Criminal © Netflix
Länderübergreifende Anthologie-Serie

Neues Netflix-Kammerspiel "Criminal": Kriminell gut

 

Die deutsch-französisch-spanisch-englische Koproduktion "Criminal" steckt Ermittler aller vier Länder jeweils für drei Fälle getrennt in denselben Verhörraum. Dank herausragender Darsteller ist das Resultat besonders hierzulande beeindruckend.

von Jan Freitag
20.09.2019 - 20:50 Uhr

Deutsches Fernsehen ist Kulissenfernsehen – das belegen Jahr für Jahr 2739 aufwändig kostümierte Kulissenfernsehformate vor zeitgeschichtlicher Fototapete. Und falls das Kulissenfernsehen hierzulande einen Todfeind hat, dann ist es, nein – nicht schlampige Ausstattung, sondern: Verwechselbarkeit. Denn die Kernkompetenz des Kulissenfernsehens besteht in einer Art Detailversessenheit, die zwar nahezu jedes neue Stück Historytainment inhaltlich austauschbar macht, optisch hingegen auch im internationalen Vergleich konkurrenzfähig. Das sollte unbedingt beachten, wer sich heute für Netflix entscheidet und nach ein paar Stunden Binge-Watching verwundert die Augen reibt.

Ab sofort zeigt der Streamingdienst nämlich etwas echt Bemerkenswertes: Regisseure aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien haben nach einer Idee der federführenden Showrunner George Kay und Jim Field Smith jeweils drei abgeschlossene Kriminalfälle in Szene gesetzt, denen baugleiche Ausgangssituationen zugrunde liegen: ein/e Tatverdächtige/r, in der Regel nebst Anwalt, verhört auf engstem Raum von zwei bis vier Polizisten, die das Objekt ihrer Ermittlung in 45 Minuten intensiver Befragung überführen. Schon das klingt beispiellos, ist aber nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal dieser Anthologie-Serie. Obwohl die Sprache der Protagonisten national variiert, ist ihr Aufenthaltsort nämlich identisch.

Wenn Peter Kurth als Kölner Immobilienhai, der 1991 im Osten groß geworden ist, 28 Jahre später vom Foyer eines Kommissariats zur Vernehmung geht, sitzt er kurz darauf exakt im selben Raum wie sein schottischer Kollege David Tennant, Spaniens Theaterstar Carmen Machi oder die Französin Margot Bancilhon. Ein Tisch, vier Stühle, wenig Licht, viel Waschbeton – in dieser Dekoration werden alle Ensembles aufs Wesentliche ihrer Arbeit reduziert: Fragen. Hören. Warten. Agieren. Reagieren. Das Resultat sind zunächst mal zwölf Katz-und-Maus-Kammerspiele in einer artifiziellen Atmosphäre, die es in der Realität so wenig gibt wie das riesige Spiegelfenster, hinter dem verborgene Analytiker im Stil der Kommandozentrale eines Bondbösewichts heimlich ihre Mimik- und Gesprächsanalysen am Verdachtsobjekt betreiben.

Im deutschen Auftaktfall um Peter Kurths Wendeprofiteur Müller, dem der erfahrene Kommissar Schulz mit seiner hochschwangeren Kollegin Keller einen Mord im Wiedervereinigungschaos nachweisen will, ist oberflächlich betrachtet also vieles Effekthascherei. Überzogene Cop-Karikaturen wie Florence Kasumba jazzen die trockene Verhörsituation echter Polizeiarbeit zum shakespeareschen Drama hoch, in dem leugnende Delinquenten selbst kurz vor ihrer Enttarnung nie stocken, haspeln, schwitzen, schwanken. Dialoge sind da oft Orgien kreativer Schlagfertigkeit und folgen – trotz verblüffender Auflösung am Ende – einer vielfach vorhersehbaren Dramaturgie.

Im englischen Pendant darf der leibhaftige Shakespeare-Darsteller David Tennant, bekannt aus "Broadchurch", dagegen unter Druck agieren, wie es Normalsterbliche unter Druck nun mal tun: unsicher, fahrig, nervös. Und das, obwohl sein Charakter auf neun von zehn Fragen zum Sexualmord an seiner minderjährigen Tochter stoisch "kein Kommentar" entgegnet. Auch in der französischen Version von Frederic Mermoud oder Mariano Barrosos spanischer Fassung sind besonders die Charaktere hinterm falschen Spiegel weniger artifiziell und das gesamte Szenario damit irgendwie authentischer. Klingt also alles nach dem üblichen Qualitätsgraben, der internationale Serien von deutschen (nicht: deutschsprachigen!) trennt. Theoretisch. Praktisch jedoch bewirkt das baugleiche Bühnenbild etwas Ungewöhnliches: anders als beim "Tandem" genannten Arte-Projekt, in dem französische und deutsche Teams vor vier Jahren ihre völlig unterschiedliche Sicht auf die Atomenergie fiktionalisiert haben, beschränken sich die Unterschiede zur angloamerikanischen Erzählkunst diesmal zum Beispiel darauf, dass in England Tee statt Kaffee im Einwegbecher gebracht wird.

Schon die Ausstattung dämpft den deutschen Hang zur selbstreferenziellen Melodramatik also spürbar ab. Das gilt für die in Folge 2 und 3 Verhörten Deniz Arora und Nina Hoss beinah ebenso wie im verschwiegenen Gesicht der Alphatier-Ruine Peter Kurth vorweg. Und nicht nur das. Während sich die englische Lesart erstaunlicherweise mehr auf klassische Fallanalyse konzentriert, verhandelt der hiesige Ansatz nebenbei noch soziokulturelle Randaspekte wie geschlechtsbedingte Hierarchien am Arbeitsplatz. Indem die Autoren Sebastian Heeg (Blaumacher) und Bernd Lange (Das Verschwinden) gnadenlos männliche Profilneurosen offenlegen, ohne den Profilneurotiker zu denunzieren, bringen Eva Meckbach und Sylvester Groth dieses prallgefüllte Fass als ungleiches Ermittlungsduo parallel zur Haupthandlung mit fein dosiertem Kompetenzgerangel fast zum Überlaufen.

Wenn Christian Berkel diese Nebenkriegsschauplätze als Anwalt eines vermeintlichen Frauenschlägers virtuos fortsetzt, liegt die Messlatte für eine Fortsetzung also hoch. Denn die darf, sie wird kommen. Vielleicht ja mit noch mehr Ländervergleichen, gerne überseeischen. Schließlich müssen internationale Koproduktionen nicht immer so furchtbar misslingen wie die kaputtsynchronisierte Klischeeparade The Team im ZDF. Fazit: wenn die Startbedingungen vergleichbar sind, kann Europa richtig gut funktionieren.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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