Chez Krömer © rbb/Daniel Porsdorf
Staffelfinale bei "Chez Krömer"

Krömer-Comeback im RBB: Gerade nochmal gut gegangen

 

In seiner neuen Sendung bat Fernsehrückkehrer Kurt Krömer Gäste zum Talk-Verhör, für die er sich gar nicht interessierte. Das ging gründlich schief. In der letzten Ausgabe von „Chez Krömer“ rettet ihm Stefan Kretzschmar die Show – und uns die gute Laune.

von Peer Schader
24.09.2019 - 17:45 Uhr

Ein Freund, ein guter Freund, ist das Beste, was es gibt auf der Welt – bekanntlich auch, wenn die ganze Welt zusammenfällt. Und um ehrlich zu sein, stand die von Fernsehrückkehrer Kurt Krömer in den vergangenen Wochen kurz vor der kaum mehr abwendbar scheinenden Implosion. Bevor an diesem Dienstagabend zum Finale des Talk-Verhörs „Chez Krömer“ sein Kumpel Stefan Kretzschmar auftaucht und hilft, die Katastrophe im letzten Moment noch abzuwenden: mit 30 Minuten gut gelaunter Unterhaltung, wie es sie nur noch selten gibt im deutschen Fernsehen. (Vor allem im RBB.)

Dabei hatte der 44-Jährige vor vier Jahren eigentlich bereits abgeschlossen mit dem Medium: Er habe sich entschieden, seinen „künstlerischen Schwerpunkt ausschließlich auf die Bühne zu verlagern", informierte Krömer seinen überraschten Haussender 2015 (per Post); die profane Massenunterhaltung, Pardon: Fernsehen sei „nicht mehr vereinbar“ mit seinem Wunsch, dem Publikum „Substanz und gut ausgefeilte Inhalte anzubieten“. Dass Krömer sich’s ein halbes Jahrzehnt darauf doch noch mal anders überlegt und seinem inneren Howard Carpendale nachgegeben hat, könnte natürlich ein clever angelegter Test sein, ob sich das der eigenen Präsenz nicht ganz abträgliche Medium eventuell auch ohne zufrieden gäbe: ohne gut ausgefeilte Inhalte nämlich.

Oder, und das ist mindestens genauso realistisch, „Chez Krömer“ war zum Auftakt einfach ein riesiger Unfall.

Talk im Verhörraum

Dabei bestand von Anfang an Klarheit, dass es in der neuen Sendung anders zugehen würde als gewohnt. Erwartet würden „Gäste, die es nicht anders verdient haben“, lockte der Sender vorab. Statt einer gemütlichen Bühnen-Sessellandschaft wartete auf die Eingeladenen ein rundherum abgeschlossener Verhörraum, den Krömer von seinem davor aufgebauten Beamtenschreibtisch kommend nach Öffnung diverser Vorhängeschlösser betrat, um dort – abgetrennt vom Studiopublikum durch eine verschmierte Scheibe – sein Verhör zu beginnen. Mit größtmöglicher Staatssicherheitsbeamtenrollenauthentizität.

Seinem ersten Gast, dem Motivationstrainer Jürgen Höller, schaute Krömer während des Verhörs kein einziges Mal in die Augen, fiel ihm penetrant ins Wort, erteilte sinnlos Anweisungen und ging grundsätzlich nicht auf das ein, was der Gast zu erzählen bereit war. Einspielfilme mit kritischen Einlassungen zu Höllers Methoden und seiner Vergangenheit sollten entlarvend wirken – verpufften aber, weil Krömer dazu bloß Plumpheiten aus seiner mitgebrachten Akte zu entnehmen wusste.

Auf dem Papier mag sich das Konzept, Gäste vor den Kopf zu stoßen anstatt sie mit den ARD-üblichen Säuseleien einzuwickeln, wie ein reizvoller Ausbruch aus den immer gleichen Abläufen der Zombietalkshows in den Dritten Programme gelesen haben. In der Umsetzung allerdings war es eine Qual – nicht bloß für den Gast, auch für die Zuschauer. Vor allem, weil es Krömer durch sein übertriebenes Desinteresse nicht gelang, das Experiment so zu gestalten, dass dessen Effekt über die reine Provokation hinaus gereicht hätte.

