Succession / The Loudest Voice © HBO/Showtime
DWDL.de-Serienkritik

"Loudest Voice" für Einsteiger, "Succession" für Genießer

 

Medien-Dramen am Montagabend: "The Loudest Voice" spielt die Roger-Ailes-Saga mit Russell Crowe im Fatsuit nach. "Succession" zeigt noch mehr shakespearische Überhöhung in Staffel 2. DWDL.de-Chefreporter Torsten Zarges hat einen klaren Favoriten gefunden.

von Torsten Zarges
16.09.2019 - 16:36 Uhr

Offen gestanden: Die Kombination aus Medienjournalist und Serienfan macht mich für bestimmte Stoffe zwingend anfällig. Ich habe Aaron Sorkins "The Newsroom" ebenso verschlungen wie Abi Morgans "The Hour", habe mich bei "Murphy Brown" oder "Back to You" amüsiert und fiebere schon jetzt "The Morning Show" bei Apple TV+ entgegen. Spielt eine Serie hinter den Kulissen des Fernsehens, ist mein Interesse geweckt. Und bleibt selbst dann erhalten, wenn ich kleinere professionelle Ungereimtheiten entdecke.

Für Leute wie mich sind jetzt Festwochen am Montagabend bei Sky Atlantic HD. Die zweite Staffel von "Succession" folgt auf die Miniserie "The Loudest Voice". Beide Male darf man sich als Zuschauer wie ein Mäuschen im innersten Zirkel der Medienmacht fühlen. Gleichwohl sind die Unterschiede gravierend, nicht nur weil eine der beiden Serien komplett fiktiv ist, während die andere reale Personen und Ereignisse nacherzählt. Die Roys bleiben definitiv meine bevorzugte Medienzarenfamilie, die Roger-Ailes-Saga ist dagegen eher Pflichtprogramm.

Aber der Reihe nach. Was "New York Times"-Reporter Gabriel Sherman zunächst in seinen Artikeln, dann in seinem 2014er Buch "The Loudest Voice in the Room" über den US-Nachrichtensender Fox News und dessen Boss Roger Ailes enthüllte, war für viele Leser unfassbar. Der kometenhafte Aufstieg des rechtskonservativen Kanals zur Ertragsperle in Rupert Murdochs Medienimperium ging einher mit dem verstörenden Verhalten von Ailes, der Frauen erniedrigte und missbrauchte, Mitarbeiter bespitzelte, Politiker erpresste und Zuschauer manipulierte. Weil er mit diesem Nachrichtensender neuen Typs gewaltige Gewinne einspielte, blieb er allen Gerüchten zum Trotz lange Zeit unantastbar und musste erst 2016 gehen, ein knappes Jahr bevor er starb.

Zu Beginn seiner Recherchen war es die Faszination für das Phänomen Fox News, die Sherman antrieb. Je tiefer er einstieg, desto größere Abgründe taten sich vor ihm auf. Eigentlich beste Voraussetzungen, um aus dem Sachbuch eine Drama-Serie zu machen, die von Autor Alex Metcalf ("Mindhunter", "Sharp Objects", "UnREAL"), Regisseur Tom McCarthy ("Spotlight", "13 Reasons Why") und Produzent Jason Blum ("Get Out", "Whiplash") gemeinsam mit Sherman entwickelt wurde. Die realen Figuren erweckt eine 1A-Starbesetzung zum Leben: Russell Crowe unter Fatsuit und Latexmaske als Roger Ailes; Naomi Watts als Gretchen Carlson, die langjährige Fox-News-Moderatorin, die Ailes mit ihrer öffentlichen Beschuldigung zu Fall brachte; Seth MacFarlane als Ailes' PR-Chef Brian Lewis; Sienna Miller als Ailes' Ehefrau Beth.

The Loudest Voice© Showtime
Doch allen Mühen zum Trotz funktioniert "The Loudest Voice" lediglich als aufwändig nachgespieltes Doku-Drama, nicht als emotionale fiktionale Reise. Die sieben Episoden zeigen eine Abfolge zentraler Momente von der Fox-News-Gründung 1996 bis zu Ailes' Rückzug, ohne großen Wert auf innere Verknüpfung zu legen. Die besorgt am ehesten Oscar-Preisträger Crowe mit seiner starken schauspielerischen Leistung, die unter all dem Latex noch den Wandel zwischen onkelhaftem Charme und rasender Wut hinbekommt. Scharfsinnig und spannend sind vor allem jene Szenen, die mit dem brillanten Strategen Ailes ins Detail gehen: wie er seinen Sender formt, wie er die Stimmung nach 9/11 ausnutzt, um die Bush-Agenda durchzusetzen, wie er gegen interne Widerstände mit rassistischen Anti-Obama-Botschafen Quote macht. Widerwärtig, aber notwendig sind Missbrauchssequenzen wie die, als Ailes seine Mitarbeiterin Laurie Luhn (Annabelle Wallis) zum Oralsex zwingt und mit der Videokamera filmt. Leider gibt es jedoch zu viele andere Szenen, die in seltsamer Überinszenierung ihre Wirkung erzeugen wollen, ohne die behaupteten Gefühle einzulösen.

Wer sich zuvor bereits mit Ailes und Fox News beschäftigt hat, wird in "The Loudest Voice" nicht viel Neues erfahren. Es hätte der Showtime-Serie möglicherweise gut getan, eine andere Perspektive auf diesen widersprüchlichen Mann zu wählen als seine eigene. Zumindest für Einsteiger taugt das Werk als mediale Geschichtsstunde. Kenner werden die beschriebenen Stärken zu schätzen wissen, sofern sie durchhalten. Und das wahre dramatische Vergnügen einfach in der Stunde danach bei "Succession" genießen.

Succession© HBO
Denn die zweite Staffel von Jesse Armstrongs HBO-Serie über die dysfunktionale New Yorker Familie Roy – die mal mehr, mal weniger an die echten Murdochs erinnert – steht der ersten in nichts nach. Nachdem Kendall Roy (Jeremy Strong), Sohn und Möchtergern-Nachfolger von Medienmogul Logan Roy (Brian Cox), im Finale von Staffel 1 im Drogenrausch den Tod eines Kellners auf der Hochzeit seiner Schwester verursacht hatte, sind Vater und Sohn nun wieder vereint im fieberhaften Abwehrkampf gegen eine feindliche Übernahme von Waystar/Royco. Shiv (Sarah Snook) will endlich an die Konzernspitze, während Roman (Kieran Culkin) ganz von vorn anfangen muss. Die Charaktere sind mit all ihren geheimen Wünschen und Ängsten so präzise gezeichnet, dass sie auch unter shakespearischer Überhöhung nie unglaubwürdig wirken. Und obwohl erfunden, lernt man nebenbei noch, wie selbst ein globales Medienkonglomerat ins Wanken geraten kann, wenn es vom Zynismus, vom Gewinn- und Machtstreben seiner streitenden Eigner bedroht wird.

"The Loudest Voice" läuft montags um 20:15 Uhr auf Sky Atlantic HD, "Succession" direkt im Anschluss um 21:10 Uhr. Die kompletten Staffeln sind jeweils bei Sky Ticket, Sky Go und Sky Q abrufbar.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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