Diagnosis © Netflix
DWDL.de-TV-Kritik

"Diagnosis": Weisheit der Crowd gegen tückische Krankheiten

 

Netflix macht eine "New York Times"-Kolumne zur Doku-Serie: Die Ärztin Lisa Sanders setzt in "Diagnosis" Mediziner und Patienten aus aller Welt auf rätselhafte Krankheitsbilder an. Dabei entsteht ein wegweisender Mix aus Spannung, Empathie und fachlicher Tiefe.

von Torsten Zarges
21.08.2019 - 01:00 Uhr

Ohne Lisa Sanders hätte es "Dr. House" vermutlich nie gegeben. Ihre Kolumne "Diagnosis", die seit 2002 wöchentlich im "New York Times Magazine" erscheint, war die ursprüngliche Inspiration für die erfolgreiche Arztserie; sie selbst stand der Produktion als Fachberaterin zur Seite. Dass die von Hugh Laurie verkörperte Titelrolle immer wieder mit Sherlock Holmes verglichen wurde, kam nicht von ungefähr. Sanders ist bekennender Fan der literarischen Detektivfigur und betont gern die Parallelen zu ihrer diagnostischen Arbeit.

Die Internistin und Professorin der Yale University schreibt Woche für Woche über seltene, schwer zu diagnostizierende Krankheitsfälle, hat sich damit eine treue Anhängerschaft aufgebaut und internationale Nachahmer wie etwa die "stern"-Kolumne "Die Diagnose" inspiriert. Die vermittelte Erkenntnis, dass fast jeder noch so hoffnungslose Fall irgendwo eine medizinische Vorerfahrung und damit eine mögliche Lösung hat, wirkt zweifellos motivierend auf leidende Patienten.

Auch wenn die Fälle in Sanders' Kolumne ihre Lösung bereits gefunden haben, lag das Crowdsourcing-Potenzial förmlich auf der Hand: Wie wäre es, die mediale Reichweite zu nutzen, um Mediziner und Patienten aus aller Welt auf ungelöste Fälle anzusetzen? Genau mit dieser Stoßrichtung kamen Netflix und Hollywood-Produzent Scott Rudin ("The Truman Show", "The Social Network") auf die "New York Times" zu, um aus "Diagnosis" eine Doku-Serie zu machen. Im Frühjahr 2018 begann Sanders mit der Veröffentlichung von monatelang gesammelten Fällen und rief die Leser dazu auf, ihre Einschätzungen zu den rätselhaften Erkrankungen zu teilen.

Das Ergebnis – seit wenigen Tagen bei Netflix abrufbar – ist in jeglicher Hinsicht überwältigend. Nicht nur, weil tatsächlich Tausende engagierter und erstaunlich oft auch qualifizierter Antworten eingingen – sondern vor allem, weil den sieben Folgen ein für moderne Doku-Formate wegweisender Mix aus Spannung, Empathie und fachlicher Tiefe gelingt. Jede Folge erzählt in rund 45 Minuten einen gravierenden Fall: Die 23-jährige Angel leidet zeitweise unter so starken Muskelschmerzen, dass jede Bewegung unmöglich ist; die siebenjährige Sadie unter Krampfanfällen, die eine riskante Hirn-OP scheinbar unausweichlich machen; der 46-jährige Willie unter Gedächtnisverlust unbekannter Ursache; oder der 20-jährige Matt unter von Déjà-vus angekündigten Ohnmachtsepisoden, in denen sein Herz für kurze Zeit aussetzt.

Die jeweiligen Protagonisten und ihr familiäres Umfeld bekommen angenehm viel Raum, um sich selbst, ihren Alltag und ihre meist jahrelange Ärzteodyssee – verbunden mit Bergen enttäuschter Hoffnungen und angehäufter Schulden – vorzustellen. Das geschieht ausschließlich im O-Ton und ohne nervigen Off-Kommentar, so dass man als Zuschauer schon ein dickes Fell haben muss, um nicht nach wenigen Minuten mitzufiebern und mitzubangen.

Die Auftritte von Lisa Sanders sind bemerkenswert reduziert. Sie gibt nicht die allwissende Ärztin und marschiert auch nicht als vermeintliche Heilsbringerin bei den Protagonisten auf. Ihre Aufgabe ist es, zu erklären und zu vernetzen. Wenn sie mit den Patienten spricht, tut sie das aus der Ferne per Skype. Und stellt stattdessen – nach kurzen Ausschnitten aus vielen verschiedenen Social-Media-Videos von Crowd-Detektiven – diejenigen in den Vordergrund, die tatsächlich hilfreichen Input beitragen. Das sind mal eifrige Medizinstudenten vom anderen Ende der Welt, mal verzweifelte Angehörige von Menschen, deren undefinierbares Leiden ganz ähnlich zu sein scheint.

Mehrere Hypothesen werden erörtert und verworfen, wobei die Protagonisten stets aktiv involviert sind. In der ersten Folge – so viel Spoiler sei erlaubt – bringt schließlich eine italienische Medizinstudentin, die über Stoffwechselkrankheiten promoviert, die muskelkranke Angel aus Las Vegas auf den entscheidenden Weg, der sie nach Turin in eine auf Gendefekte spezialisierte Kinderklinik führt.

"Diagnosis" verspricht weder schnelle Heilung noch medizinische Wunder und trifft dennoch einen optimistischen Grundton, der sich aus der enormen Hilfsbereitschaft und dem Erfahrungsschatz der Crowd speist. Für die Haltung des Formats ist die Aussage einer kalifornischen Mutter in der vierten Folge prototypisch: "Unsere Kinder werden künftigen Kindern und ihren Eltern helfen, nicht dasselbe durchzumachen, was wir durchmachen mussten." Es tut gut, zur Abwechslung auch mal die positive Kraft von Social Media in Aktion zu erleben. Und es tut gut zu sehen, dass eine unterhaltende Doku-Serie authentisch und mitreißend sein kann, ohne indiskret zu sein.

"Diagnosis" ist bei Netflix im Original und in deutscher Synchro zu sehen.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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