Sympathien für Amthor

Gut, Krömer hat’s geschafft, kurzzeitig die Sympathiewerte für Phillipp Amthor ins Unermessliche schießen zu lassen – selbst bei Menschen, die dem CDU-Youngster sonst nicht übermäßig positiv verbunden sind. Aber auch nur, weil die mit penetrantem Geduze vorgetragenen Witze über Amthors jugendliches Aussehen so abgedroschen waren, dass man sich automatisch auf die Seite des geringfügig souveräneren Übels schlagen musste. „Ganz schön spät. Sandmann ist ja schon durch“, ging’s los. „Und? Freust dich schon auf die Pubertät?“, ging’s weiter. Für dazwischen hatte Krömer Malbuch, Kekse und Brause mitgebracht. Amthor machte mittelgute Miene zum doofen Spiel und punktete gleich am Anfang: „Ich hab gewettet, ob der erste Joke schon ein Altersjoke ist. Wow, well done.“ Und Krömer murmelte hilflos: „Hab ich akustisch nicht verstanden.“

Verstanden hat Krömer vor allem nicht, dass solche Auftritte deshalb so ärgerlich sind, weil das deutsche Fernsehen jemanden wie ihn eigentlich dringend nötig hat: einen, der nicht viel auf Konventionen gibt, auch nicht in den Gesprächen mit seinen Gästen, der deswegen auch überraschende Angriffe nicht scheut und die größtmögliche Antilanzbeschichtung mitbringt. Das geht aber nur so lange gut, wie es ihm in seiner Rolle als Host auch tatsächlich gelingt, dem Zuschauer zumindest zu suggerieren, er interessiere sich ansatzweise für denjenigen, den er eingeladen hat. (Weil: Sonst kann man echt auch bügeln gehen.)

Bei Höller und Amthor war das ganz offensichtlich nicht der Fall. Und eigentlich hätte man nach der zweiten Ausgabe deshalb getrost aufhören können mit dem Quatsch – wäre das Gespräch mit dem Juso-Vorsitzendem Kevin Kühnert danach nicht schon ein klein bisschen anders gelaufen.

Kevin Kühnert und der Kackeldackel

Der Verhöratmosphäre zum Trotz schien Krömer diesmal tatsächlich neugierig auf das zu sein, was Kühnert über seine Absage an den SPD-Parteivorsitz zu sagen hatte, für den ihn viele gerne hätten kandidieren sehen. Krömer hakte nach und pendelte sich auf einem angenehmen Maß an Kratzbürstigkeit ein, das auch Kühnert Laune machte, Contra zu geben. Auf dem Umweg über Kühnerts (und Krömers) Nichtausbildung war schließlich sogar noch Zeit für ein paar Albernheiten aus der Zeit, in der die heutige SPD-Hoffnung im Callcenter arbeite, um Spielwarenreklamationen anzunehmen. „Sie haben jetzt drei mal Kackeldackel gesagt“, motzte Krömer mit gespielter Empörung. Kühnert erwiderte: „Sie haben dreimal nachgefragt.“ Und mit einem Mal war „Chez Krömer“ unerwartet dich noch ganz gutes Entertainment. Mit ausreichend Luft nach oben.

Was schon deshalb praktisch ist, weil Handballer Stefan Kretzschmar die heute Abend in Anspruch nehmen kann. Er müsse sich korrigieren, laviert Krömer zu Beginn der Abschlusssendung herum: Für die letzte Aufzeichnung hätten so viele angefragte Gäste abgesagt, dass man kurzerhand einen habe einladen müssen, der gar nicht unsympathisch sei, sondern Stefan Kretzschmar, mit dem der Gastgeber eine mehrjährige Freundschaft verbindet: „Wir haben das Konzept geändert: ‚Chez Krömer‘ – für Arschlöcher und Freunde.“

Chez Krömer© Screenshot: rbb


Und weil man Freunde nicht verhört (jedenfalls: nicht mehr), gab’s stattdessen kalten Döner und Champagner aus dem Kaffeebecher, um auf die Männerfreundschaft anzustoßen. Kretzschmar ließ sich alte TV-Sünden aus dem  Archiv vorführen, plauderte mit „Kurti“ ein bisschen über die gemeinsame Handball-Leidenschaft – und (gezwungenermaßen) darüber, dass man in Deutschland ja angeblich nicht mehr seine Meinung sagen darf, weil sich Kretzschmar vom Kumpel sein (wie er findet: missverstandenes) Zitat aus einem Video-Interview vorhalten lassen musste. Um dann kurzzeitig ganz ernsthaft darüber zu diskutieren, was da schief gelaufen war.

