permanent wie die Parodie eines Serienmörder daherkommt. Wirklich ernstzunehmen ist sein Charakter dadurch nicht.

Seltsam wirkt auch das Ermittler-Duo Tara Schöll (Shadi Hedayati) und Henry Kloss (Bernhard Piesk), weil es selbst in den unpassendsten Situationen lieber über sich herfällt, als konzentriert einer schrecklichen Mordreihe nachzugehen. Daher benötigen die beiden auch deshalb Rapps Hilfe, weil sie alleine zu absolut gar nichts in der Lage wären. Während Kloss durchweg kommentiert, wie "Scheiße" doch gerade alles ist, rennt Schöll stets übermotiviert zu ihren demotivierten Kollegen und dem noch trostloseren Staatsanwalt, die allesamt den Eindruck vermitteln, in diesem Moment lieber ganz woanders sein zu wollen.  

"Spüren Sie genauer hin?"

"Ja, leck mich doch am Arsch", haben sie sich in der Serie nicht nur mehrfach gedacht, sondern auch laut augesprochen. Verständlich, müssen die Macher während des Drehs festgestellt haben, dass "23 Morde" zu einer ganz bösen Nullnummer verkommt. Vielmehr haben sie für einen spannenden Thriller unterschrieben und wurden am Ende Teil einer klamaukigen Low-Budget-Veranstaltung. Durch abrupte Szenenwechsel und unpassende Inszenierungen lässt "23 Morde" keinerlei Spannungsgefühl aufkommen, geschweige denn einen dramaturgischen Bogen, der durch die Geschichte führt. 

Wer es bis zum Abspann der ersten Folge schafft, stellt fest, wie minimalistisch die Produktion um "23 Morde" hinter den Kulissen wirklich aufgestellt war. In Anbetracht dieser Tatsache ist es sicherlich schon lobenswert, dass eine Fernsehserie entstanden ist, deren Bildsprache weitaus schlimmer hätte sein können. Fraglich bleibt jedoch, was sich Sat.1 von solch einem kleinen Team erhofft hat. Falls "Qualität" die Antwort auf diese Frage darstellt, beweist "23 Morde" mit Bravour, dass weniger nicht immer mehr ist. 

Besonders deutlich wird das bei der Tonmischung. Da werden im Nachgang Abfluggeräusche an einem Flughafen in einfachster Manier eingefügt oder deplatzierte Rock-Kracher unter achtsame Recherchesequenzen gelegt. Mag sein, dass pornöse Klänge bei einer Liebesszene noch Sinn gemacht haben - beim Gespräch mit Psychohelfer Dinda sind sie definitiv fehl am Platze. Ironischerweise gibt ausgerechnet Maximillian Rapp noch in der ersten Folge die Lösung für all die Probleme zu Protokoll: "Spüren Sie genauer hin", mahnt er - und vor dem Fernseher wünscht man sich, dass auch die Serienmacher diesen Ratschlag befolgt hätten.

Von diesem Montag an hat ein jeder die Chance, sich selbst eine Meinung zu bilden, denn Sat.1 hat die Produktion gönnerhaft an den hauseigenen Streamingdienst Joyn weitergereicht, der dadurch ein Stück weit zur Resterampe verkommt. Man kann nur hoffen, dass "23 Morde" nicht der Maßstab ist für künftige Joyn-Premieren.

"23 Morde" steht ab sofort bei Joyn zum Abruf bereit.

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