Fett und Fett © ZDF
DWDL.de-Serienkritik

ZDF-Comedy "Fett und Fett": Wer will so etwas sehen? Wir!

 

Mit "Fett und Fett" wartet das ZDF mit einer Coming-of-Middleage-Comedy auf, die so unscheinbar daherkommt, dass es beinahe überrascht, wie unterhaltsam sie ist. Im Mittelpunkt stehen die Erste-Welt-Probleme unserer Millennials.

von Kevin Hennings
07.10.2019 - 16:40 Uhr

Alles ist doof und sinnlos. Oder wie es in der neuen ZDF-Comedy "Fett und Fett" analysiert wird: Ohne Sex und Geld bleibt dem Otto-Normalbürger immerhin noch Alkohol und deftiges Essen. Jacksch (Jakob Schreier) ist ein Endzwanziger, der den letztgenannten Sünden in seinem Leben immer wieder verfällt, während er davon träumt, Erstgenannte irgendwann sein Eigen nennen zu können. Doch wie es sich für einen vom Leben gebeutelten Millennial gehört, steigt er lieber Tag für Tag in Selbstmitleid ab, anstatt sein Leben umzukrempeln. Und so trampelt er in "Fett und Fett" mit seinem gemieteten DB-Bike in ein Fettnäpfchen ins Nächste – und lässt dabei mehr als einmal durchblicken, wie peinlich die Erste Welt jammert.

"Ich war doch nicht sechs Jahre auf der Uni und vier Jahre in der Ausbildung um mir hier die Probleme von einem 30-Jährigen nach dem anderen anzuhören, denen es eigentlich gut geht, die sich aber alle darüber beschweren, dass sie nicht wissen was sie wollen, sich nicht entscheiden können und sich nicht trauen ihre Bedürfnisse zu äußern", sagt Jackschs Psychaterin mit einem starren Kevin Spacey-Blick in die Kamera. "Wer will so etwas hören? Wer will so etwas sehen?"

Die Antworten darauf fallen paradox aus: Hören will man solche weinerlichen Zusammenbrüche in seinem eigenen Freundeskreis nicht. Nicht nur, weil man seine Freunde nicht leiden sehen möchte, sondern auch, weil es nervt. Selten drehen sich vermeintliche Tragödien um wahre Probleme. Sie als außenstehender Zuschauer zu begutachten macht jedoch in mehrerlei Hinsicht Spaß. "Fett und Fett" bietet nämlich nicht nur ein treffendes Porträt mittelerwachsener Lebenskrisen, sondern auch einen Spiegel mit Autokorrekturvorschlägen. Wenn Jacksch beispielsweise keine Eier in der Hose hat, um mit der netten Waschmaschinenverkäuferin zu flirten und anschließend weinerlich im Regen sitzt und später bei der Therapie unterschwellig verkaufen möchte, dass sein Leben sinnlos sei, erkennt sich möglicherweise auch manche einer vor dem Fernseher zu einem gewissen Grad wieder. Und schämt sich im besten Fall ein bisschen. 

Vor allem die Generation von Menschen, die nie Teil einer großen Menschheitskatastrophe wie Krieg oder Armut war, suhlt sich in jedem Wehwehchen, das sich ihr offenbart. Jakob Schreier, der neben der Hauptrolle auch die restlichen Aufgaben der Produktion mit seiner Kollegin Chiara Grabmayr übernommen hat, stichelt in dieser peinlichen Wunde der Selbsterkenntnis. Wie es schon der amerikanische Stand-Up-Comedian Louis C.K. mit "Louis" zu schaffen vermochte, bekommt es auch das deutsche Duo zu einem gewissen Grad hin, diese dramedyesken Umstände mit pfiffigen Pointen zu vereinen. Nicht ganz so smart, dafür aber oft ehrlich und nicht selten so fremdschamerfüllend wie bei "jerks".

Vor allem die angesprochenen Studenten werden um 0:15 Uhr wach und fit genug ist, solch eine Serie zu schauen. Nächste Woche läuft die erste Staffel von "Fett und Fett" dann im Hauptprogramm des ZDF. Zwischen 2015 und 2017 entstanden schon einmal frei finanzierte Folgen, die damals bei Vimeo online gestellt wurden. Sie sind als "Prequel" ab 2:30 Uhr nachts zu sehen. Da wird sie natürlich kaum jemand finden - Hauptauswertungsweg ist aber schließlich auch die ZDF Mediathek, in der alle Folgen ab sofort für sechs Monate abgerufen werden können.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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