„Politiker, die kriegste“

Das funktioniert auch deshalb so gut, weil das Gespräch diesmal auf derselben Augenhöhe stattfindet (minus 30 Zentimeter) – ohne dass Krömer zwanghaft den Einschüchterer spielen muss. Und weil Kretzschmar so versiert mit Gags und Augengerolle dagegen hält, dass das erstmal pariert werden muss. Dass er zwischendrin auch noch Sendungskritik betreibt, ist ein schöner Bonus: „Es kommen ja nur noch Leute [zu dir], die sich im Hauptleben auch beleidigen lassen: Politiker. Die kriegste. Die sind’s ja nicht anders gewohnt. Aber Leute wie wir aus dem normalen Leben …“, meckert Kretzschmar. Und Krömer lügt nüchtern: „Aus dem normalen Leben? Du bist gerade mit dem Helikopter hier angekommen.“

Als der Gast andeutet, sich mit „solchen Räumen“ wie dem auf der Bühne auszukennen, ist Krömer wach genug, um direkt nachzufragen – und Kretzschmar erzählt, wie er als Teenager von Herren im Trenchcoat in ähnlichem Ambiente empfangen wurde, um über Verhaltensregeln bei Sportveranstaltungen im Ausland belehrt zu werden. „Politische Schulungen nannte man das in der DDR. Das war schon spooky.“

Schon vorher sind sich die beiden fast einig: „Wollen wir nicht mal was zusammen machen?“, wirbt Krömer. Und Kretzschmar antwortet: „Dann kommen auch Gäste.“ Erstmal reicht’s aber, wenn sich Krömer (mit Döner und Champagner) bei Kretzschmar für diesen Abschluss bedankt, der den arg holprigen Start seiner Fernsehrückkehr glücklicherweise in den Hintergrund rücken lässt. Und demonstriert, dass Fernsehen nicht automatisch dann gelingt, wenn man sich ein provokantes neues Konzept dafür ausdenkt. Sondern vor allem dann, wenn in einer Unterhaltung eine Beziehung zwischen Gastgeber und Gast entsteht, die vorher nicht stur einstudiert wurde.

Erst auswerten, dann fortsetzen

Dabei ist die Ausgangsidee von „Chez Krömer“ ja gar nicht schlecht: Voraussetzung für eingeladene Gäste war, dass keine Bücher in die Kamera gehalten werden und keine Promotion gemacht werden darf. Wird hart, das durchzuziehen – wäre aber großartig, wenn das gelingt. Man kann nur hoffen, dass all das auch jemand von den Verantwortlichen beim RBB und Friedrich Küppersbuschs ohnehin ganz gerne auf Krawall gebürsteter Produktionsfirma probono tv merkt, bevor die nächste Talkstaffel in Auftrag gegeben wird.

Bisschen schwierig ist da, dass ausgerechnet die ersten beiden krawalligeren Episoden diesen Monat im Netz zu den meistabgerufenen Videos des RBB-Kanals bei YouTube und in der Mediathek gehören. Aber bislang ist ohnehin noch nix entschieden: Man wolle sich erst noch für eine „Auswertung“ zusammensetzen, könne sich eine Fortsetzung aber „gut vorstellen“. „Kretzsche und Krömer“ wäre dafür ja Im Zweifel auch kein so schlechter Name.

Die letzte Ausgabe von „Chez Krömer“ läuft am Dienstagabend um 22 Uhr im RBB und ist jetzt bereits in der Mediathek abrufbar; alle Folgen gibt’s außerdem auf YouTube.

Über den Autor

Peer Schader arbeitet als freier Journalist in Berlin. Schrieb seine erste TV-Kritik 2000 über eine RTL-II-Fahrschuldokusoap (und danach noch ein paar mehr). Mag Fernsehen vor allem dann, wenn es sich richtig viel Mühe gibt, sein Publikum zu fesseln.

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